Frei­burg: Ver­däch­ti­ger ist erst 17 Jah­re alt

An­hand ei­nes ein­zel­nen Haa­res hat die Po­li­zei im Fall der ver­ge­wal­tig­ten und ge­tö­te­ten Frei­bur­ger Me­di­zin­stu­den­tin ei­nen Ver­däch­ti­gen er­mit­telt. Es ist ein 17-jäh­ri­ger Flücht­ling. Er und das Op­fer leb­ten im glei­chen Stadt­teil.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON JÜR­GEN RUF

FREI­BURG (dpa) Sie­ben Wo­chen nach dem Ver­bre­chen, das nicht nur Frei­burg er­schüt­tert hat, sieht sich die Po­li­zei am Ziel. Ei­ner Strei­fen­wa­gen­be­sat­zung im Stadt­teil Lit­ten­wei­ler, nicht weit vom Tat­ort ent­fernt, fällt ein jun­ger Mann mit ra­sier­ten Schlä­fen und Zopf auf. Die zwei Po­li­zis­ten brin­gen ihn zur Kri­mi­nal­po­li­zei. Die ist sich nach ei­nem DNA-Ab­gleich si­cher: Der 17Jäh­ri­ge ist der Ge­such­te. Er soll die 19 Jah­re al­te Stu­den­tin Ma­ria L., die die Toch­ter ei­nes ho­hen EU-Be­am­ten sein soll, ver­ge­wal­tigt und er­mor­det ha­ben.

Es ist ein jun­ger Mann aus Af­gha­nis­tan. Er kam 2015 als un­be­glei­te­ter Flücht­ling nach Deutsch­land, leb­te in Frei­burg bei ei­ner Pfle­ge­fa­mi­lie. Nun sitzt er in Un­ter­su­chungs­haft. „Bei al­ler Tra­gik freu­en wir uns über die­sen Er­folg“, sagt der Frei­bur­ger Po­li­zei­prä­si­dent Bern­hard Rot­zin­ger in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz. Die Po­li­zei stand in dem Fall un­ter Druck. Am Sams­tag prä­sen­tier­te sie ers­te De­tails.

Die Be­am­ten sind sich si­cher: Sie ha­ben den Tä­ter ge­fun­den. Ihm wer­den Ver­ge­wal­ti­gung und Mord zur Last ge­legt, sagt Ober­staats­an­walt Die­ter In­ho­fer. Der 17-Jäh­ri­ge äu­ße­re sich nicht. Doch die Be­wei­se sei­en ein­deu­tig. Zum Ver­häng­nis wur­de dem Mann ein ein­zel­nes Haar sei­ner auf­fäl­li­gen, ge­färb­ten Fri­sur.

Die Me­di­zin­stu­den­tin aus dem ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Enz­kreis, die zum Stu­die­ren ins idyl­li­sche Frei­burg ge­kom­men war, hat­te Mit­te Ok­to­ber an der Uni­ver­si­tät ei­ne Stu­den­ten­par­ty ih­rer Fach­schaft be­sucht und war nachts mit ih­rem Fahr­rad al­lei­ne auf dem Weg nach Hau­se. Am Fluss Drei­sam, di­rekt ne­ben dem Sta­di­on des Fuß­ball-Erst­li­gis­ten SC Frei­burg, wur­de sie Op­fer des Ver­bre­chens. Am Mor­gen da­nach fand man ih­re Lei­che im Fluss. To­des­ur­sa­che ist Er­trin­ken, sagt Che­f­er­mitt­ler Da­vid Mül­ler. Ob sie er­tränkt wur­de oder be­wusst­los im Was­ser lag und dann starb, ist noch un­klar.

Die Po­li­zei mäh­te für ih­re Er­mitt­lun­gen ei­nen Brom­beer­strauch am Ufer­rand, pack­te die­sen in drei Sä- cke und schick­te ihn zur Un­ter­su­chung zum Lan­des­kri­mi­nal­amt (LKA) nach Stutt­gart. Dort fan­den Ana­ly­ti­ker Wo­chen spä­ter ein 18,5 Zen­ti­me­ter lan­ges schwar­zes, blon­dier­tes Haar, an des­sen Wur­zel männ­li­che DNA ge­si­chert wur­de. Da­mit war klar: Der Tä­ter hat ei­ne auf­fäl­li­ge Fri­sur. Zu­dem fand sich im Fluss­bett ein Schal. Auch er ge­hör­te, wie sich erst spä­ter her­aus­stell­te, dem Tat­ver­däch­ti­gen.

Die Po­li­zei sich­te­te die Vi­deo­über­wa­chung von Stra­ßen­bah­nen, je­doch zu­nächst oh­ne Er­folg. Ei­ne jun­ge Be­am­tin, erst seit Kur­zem bei der Po­li­zei, gab sich da­mit nicht zu­frie­den. Sie schau­te ge­nau­er hin und wur­de fün­dig. Sie ent­deck­te in ei­nem der Vi­de­os den Mann: Der 17-Jäh­ri­ge mit der auf­fal­len­den Fri­sur und dem Schal war in der Tat­nacht in der Nä­he des Tat­orts mit der Bahn un­ter­wegs. Er wur­de po­li­zei­in­tern zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben – und zwei Ta­ge spä­ter durch Zu­fall ent­deckt. Po­li­zis­ten er­kann­ten ihn an der Fri­sur. Er und das Op­fer leb­ten im glei­chen Stadt­teil. Ma­ria war in der Frei­bur­ger Flücht­lings­hil­fe ak­tiv. Ob sie sich kann­ten, ist noch un­klar.

Auf die Fra­ge, ob der Ver­däch­ti­ge auch für den Mord an ei­ner 27-Jäh- ri­gen in En­din­gen bei Frei­burg ver­ant­wort­lich sein könn­te, sag­te die Po­li­zei, da­zu ge­be es kei­ne Hin­wei­se. Sie kön­ne dies aber auch nicht aus­schlie­ßen. In En­din­gen fand sich kein ver­wert­ba­res DNA-Ma­te­ri­al. Die jun­ge Frau, die al­lei­ne zum Jog­gen ging, wur­de drei Wo­chen nach der Tat in Frei­burg Op­fer ei­nes töd­li­chen Se­xu­al­ver­bre­chens.

Die Fest­nah­me des min­der­jäh­ri­gen un­be­glei­te­ten Flücht­lings lös­te im In­ter­net rasch De­bat­ten über die Flücht­lings­po­li­tik aus. Frei­bur­ger Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Sa­lo­mon (Grü­ne), der schon seit Lan­gem das Si­cher­heits­ge­fühl in sei­ner Stadt be­ein­träch­tigt sieht, mahn­te zur Be­son­nen­heit und rief da­zu auf, „die Her­kunft des Tä­ters nicht für Pau­schal­ur­tei­le her­an­zu­zie­hen, son­dern den Ein­zel­fall zu be­trach­ten“.

Über­prüft wer­den soll den An­ga­ben zu­fol­ge nun auch die Pfle­ge­fa­mi­lie so­wie die Rol­le der Be­hör­den, die Auf­sicht über den 17-Jäh­ri­gen hat­ten. An­ge­klagt wird er nach An­ga­ben des Staats­an­walts nach Ju­gend­straf­recht, denn sein Al­ter sei un­strit­tig. Es droh­ten ihm da­mit bei ei­ner Ver­ur­tei­lung ma­xi­mal zehn Jah­re Haft so­wie, un­ab­hän­gig vom Al­ter, die Ab­schie­bung.

FO­TO: DPA

In der Nä­he der Stel­le, an der die 19Jäh­ri­ge ge­fun­den wur­de, ha­ben Men­schen Blu­men hin­ter­las­sen.

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