„Mein Platz ist in Nord­rhein-West­fa­len“

Der Her­aus­for­de­rer von Han­ne­lo­re Kraft über die Wirt­schafts­plä­ne sei­ner Par­tei, das Dau­er­the­ma Tur­bo-Abi und Fair­ness im Wahl­kampf.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - MICHA­EL BRÖCKER UND THO­MAS REISENER FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

DÜS­SEL­DORF Ei­nen Tag vor dem CDU-Bun­des­par­tei­tag in Es­sen gibt NRW-CDU-Chef Ar­min La­schet ers­te De­tails sei­ner Wahl­kampf­stra­te­gie für die Land­tags­wahl preis. Er will ex­ter­ne Per­sön­lich­kei­ten für sein Schat­ten­ka­bi­nett fin­den, bei ei­nem Wahl­sieg rot-grü­ne Ge­set­ze rück­ab­wi­ckeln und auch dann ei­ne Re­gie­rung bil­den, wenn sei­ne Par­tei nur zweit­stärks­te Kraft wird. Wenn Rot-Grün so schlecht ist, wie Sie sa­gen: War­um pro­fi­tie­ren Sie nicht da­von in Um­fra­ge­wer­ten? LA­SCHET Wir lie­gen in den Um­fra­gen fünf bis sechs Pro­zent bes­ser als bei der letz­ten Wahl und ste­hen heu­te Kopf an Kopf mit der SPD, die sechs bis sie­ben Pro­zent ver­lo­ren hat. Ro­tG­rün hat seit zwei Jah­ren kei­ne Mehr­heit mehr. Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft ist be­lieb­ter als Sie. LA­SCHET Je­der Amts­in­ha­ber ist be­kann­ter. Die­ser Be­kannt­heits­grad kommt aber nicht der SPD zu­gu­te. Selbst von den CDU-Wäh­lern ste­hen nur 40 Pro­zent hin­ter Ih­nen … LA­SCHET 2009 lag CDU-Mi­nis­ter­prä­si­dent Jür­gen Rütt­gers bei SPD-An­hän­gern weit vor Frau Kraft. Das hat aber nicht die Wahl ent­schie­den. Die Wahl wird über The­men ent­schie­den. Wel­che The­men? LA­SCHET NRW ist Schluss­licht beim Wirt­schafts­wachs­tum, der Un­ter­richts­aus­fall und das In­klu­si­ons­cha­os re­gen im­mer mehr Men­schen auf, und die Ta­ten­lo­sig­keit ge­gen Ein­bruchs­kri­mi­na­li­tät, No-go-Are­as und stei­gen­de Sala­fis­ten­zahl ist ei­ne Zu­mu­tung. War­um ist die Lan­des­re­gie­rung schuld an der Wirt­schafts­flau­te in NRW? LA­SCHET Bun­des­weit wächst die Wirt­schaft, nur NRW fällt zu­rück, da hier kei­ne Im­pul­se ge­setzt, son­dern statt­des­sen je­den Tag neue Ver­ord­nun­gen ge­macht wer­den, die je­de un­ter­neh­me­ri­sche Tä­tig­keit er­schwe­ren. Ein bü­ro­kra­ti­sches Lan­des­na­tur­schutz­ge­setz, Ta­rif­treue­ge­setz, Hy­gie­ne-Am­pel – das sind Be­hin­de­run­gen für je­den, der et­was un­ter­neh­men will. Al­so be­steht Ihr Wirt­schafts­pro­gramm nur aus der Rück­ab­wick­lung rot-grü­ner Initia­ti­ven? LA­SCHET Nein. Aber das Ers­te ist: Die Wirt­schaft braucht Luft zum At­men. Ei­ne Re­gie­rung selbst schafft kei­ne Ar­beits­plät­ze. Aber sie kann das Land zu ei­nem at­trak­ti­ven Stand­ort ma­chen, auch in­dem sie mög­lichst we­nig re­gu­liert. Wir müs­sen al­le Ge­set­ze und Ver­ord­nun­gen auf den Prüf­stand stel­len und mög­lichst viel ab­schaf­fen. Ganz frei ist Ber­lin üb­ri­gens auch nicht von Über­re­gu­lie­rung. Das ist zum Teil der gro­ßen Ko­ali­ti­on ge­schul­det. Was wür­den Sie denn kon­kret an­ders ma­chen, wenn Sie Mi­nis­ter­prä­si­dent wür­den? LA­SCHET Wir wür­den als Ers­tes den Lan­des­ent­wick­lungs­plan re­vi­die­ren, um Raum zu schaf­fen, ei­ne Pla­nungs­of­fen­si­ve für In­fra­struk­tur auf den Weg brin­gen, um end­lich die Gel­der des Bun­des zu ver­bau­en, und Hoch­schul­frei­heit wie­der ein­füh­ren, um In­no­va­ti­on zu för­dern. Von je­dem Mi­nis­ter, der et­was Neu­es re­geln will, wür­de ich er­war­ten, dass er ei­ne Vor­schrift ab­schafft. Dar­über hin­aus wür­de ich als Mi­nis­ter­prä­si­dent für un­ser gro­ßes Land in Ber­lin kämp­fen. Dass sich Frau Kraft dort ver­ab­schie­det hat, war ein Feh­ler, der NRW ge­schwächt hat. In der Braun­koh­le­po­li­tik über­ho­len Sie Frau Kraft ja links und wol­len Struk­tu­ren er­hal­ten… LA­SCHET Ist es links, für In­dus­trie­ar­beits­plät­ze zu kämp­fen? Und ist es sinn­voll, ei­ne gan­ze Re­gi­on vor­zei­tig in den Koh­le­aus­stieg zu trei­ben, ob­wohl der Ein­fluss der NRW-Braun­koh­le auf das Welt­kli­ma kaum mess­bar ist? Der Strom muss ja trotz­dem ir­gend­wo her­kom­men. Lo­ve­pa­ra­de, SEK-Af­fä­re, Ein­bruchs­zah­len, Köl­ner Sil­ves­ter­nacht: Wie ha­ben Sie es ge­schafft, dass Ralf Jä­ger im­mer noch In­nen­mi­nis­ter ist? LA­SCHET Das müs­sen Sie Frau Kraft fra­gen. Sie meint of­fen­kun­dig, dass Herr Jä­ger der Bes­te ist, den sie fin­den kann. Aber Sie ha­ben den Rück­tritt ja nicht ein­mal ge­for­dert. LA­SCHET Weil stän­di­ge Rück­tritts­for­de­run­gen Al­bern­hei­ten sind. Herr Jä­ger ge­nießt das Ver­trau­en von Frau Kraft. Nicht meins. Und auch nicht das der Men­schen. War schäd­lich für Sie, dass Schwar­zGelb an der Po­li­zei ge­spart hat? LA­SCHET Das ist zehn Jah­re her. Und ent­ge­gen der rot-grü­nen Le­gen­den­bil­dung hat Schwarz-Gelb da­mals mehr ein­ge­stellt, als die Vor­gän­ger­re­gie­rung St­ein­brück zu­vor ge­plant hat­te. Frau Kraft duckt sich weg und las­tet al­les, was in NRW schief­läuft, der fünf­jäh­ri­gen CDU/FDP-Re­gie­rung an. Das ist zu bil­lig. Die Bilanz der Amts­zeit Jä­ger ist: Re­kord­ein­bruchs­zah­len, Ver­sechs­fa­chung der Zahl der Sala­fis­ten, Ver­vier­fa­chung der Ro­cker­zah­len. Wie vie­le zu­sätz­li­che Po­li­zis­ten braucht NRW? LA­SCHET Ei­ne ex­ak­te Zahl kann man nicht fest­le­gen. War­um nicht? LA­SCHET Weil wir das gera­de bei der Aus­wer­tung der Ant­wort der Lan­des­re­gie­rung auf un­se­re Gro­ße An­fra­ge zur Po­li­zei­struk­tur prü­fen und weil es die Dis­kus­si­on ver­engt. Ne­ben mehr Per­so­nal braucht es auch ei­ne bes­se­re Or­ga­ni­sa­ti­on und mehr Be­fug­nis­se: Wir brau­chen Po­li­zei­ver­wal­tungs­as­sis­ten­ten, um mehr Po­li­zei auf die Stra­ße zu brin­gen, „Pre­dic­tive Po­li­cing“zur vor­aus­schau­en­den Be­kämp­fung von Woh­nungs­ein­brü­chen, Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung von Ban­den, Vi­deo­über­wa­chung an öf­fent­li­chen Plät­zen, Schlei­er­fahn­dung in Grenz­ge­bie­ten. Wer­den Sie ein mi­nis­tra­bles Team prä­sen­tie­ren? LA­SCHET Wir wer­den mit ei­nem Team in den Wahl­kampf ge­hen. Für die Auf­ga­be braucht man ei­ne gu­te Mann­schaft. In dem Team könn­ten auch Per­sön­lich­kei­ten au­ßer­halb der Par­tei­po­li­tik sein. Blei­ben Sie auch in NRW, wenn Sie die Wahl ver­lie­ren? LA­SCHET Mein Platz ist in Nord­rhein-West­fa­len. Der Lan­des­vor­sit­zen­de der NRW-CDU soll­te Mit­glied des Land­ta­ges sein. Das hat sich be­währt. War­um ha­ben Sie als letz­te Par­tei im Land­tag ein Kon­zept für ei­neGym­na­si­al­re­form vor­ge­legt? LA­SCHET Wir ha­ben uns Zeit ge­nom­men, Schü­lern, El­tern und Leh­rern zu­zu­hö­ren – und dann ein Kon­zept vor­ge­legt, das um­setz­bar ist und dau­er­haft Ru­he an die Schu­len bringt. Wir er­mög­li­chen ein ech­tes G9. Die Schu­len, die G8 wei­ter­hin wün­schen, kön­nen oh­ne Ve­rän­de­rung wei­ter­ar­bei­ten. War­um drü­cken Sie sich vor der Tur­bo-Abi-Ent­schei­dung? LA­SCHET Die Schu­len kön­nen bes­ser ent­schei­den, ob G8 oder G9 dort funk­tio­niert. Aber G8/G9 ist nicht das Haupt­pro­blem. Al­le Schu­len lei­den un­ter Un­ter­richts­aus­fall, der Kon­zept­lo­sig­keit von Rot-Grün für die Un­ter­rich­tung Zehn­tau­sen­der Flücht­lings­kin­der und der un­ter­fi­nan­ziert wie plan­los ein­ge­führ­ten In­klu­si­on. Wir brau­chen ein Mo­ra­to­ri­um: Kei­ne För­der­schu­le darf ge­schlos­sen wer­den. Die In­klu­si­on darf erst fort­ge­setzt wer­den, wenn es ge­nug Geld und Per­so­nal gibt. Wie sa­nie­ren Sie den Haus­halt? LA­SCHET Wenn es uns ge­lingt, die Steu­er- und Wirt­schafts­kraft zu stär­ken, ha­ben wir mehr Steu­ern … … das ist die ein­fachs­te Po­li­ti­ker­ant­wort und ein Hoff­nungs­wert. Wo wol­len Sie spa­ren? LA­SCHET Mehr Wirt­schafts­wachs­tum ist kein Hoff­nungs­wert, son­dern mög­lich. Der Fi­nanz­mi­nis­ter plant für 2017 im­mer noch 1,6 Mil­li­ar­den Eu­ro neue Schul­den ein, trotz Re­kord­steu­er­ein­nah­men und his­to­ri­schen Nied­rig­zin­sen. Ihr kon­kre­ter Vor­schlag? LA­SCHET Wo sind die spru­deln­den Steu­er­mehr­ein­nah­men der letz­ten Jah­re ge­blie­ben? Vie­les wur­de in un­sin­ni­ge Kli­en­tel­pro­gram­me ge­steckt. Spar­vor­schlag? LA­SCHET We­ni­ger Bü­ro­kra­tie­per­so­nal in Mi­nis­te­ri­en, we­ni­ger För­der- pro­gram­me für ideo­lo­gi­sche Spiel­wie­sen. Auch beim So­zi­al­ti­cket, das kaum Wir­kung er­zielt, und bei der Bei­trags­frei­heit in Ki­tas ha­ben wir Haus­halts­an­trä­ge ge­stellt. Wich­ti­ger für die Bil­dungs­qua­li­tät sind klei­ne­re Grup­pen und ei­ne bes­se­re Be­zah­lung der Er­zie­he­rin­nen. Da­für muss man vor­han­de­ne Gel­der um­schich­ten. Aber zu Ih­rer Be­ru­hi­gung: Ich bin si­cher, dass sich beim Kas­sen­sturz nach der Land­tags­wahl man­ches fin­den lässt, was ein­ge­spart wer­den kann. Auch der jet­zi­ge Fi­nanz­mi­nis­ter fin­det ja jetzt vor der Wahl im­mer noch Geld für Wahl­ge­schen­ke. Wür­den Sie die Stu­di­en­ge­büh­ren wie­der ein­füh­ren? LA­SCHET In der al­ten Form sind Stu­di­en­ge­büh­ren kein The­ma. Aber ich hal­te es für ein Ge­bot der so­zia­len Ge­rech­tig­keit, min­des­tens über Mo­del­le nach­zu­den­ken, wie wir die­je­ni­gen fi­nan­zi­ell an der aka­de­mi­schen Aus­bil­dung be­tei­li­gen, die spä­ter nach­weis­lich mehr ver­die­nen. Dass Pfle­ger für ih­re Aus­bil­dung zah­len und Ärz­te nicht, ist schräg. Wür­den Sie auch ei­ne Ko­ali­ti­on bil­den, wenn die CDU hin­ter der SPD liegt? LA­SCHET Wer ei­ne mehr­heits­fä­hi­ge Re­gie­rung bil­den kann, wird Mi­nis­ter­prä­si­dent. Da­zu muss man nicht stärks­te Par­tei im Land­tag sein. Sie schlie­ßen die Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on nicht aus. FDP und Grü­ne wol­len Can­na­bis er­lau­ben. Was hal­ten Sie von ei­nem Ja­mai­ka-Cof­fee­shop in Düs­sel­dorf? LA­SCHET Gibt es nicht. Das ma­chen wir nicht mit. Ha­ben Sie schon mal ge­kifft? LA­SCHET Nein. Auch nicht wie Bill Cl­in­ton, oh­ne zu in­ha­lie­ren? Sie wis­sen ja gar nicht, wor­über Sie re­den. LA­SCHET (lacht) Nein. Aber im Ernst: Ein en­ger Ver­wand­ter mei­ner Frau hat Dro­gen ge­nom­men und sich rui­niert. Das war für mich seit mei­ner Ju­gend­zeit ei­ne War­nung.

FO­TO: DPA

Ar­min La­schet (55), Vor­sit­zen­der der nord­rhein-west­fä­li­schen CDU, auf der Ter­ras­se vor sei­nem Bü­ro im Düs­sel­dor­fer Land­tag .

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