Wahl­kampf mit Big Da­ta

Mit Al­go­rith­men im In­ter­net lässt sich in­di­vi­du­el­les Ver­hal­ten steu­ern – das wird im­mer ge­ziel­ter bei po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen ge­nutzt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

BER­LIN Nun be­gin­nen sie wie­der zu brü­ten, die Wer­be­agen­tu­ren, die für die Par­tei­en Kon­zep­te für den nächs­ten Bun­des­tags­wahl­kampf schnei­dern: Wel­che Bot­schaft soll auf wel­chen Pla­ka­ten die Stra­ßen der Re­pu­blik be­herr­schen? Was die Bun­des­tags­par­tei­en tra­di­tio­nell in der hei­ßen Pha­se des Wahl­kamp­fes zu im­mer neu­em Le­ben er­we­cken, ha­ben die Wer­be­pro­fis des US-Prä­si­dent­schafts­wahl­kamp­fes längst für tot er­klärt: Pla­ka­te für al­le bräch­ten nichts. Sie nut­zen längst die neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, je­den ein­zel­nen Wäh­ler in­di­vi­du­ell an­zu­spre­chen.

Es ist kein be­klem­men­des Zu­kunfts­sze­na­rio, das „Das Ma­ga­zin“aus der Schweiz re­cher­chiert hat. Es be­schreibt die Wahl­ent­wick­lun­gen der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit: Wie es kam, dass der völ­lig un­be­kann­te Ted Cruz zum be­lieb­tes­ten Al­ter­na­ti­vKan­di­da­ten zu Do­nald Trump wer­den konn­te. Wie das Br­ex­it-La­ger die Stim­mung dreh­te. Und nicht zu­letzt, wie Trump selbst ne­ben der ei­gent­li­chen klas­si­schen Wahl­kampf­zen­tra­le ei­ne zwei­te Or­ga­ni­sa­ti­on schuf, die sich in aus­ge­wähl­ten Schlüs­sel­staa­ten die un­ent­schie­de­nen Wäh­ler vor­knöpf­te und ih­re Wahl­ab­sicht durch genau zu­ge­schnit­te­ne In­for­ma­tio­nen zu be­ein­flus­sen ver­such­te. Mit Er­folg.

Da­bei han­delt es sich gar nicht um ge­heim ge­hal­te­ne neue Er­kennt­nis­se, aus de­nen sich, wie der Psy­cho­me­trik-Wis­sen­schaft­ler Micha­el Kos­in­ski sich aus­drückt, ei­ne „Bom­be“der Mas­sen­ma­ni­pu­la­ti­on bau­en lässt. Da­hin­ter steht die 36 Jah­re al­te psy­cho­lo­gi­sche Er­kennt­nis, dass sich der Cha­rak­ter ei­nes Men­schen an­hand von fünf Per­sön­lich­keits­merk­ma­len be­stim­men und dar­an sein wahr­schein­li­ches Ver­hal­ten vor­aus­sa­gen und be­ein­flus­sen lässt. Wem es ge­lingt, die Of­fen­heit, die Ge­wis­sen­haf­tig­keit, die Grup­pen­be­zo­gen­heit, die Ver­träg­lich­keit und die Ver­letz­lich­keit ei­ner Per­son her­aus­zu­fin­den, der hat sie mehr oder we­ni­ger in der Hand.

Frü­her brauch­te man da­für um­fang­rei­che Fra­ge­bö­gen und Kon­troll­un­ter­su­chun­gen. Al­so nichts für grö­ße­re Grup­pen, erst recht nicht für gan­ze Ge­sell­schaf­ten. Heu­te rei­chen schon die öf­fent­li­chen „Li­kes“von Face­book-Nut­zern für ei­ne ers­te Ana­ly­se. Und wer dann noch Mil­lio­nen Da­ten über Kon­sum­ver­hal­ten, Wohn­adres­se, Be­ruf, Be­we­gung da­zu­kauft, der kann je­den Ein­zel­nen mit ei­ner spe­zi­ell auf ihn zu­ge­schnit­te­nen Bot­schaft er­rei­chen.

Bei Youtu­be ist öf­fent­lich nach­zu­ver­fol­gen, wie das ge­macht wird. Alex­an­der Nix hat die Prin­zi­pi­en bei ei­nem Zu­kunfts­kon­gress im Sep­tem­ber in New York er­läu­tert: „Die Macht von Big Da­ta und Psy­cho­gra­fie“, hieß sein Vor­trag. Und Nix weiß, was er da in der Hand hält. Sei­ne Fir­ma Cam­bridge Ana­ly­ti­ca steck­te so­wohl hin­ter der Br­ex­itKam­pa­gne als auch hin­ter dem On­li­ne-Wahl­kampf von Trump. Und er weiß, mit wel­chen Bot­schaf­ten der ein­zel­ne Ame­ri­ka­ner oder Bri­te ver­lei­tet wer­den kann, sei­ne Stim­me dem be­wor­be­nen Kan­di­da­ten zu ge­ben. Oder auch, wie An­hän­gern des geg­ne­ri­schen La­gers in­di­vi­du­ell Zwei­fel ver­mit­telt wer­den, die sie von der Stimm­ab­ga­be ab­hal­ten. Tat­säch­lich ba­sier­te Trumps Er­folg nicht nur dar­auf, vie­le Un­zu­frie­de­ne zur Wahl zu brin­gen, son­dern auch dar­auf, dass vie­le An­hän­ger der De­mo­kra­ten von ei­ner Un­ter­stüt­zung Hil­la­ry Cl­in­tons ab­sa­hen.

Die Psy­cho­gra­fie, al­so die Er­gän­zung der Psy­cho­lo­gie um die Aus­wer­tung gro­ßer Da­ten­men­gen, stößt den tra­di­tio­nel­len Wahl­kämp­fer vor den Kopf. Es rei­chen nicht mehr be­son­de­re Bot­schaf­ten für „die“Frau­en, „die“Ge­ring­ver­die­ner oder „die“Stamm­wäh­ler. Und was deut­sche Par­tei­en im­mer noch un­ter „Di­rect Mai­ling“ver­ste­hen, al­so den Mas­sen­ver­sand von Mails an je­den Ein­zel­nen, hat auch nichts mit in­di­vi­du­el­ler An­spra­che zu tun. Die Bot­schaf­ten müs­sen laut Nix deut­lich in­di­vi­dua­li­sier­ter und emo­tio­na­li­sier­ter sein als in bis­he­ri­gen Wahl­kämp­fen in der Re­pu­blik.

Auch deut­schen Par­tei­en stel­len sich dar­auf ein, dass es 2017 ei­nen Wahl­kampf völ­lig neu­en Typs ge­ben wird. Das Bun­des­kri­mi­nal­amt warn­te da­vor, dass der auch mit be­wuss­ten Fal­sch­mel­dun­gen im In­ter­net ab­lau­fen könn­te. Die Re­gie­rung be­fürch­tet, dass Russ­lands Trol­le ein­grei­fen könn­ten. Trump ge­noss be­reits Pu­tins Un­ter­stüt­zung.

CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er gab in­zwi­schen die De­vi­se aus, dass die al­te CDU-Stra­te­gie der „asym­me­tri­schen De­mo­bi­li­sie­rung“(mehr Wäh­ler der an­de­ren sol­len zu Hau­se blei­ben als ei­ge­ne) ab­ge­löst wer­den muss durch ei­ne „asym­me­tri­sche Mo­bi­li­sie­rung“– auch mit Hil­fe des In­ter­nets.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.