Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ma­ri­na saß ihm am Kü­chen­tisch ge­gen­über und hielt die gan­ze Zeit sei­ne Hand. Als er ge­en­det hat­te, sag­te sie: „Ich glau­be, Max sieht Ge­spens­ter. Hast du nicht ge­sagt, er trinkt?“

„Max ist der am klars­ten den­ken­de Al­ko­ho­li­ker, den ich ken­ne.“

„Er glaubt al­len Erns­tes, die Bank wol­le dich von dei­nen Re­cher­chen ab­len­ken, in­dem sie ir­gend­wie Ein­fluss nimmt auf die Fi­nan­zie­rung dei­nes Fil­mes? Jo­nas, lass dir dei­nen Traum nicht ver­mie­sen von ei­nem ab­ge­stürz­ten Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker. Mach dei­nen Film, ver­dammt noch mal.“

Der Boots­mann dros­sel­te den Mo­tor und ma­nö­vrier­te das Long­tail-Boot mit der me­ter­lan­gen An­triebs­wel­le zum Pier. Jo­nas be­zahl­te ihn und klet­ter­te auf die Platt­form.

Es war Nach­mit­tag, der graue Him­mel tief, die Luft sti­ckig und heiß.

Schon vom Pier aus wa­ren die Wach­tür­me zu se­hen. Hell­grau, schlank und leicht ko­nisch mit gra­zi­len, weit her­aus­ra­gen­den Dä­chern, fast wie Reis­hü­te.

Er be­trat das Ge­fäng­nis durch den Be­su­cher­ein­gang und ging zum Emp­fangs­t­re­sen. Dort nann­te er den Na­men des In­sas­sen, den er be­su­chen woll­te: Ca­me­ron Bus­bar, ein eng­li­scher Häft­ling, der sich seit elf Jah­ren hier be­fand. Jo­nas hat­te den Na­men aus dem In­ter­net. Er hät­te auch ei­nen an­de­ren der fast drei­hun­dert aus­län­di­schen Ge­fan­ge­nen wäh­len kön­nen. Aber Ca­me­ron hat­te sich für nicht schul­dig er­klärt, in­dem er sag­te, die hun­dert Gramm He­ro­in, die man bei ihm ge­fun­den hat­te, sei­en ihm un­ter­ge­ju­belt wor­den.

Bus­bar war zum To­de ver­ur­teilt wor­den. Spä­ter wur­de die Stra­fe auf sech­zig Jah­re re­du­ziert. Er war sechs­und­drei­ßig Jah­re alt, und neun­und­vier­zig la­gen noch vor ihm. – Man nahm Jo­nas den Pass ab und zeig­te ihm das Ge­bäu­de, zu dem er ge­hen sol­le. Dort muss­te er al­les ab­ge­ben, was er bei sich trug. Auch die Ka­me­ra.

Es nütz­te ihm nichts, dass er er­klär­te, er be­rei­te ei­nen Film vor und sei ei­gens zum Dre­hen hier­her­ge­kom­men. „No ca­me­ras“, wie­der­hol­te der Be­am­te. Und da­bei blieb es.

Er wur­de durch ein ei­ser­nes Tor in ei­nen sti­cki­gen Raum ge­führt, der nur von ein paar Glüh­bir­nen an der De­cke erleuchtet war. Es roch nach Fä­ka­li­en und dem Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, das den Gestank über­tö­nen soll­te. Brand über­gab ei­nem Wär­ter die Ge­schen­ke, die er mit­ge­bracht hat­te, ei­ne Ein­kaufs­ta­sche mit Früch­ten, Kek­sen, ein paar Bü­chern, vier To­ble­ro­ne und ei­ner Sa­la­mi, Letz­te­res aus der Schweiz. Er wur­de noch ein­mal von ei­nem Ge­fäng­nis­wär­ter ab­ge­klopft, dann schloss ein an­de­rer ein wei­te­res Ei­sen­tor auf, Jo­nas be­trat ei­nen In­nen­hof und von dort den Be­su­cher­raum.

Er war nicht der ein­zi­ge Be­su­cher. Es gab Rei­se­bü­ros, die Be­su­che in Bang Kwang or­ga­ni­sier­ten. Vor ei­ner mit Ma­schen­draht be­spann­ten Wand aus Git­ter­stä­ben sa­ßen Tou­ris­ten aus al­ler Welt und un­ter­hiel­ten sich über ei­nen schma­len Kor­ri­dor mit In­sas­sen, die hin­ter ei­ner zwei­ten, eben­falls mit Ma­schen­draht be­spann­ten Wand aus Git­ter­stä­ben sa­ßen.

Er wur­de zu ei­nem Stuhl ge­führt und auf­ge­for­dert, sich zu set­zen. Der Stuhl jen­seits der Git­ter und des Gan­ges war noch leer.

Wäh­rend er auf Ca­me­ron Bus­bar war­te­te, lausch­te er dem Stim­men­ge­wirr der Be­su­cher und In­sas­sen. Es herrsch­te ei­ne selt­sa­me Auf­ge­regt­heit auf bei­den Sei­ten. Al­le spra­chen laut, um sich ge­gen­sei­tig zu ver­stän­di­gen, was den Ge­sprä­chen ei­ne Mun­ter­keit ver­lieh, die so gar nicht zur Si­tua­ti­on der Ge­fan­ge­nen und dem, was sie zu sa­gen hat­ten, pass­te. (Fort­set­zung folgt)

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