NRW-Grü­ne wol­len Koh­le­strom bis 2037

Die Lan­des­ebe­ne will den Par­tei­tags­be­schluss der Bun­des­grü­nen kip­pen, der den Aus­stieg schon in acht Jah­ren vor­sieht.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON KIRS­TEN BI­AL­DI­GA UND THO­MAS REISENER

OBER­HAU­SEN Es war ei­ne ei­gen­tüm­li­che Mi­schung aus knall­har­ter Par­tei­pro­gram­ma­tik und Nost­al­gie, als das grü­ne Ur­ge­stein Reiner Prig­gen (63) ges­tern beim Lan­des­par­tei­tag in Ober­hau­sen auf die Büh­ne trat. Ge­plant war ein drei­mi­nü­ti­ges State­ment. Ge­wor­den sind dar­aus fast 20 Mi­nu­ten. „Flam­men­de Mi­nu­ten“, wie man bei ge­lun­ge­nen Re­den auch sagt.

Denn es ging um den Koh­le­aus­stieg und da­mit um Prig­gens po­li­ti­sches Herz­blut. Und es ging un­aus­ge­spro­chen auch um ihn selbst, denn nach 16 Jah­ren als Grü­ner im Land­tag, fünf da­von als Frak­ti­ons­chef, wird der Aa­che­ner sich im kom­men­den Jahr zu­rück­zie­hen. Am Sonn­tag hielt er sei­ne in­of­fi­zi­el­le Ab­schieds­re­de. „VW droht das Schick­sal, zum RWE der Au­to­mo­bil­in­dus­trie zu wer­den“, rief Prig­gen in den be­geis­ter­ten Saal. Denn genau wie der Ener­gie­rie­se zum Sa­nie­rungs­fall wur­de, weil er die Ener­gie­wen­de ver­schlief, dro­he Eu­ro­pas Au­to­bau­er die Elek­tro­mo­bi­li­tät zu ver­pas­sen.

Aber Prig­gen wä­re nicht Prig­gen, wenn er nicht auch sei­ner ei­ge­nen Par­tei mah­nen­de Wor­te mit auf den Weg ge­ben wür­de: „Was die Bun­des­par­tei da in Müns­ter ge­macht hat, ist Un­sinn“, kom­men­tier­te er ei­nen nur we­ni­ge Wo­chen al­ten Par­tei­tags­be­schluss, dem­zu­fol­ge Deutsch­land schon 2025 aus der Koh­le­ver­stro­mung aus­stei­gen soll. So et­was könn­ten sich nur Län­der aus­den­ken, wo die Koh­le­ver­stro­mung heu­te schon nach­ran­gig sei. „In NRW ha­ben wir 76 Pro­zent Strom­er­zeu­gung aus Koh­le. Das kann man nicht in acht Jah­ren ab­wi­ckeln. Nicht ein­mal mit ei­ner ab­so­lu­ten Mehr­heit“, so Prig­gen. Die NRW-Grü­nen müss­ten in die­ser Fra­ge des­halb die par­tei­in­ter­ne Fe­der­füh­rung über­neh­men und auf ein „rea­lis­ti­sches Aus­stiegs­da­tum im Jahr 2037“hin­ar­bei­ten. Bei der an­schlie­ßen­den Ab­stim­mung über das ent­spre­chen­de Ka­pi­tel im Par­tei­pro­gramm setz­te Prig­gen sich mit gro­ßer Mehr­heit durch.

Eben­so wie Spit­zen­kan­di­da­tin Sil­via Löhr­mann, die ih­ren Plan für ei­ne Gym­na­si­al­re­form ver­tei­di­gen konn­te. Im Streit um das Tur­bo-Abi will die am­tie­ren­de NRW-Bil­dungs- mi­nis­te­rin, dass die Gym­na­si­en gleich­zei­tig ein Abitur nach acht und nach neun Jah­ren an­bie­ten, so dass je­der Schü­ler an je­der Schu­le die Wahl hat. Ein Ge­gen­an­trag for­der­te hin­ge­gen die ge­ne­rel­le Ab­kehr vom Tur­bo-Abi – er wur­de nach kur­zer Dis­kus­si­on aber zu­rück­ge­zo­gen.

Gleich ganz zu Be­ginn des Grü­nen-Par­tei­ta­ges in Ober­hau­sen mach­te Löhr­mann schon am Frei- tag deut­lich, dass es bei die­ser NRW-Wahl um mehr geht: „Lasst uns 2017 in NRW auch den An­fang vom En­de der Bun­des­re­gie­rung ein­lei­ten.“An elf von 16 Lan­des­re­gie­run­gen sei­en die Grü­nen be­reits be­tei­ligt, „das ist ei­ne gran­dio­se Er­folgs­ge­schich­te“, rief die Spit­zen­kan­di­da­tin der NRW-Grü­nen ih­ren Par­tei­freun­den zu.

Doch für die Wahl­kämp­fe­rin Löhr­mann macht das die Sa­che nicht leich­ter. Auf Bun­des­ebe­ne muss sie die SPD als Teil der Gro­ßen Ko­ali­ti­on an­grei­fen, auf Lan­des­ebe­ne re­giert sie hin­ge­gen mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten. In ih­rer Re­de be­wäl­tig­te sie die­sen Spa­gat, in­dem sie die SPD auf Bun­des­ebe­ne harsch an­greift („das un­säg­li­che Agie­ren der SPD in Ber­lin“) und auf Lan­des­ebe­ne am bes­ten gar nicht er­wähn­te.

Um­ge­kehrt mach­te sie es mit der CDU. Auf Lan­des­ebe­ne geht sie in die Of­fen­si­ve, rück­te CDU und FDP gar in die Nä­he po­pu­lis­ti­scher Par­tei­en: „Wenn CDU und FDP post­fak­tisch un­ser Land be­schimp­fen, dann tref­fen sie da­mit nicht uns – dann tref­fen sie die Men­schen, die hier in NRW ar­bei­ten, le­ben und ih­re Hei­mat schüt­zen.“Der An­griff ge­gen die Bun­des-CDU hin­ge­gen fiel ver­gleichs­wei­se harm­los aus: „An der Eis­zeit zwi­schen An­ge­la Mer­kel und Horst See­ho­fer, da än­dert auch der schöns­te Som­mer nichts.“

Nur bei der FDP nahm Löhr­mann kei­ner­lei Rück­sich­ten: Po­li­tik sei kei­ne One-Man-Show, sag­te sie und spiel­te da­mit auf die Dop­pel­rol­le des Spit­zen­kan­di­da­ten Chris­ti­an Lind­ner im Land und im Bund an. Die FDP küm­me­re sich vor al­lem „um den schnells­ten Weg des Spit­zen­per­so­nals von Düs­sel­dorf nach Ber­lin“, so sag­te Löhr­mann in Ober­hau­sen.

Ne­ben dem ei­ge­nen Pro­gramm für die Land­tags­wahl stell­ten die Grü­nen in Ober­hau­sen auch ih­re NRW-Lis­te für die Bun­des­tags­wahl 2017 zu­sam­men. Der lang­jäh­ri­ge Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Vol­ker Beck, zu­letzt vor al­lem we­gen ei­ner Dro­gen­af­fä­re in den Schlag­zei­len, ver­zich­tet dar­auf, sich doch noch auf die Lan­des­lis­te für den Bun­des­tag wäh­len zu las­sen. Der 55-Jäh­ri­ge war am Frei­tag­abend in ei­ner Kampf­kan­di­da­tur um ei­nen der letz­ten aus­sichts­rei­chen Plät­ze un­ter­le­gen. Auf Platz 12 wur­de statt­des­sen der agrar­po­li­ti­sche Spre­cher der Bun­des­tags­frak­ti­on, Fried­rich Os­ten­dorff, ge­wählt.

FO­TO: DPA

Syl­via Löhr­mann, NRW-Spit­zen­kan­di­da­tin der Grü­nen, konn­te auf dem Lan­des­par­tei­tag ih­ren Plan für ei­ne Gym­na­si­al­re­form ver­tei­di­gen. Sie will, dass die Schu­len ein Abitur nach acht und nach neun Jah­ren an­bie­ten.

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