Bar­ba­ra­tag

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR -

se­he­nes Kat­zen­vi­deo ist gut. Aber bes­ser ist ei­ne zu­las­ten von Flücht­lin­gen (oder Rech­ten, oder Lin­ken, oder wem auch im­mer) ge­fälsch­te Kri­mi­nal­sta­tis­tik, die das Blut in Wal­lung bringt und zu In­ter­ak­ti­on führt, et­wa ei­nem ei­ge­nen Kom­men­tar da­zu, der wie­der­um wei­te­re Klicks und Li­kes und Sha­res pro­vo­ziert. Je öf­ter wir uns ent­schei­den, die uns vor­ge­setz­ten In­hal­te an­zu­kli­cken, dar­auf zu re­agie­ren oder sie so­gar un­ter ei­ge­nem Na­men zu tei­len, des­to bes­ser ver­ste­hen Face­book und Goog­le, was wir le­sen und hö­ren wol­len. Was uns la­chen lässt, wor­über wir uns auf­re­gen, wo­vor wir Angst ha­ben. Und je bes­ser sie das wis­sen, des­to mehr gau­keln sie uns vor: Die Welt ist so, wie wir sie emp­fin­den, und nicht an­ders. So wer­den die ei­nen dar­in be­stärkt, dass auf deut­schen Stra­ßen bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zu­stän­de herrsch­ten – die an­de­ren dar­in, dass je­der ein­zel­ne Flücht­ling ein unend­lich dank­ba­rer Fach­ar­bei­ter ist und kein ein­zi­ger ein Dieb oder po­ten­zi­el­ler is­la­mis­ti­scher Mas­sen­mör­der. Bei­spiel: San­dra glaubt, Aus­län­der hät­ten ei­nen Bo­nus bei Po­li­zei und Jus­tiz, weil die un­ter al­len Um­stän­den ver­mei­den woll­ten, als dis­kri­mi­nie­rend zu gel­ten. Und je mehr sie dar­über liest und schreibt, des­to eher wer­den ih­re Such­an­fra­gen in die­se Rich­tung ver­voll­stän­digt und des­to mehr Bei­spie­le für sol­che Miss­stän­de fül­len ih­re Face­book-Ti­me­li­ne. Hus­sein glaubt das Ge­gen­teil – ara­bisch oder afri­ka­nisch aus­se­hen­de Men­schen wür­den über­pro­por­tio­nal oft „zu­fäl­lig“kon­trol­liert und ver­däch­tigt und vor Ge­richt här­ter be­straft – und auch ihm gibt Face­book Recht. Bei­des ist kor­rekt, aber als Aus­nah­men von der Re­gel. Doch San­dra und Hus­sein le­ben in Wel­ten, die da­von über­pro­por­tio­nal über­schat­tet sind. Wel­ten, in de­nen die Aus­nah­men zur Re­gel ge­wor­den sind. Wel­ten, die we­ni­ge Be­rüh­rungs­punk­te mit der Rea­li­tät ha­ben und gar kei­ne mit­ein­an­der. So wer­den un­ser al­ler Welt­bil­der ze­men­tiert. Tag für Tag ra­di­ka­li­sie­ren sich nicht nur Is­la­mis­ten, son­dern auch Is­lam­fein­de. Ve­ga­ner wie Fleisch­es­ser, Fans von Dort­mund und Schal­ke, VW und Opel. Der Me­di­en­for­scher Ger­ret von Nord­heim hat Tweets zum Amok­lauf von Mün­chen ana­ly­siert – und ei­ne Struk­tur ent­deckt, die aus­sieht wie zwei un­ter­schied­li­che Ster­nen­sys­te­me, „zwei in sich ge­schlos­se­ne, par­al­le­le Deu­tungs­wel­ten“. Und das, ob­wohl Twit­ter mit we­ni­ger Al­go­rith­men aus­kommt, die In­hal­te vor­sor­tie­ren, prio­ri­sie­ren und uns im Zwei­fel kom­plett vor­ent­hal­ten. „Pop­pers Alb­traum“nennt von Nord­heim das. Der Phi­lo­soph Karl Pop­per hat­te ge­hofft, dass sich die Ein­sicht durch­setzt, „dass ich mich ir­ren kann, dass du recht ha­ben kannst und dass wir zu­sam­men viel­leicht der Wahr­heit auf die Spur kom­men wer­den“.

So­wohl Goog­le als auch Face­book hat­ten ver­sucht zu ar­gu­men­tie­ren, „Fake News“sei­en kein Pro­blem, das et­wa die US-Prä­si­dent­schafts­wahl si­gni­fi­kant be­ein­flusst hät­te. Im­mer lau­ter wur­den dar­auf­hin die Ru­fe der­je­ni­gen, die den So­zia­len Me­di­en Schein­hei­lig­keit vor­war­fen: Für die De­mo­kra­tie­be­we­gun­gen im „Ara­bi­schen Früh­ling“woll­ten sie mit ver­ant­wort­lich sein – nicht aber für die Wahl von Do­nald Trump zum mäch­tigs­ten Mann der Welt, für den Br­ex­it und den Auf­stieg rechts- wie links­po­pu­lis­ti­scher Be­we­gun­gen in Grie­chen­land, Po­len, Frank­reich, Deutsch­land?

Schließ­lich knick­ten so­wohl Face­book als auch Goog­le doch ein, als ex­ter­ner Druck wie auch in­ter­ne Re­vol­ten zu groß wur­den: Man wer­de das The­ma of­fen­siv an­ge­hen und An­bie­tern von „Fake-Nach­rich­ten“nicht län­ger er­lau­ben, sich an von ih­nen ver­mit­tel­ter Wer­bung zu be­rei­chern, hieß es reu­mü­tig. Bes­ser spät als nie, könn­te man sa­gen, aber auch: zu spät für die­se Wahl.

Die „News“-Seite des Such­ma­schi­nen­gi­gan­ten hat­te Nut­zern ver­se­hent­lich vor­ge­gau­kelt, Do­nald Trump ha­be nicht nur mehr Wahl­män­ner, son­dern auch mehr tat­säch­li­che Wäh­ler­stim­men ge­win­nen kön­nen als Hil­la­ry Cl­in­ton; bei Face­book zir­ku­lier­ten gro­tes­ke Ge­rüch­te über Hil­la­ry Cl­in­ton bis hin zu von ihr an­geb­lich be­gan­ge­nen Mor­den. Meh­re­re Dut­zend pseu­do-jour­na­lis­ti­scher Sei­ten, die der­lei Bei­trä­ge ver­brei­ten, wer­den von Ju­gend­li­chen in der ma­ze­do­ni­schen Kle­in­stadt Ve­les be­trie­ben, die das Wer­be-Mo­no­pol von Goog­le für sich aus­nut­zen. Hun­dert­tau­sen­de, wenn nicht Mil­lio­nen Klicks und be­acht­li­che Wer­be­ein­nah­men sam­mel­ten sie mit Sei­ten wie UsaNewsFlash.com, us­a­dai­ly­po­li­tics.com oder Worl­dNewsPo­li­tics.com.

So et­was zu­künf­tig zu un­ter­bin­den, ist kei­ne Zen­sur. Es ist un­ab­ding­bar für das Funk­tio­nie­ren der De­mo­kra­tie, weil die Me­di­en­kom­pe­tenz zu vie­ler Nut­zer ge­gen null ten­diert. Das ist kein selbst­ge­rech­tes Jour­na­lis­ten­ge­re­de: Die Qua­li­tät ei­ner Qu­el­le hängt nicht von ih­rer His­to­rie ab; im Ge­gen­teil: Jour­na­list ist kei­ne ge­schütz­te Be­rufs­be­zeich­nung. Wer nach jour­na­lis­ti­schen Stan­dards ar­bei­tet, ist auch Jour­na­list. Des­halb dürf­te die Lö­sung auch nicht in der Ein­füh­rung von jour­na­lis­ti­schen Bei­rä­ten für Face­book und Co. lie­gen. Bes­ser und nach­hal­ti­ger wä­re, wenn die Schwar­min­tel­li­genz die Schwarm­dumm­heit be­siegt – und ins­be­son­de­re Face­book end­lich auf die­je­ni­gen hört, die bis­lang ver­geb­lich et­wa Hass­pos­tings an­pran­gern. Ver­meint­li­che von ech­ten Nach­rich­ten zu un­ter­schei­den, ist nicht schwer. Man muss es nur tun, be­vor es zu spät ist.

Am 4. De­zem­ber ist der Tag der Hei­li­gen Bar­ba­ra. Zwei­ge, die an die­sem Tag von Obst­bäu­men ab­ge­schnit­ten und ins war­me Was­ser ge­stellt wer­den, er­blü­hen an Hei­lig­abend. Die blü­hen­den Bar­ba­razwei­ge mit­ten im Win­ter sym­bo­li­sie­ren das Wun­der der Hei­li­gen Nacht. Der Brauch geht zu­rück auf die Le­gen­de von der hei­li­gen Bar­ba­ra. Die Toch­ter ei­nes rei­chen Kauf­manns leb­te im 3. Jahr­hun­dert in Ni­ko­me­dia in Klein­asi­en. Als sie die christ­li­che Re­li­gi­on ken­nen­lern­te, ließ sie sich tau­fen. Ihr Va­ter war ent­setzt, denn da­mals wur­den Chris­ten ver­folgt. Weil es ihm nicht ge­lang, sie vom Chris­ten­tum ab­zu­brin­gen, zeig­te er sei­ne Toch­ter an. Bar­ba­ra wur­de ins Ge­fäng­nis ge­wor­fen. Auf dem We­ge dort­hin ver­fing sich ein Kirsch­zweig in ih­rem Kleid. Den stell­te Bar­ba­ra in ih­rer Zel­le ins Was­ser. Am Tag, an dem sie zum To­de ver­ur­teilt wur­de, blüh­te der Zweig auf.

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