Stel­len Sie sich nicht auf frem­de Waa­gen!

We­nigs­tens ha­ben wir noch Da­ten in un­se­rer post­fak­ti­schen Ge­sell­schaft. Gro­ße, Big Da­ta, und sol­che, die mit klei­nen Da­ten zu tun ha­ben: Ih­rem Ge­wicht.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rheinische-post.de

Kürz­lich er­zähl­te ein Ge­schäfts­part­ner bei ei­nem Es­sen, dass er mit sei­ner Putz­frau ge­wet­tet ha­be, er kön­ne ihr Ge­wicht ra­ten. Sie wil­lig­te ein und war ver­blüfft, dass er ihr Ge­wicht bis auf die Nach­kom­ma­stel­le nen­nen konn­te. Ein paar Wo­chen spä­ter wie­der­hol­te er das Ra­te­spiel. Schließ­lich lüf­te­te er sein klei­nesGe­heim­nis: Seit ei­ni­gen Wo­chen stand ei­ne neue Waa­ge in sei­nem Ba­de­zim­mer. Ei­ne mit W-Lan.

Der Kol­le­ge ist un­ter die Läu­fer ge­gan­gen und hat­te sich mit al­lem High­tech-Schnick­schnack aus­ge­stat­tet: Schritt­zäh­ler, Blue­too­thB­rust­gurt (um die Herz­fre­quenz an das Smart­pho­ne zu über­mit­teln) und eben der W-Lan-Waa­ge. Sie über­mit­telt das Ge­wicht au­to­ma­tisch an die da­zu­ge­hö­ri­ge App. Der Kol­le­ge wun­der­te sich über (nied­ri­ge) Mess­wer­te zu un­ge­wöhn­li­chen Zei­ten. Die Da­ten lie­ßen letzt­end­lich nur ei­nen Schluss zu: Sei­ne Putz­frau stellt sich re­gel­mä­ßig auf die Waa­ge in sei­nem Ba­de­zim­mer.

Gro­ßes Ge­läch­ter in der Run­de. Au­ßer bei mir. Denn genau die glei­che Er­fah­rung ma­che ich seit Mo­na­ten mit mei­ner W-Lan-Waa­ge. Die App un­ter­schei­det zwi­schen mei­nen Mess­wer­ten und de­nen mei­ner Gäs­te. Und ich kann Ih­nen sa­gen: Die Gast­spal­te ist gut ge­füllt. Die nicht-re­prä­sen­ta­ti­ve For­schung in mei­nem Ba­de­zim­mer er­gibt: Je­der drit­te Be­su­cher stellt sich auf mei­ne Waa­ge. Ir­gend­wann ha­be ich ei­ne Freun­din ge­lobt, dass sie jetzt zwei Ki­lo we­ni­ger wie­gen wür­de, und sie ge­fragt, wie lan­ge sie die 61 Ki­lo­gramm­denn nun schon hal­te. Die- se „wo­her weiß er das“-Mo­men­te sind un­ver­gess­lich. Ich ha­be mich un­ter W-Lan-Waa­gen­be­sit­zern um­ge­hört: Auch sie be­rich­ten von vie­len Gast­auf­trit­ten auf ih­ren Waa­gen.

Was sagt uns das? Trau­en Sie kei­ner Waa­ge, die Sie nicht ken­nen. Sie könn­te Ihr Ge­wicht an den Be­sit­zer über­mit­teln. Es gibt noch ei­nen span­nen­de­ren Aspekt: Of­fen­sicht­lich lie­ben es vie­le Men­schen, sich auf frem­de Waa­gen zu stel­len. In ei­nem Mo­ment des Sich-un­be­ob­ach­tet-Füh­lens über­prü­fen sie ihr ei­ge­nes Ge­wicht. Zur Ge­nug­tu­ung, oder um das schlech­te Ge­wis­sen zu füt­tern. Oh­ne die Welt der ver­netz­ten Haus­halts­ge­rä­te hät­ten wir das nie er­fah­ren.

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