Weih­nach­ten – ei­ne un­fass­ba­re Ge­schich­te

Der Re­gio­nal­de­kan spricht über die Be­deu­tung des Weih­nachts­fes­tes und über den ame­ri­ka­ni­schen Jo­sef, der im Stall ein Sel­fie macht. Er be­schäf­tigt sich zu­dem mit der Em­pö­rung auf Face­book und der Sehn­sucht der Chris­ten nach Ein­heit.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - DAS GE­SPRÄCH FÜHR­TEN RALF JÜN­GER­MANN, JA­NA KOSKY UND AN­GE­LA RIETDORF.

Es kommt wie­der die Zeit des Weih­nachts­rum­mels und der all­jähr­li­chen Kla­gen dar­über. Aber gin­ge oh­ne den Rum­mel Weih­nach­ten in un­se­rer Ge­sell­schaft nicht viel­leicht ver­lo­ren wie vie­les an­de­re? CLANCETT Es gibt si­cher den Jah­res­end­stress, aber tat­säch­lich be­schäf­ti­gen sich die Men­schen auch mit dem The­ma Weih­nach­ten, und zwar zu­neh­mend in­ten­si­ver, wie ich mei­ne. In die­ser Zeit wird die Weih­nachts­ge­schich­te ja auch viel­fäl­tig trans­por­tiert, durch Krip­pen­dar­stel­lun­gen zum Bei­spiel. In Köln gibt es seit lan­gem ei­nen Krip­pen­weg mit fast 100 Sta­tio­nen. Da steht ei­ne Krip­pe im Mo­de­ge­schäft, aber auch im Brau­haus. Es ist wich­tig, die al­te Ge­schich­te im­mer wie­der zu trans­for­mie­ren. In den USA gibt es ei­ne Hips­ter-Krip­pe: Da macht Jo­sef ein Sel­fie von sich, Ma­ria und dem Kind. Ma­ria hat ei­nen Cof­fee to go in der Hand, und die Hei­li­gen Drei Kö­ni­ge kom­men als Pa­ket­bo­ten. Gut, die Trans­for­ma­ti­on ge­lingt mal mehr und mal we­ni­ger, aber wir kön­nen die Ge­schich­te im­mer wie­der zum Leuch­ten brin­gen. Un­ter­neh­me­risch ge­fragt: Ist das An­ge­bot der Kir­che rich­tig im Markt plat­ziert? Wer­den die Men­schen er­reicht? CLANCETT Es gibt vie­le Initia­ti­ven, die dar­auf ab­zie­len, ver­stärkt mit den Men­schen ins Ge­spräch zu kom­men – und die auch funk­tio­nie­ren. Zum Bei­spiel in mei­ner al­ten Hei­mat Lob­be­rich. Hier gibt es sehr span­nen­de An­ge­bo­te in der Al­ten Kir­che. Im nächs­ten Jahr wer­den zum Bei­spiel Gre­gor Gy­si und der Es­se­ner Ge­ne­ral­vi­kar dar­über dis­ku­tie­ren, ob Je­sus heu­te bei den Lin­ken wä­re. Oder es gibt ein un­plug­ged Kon­zert von Cat Ball­ou. Aber ist es das? Bleibt nicht der Mar­ken­kern der ka­tho­li­schen Kir­che auf der Stre­cke, um in der Spra­che des Mar­ke­ting zu blei­ben? Wie wür­den Sie den Mar­ken­kern be­schrei­ben? CLANCETT Ganz ein­fach: Gott wird Mensch. Das ist ei­ne un­fass­ba­re Ge­schich­te, ein Ge­heim­nis, das man nicht lö­sen kann. Die­se Bot­schaft im­mer wie­der neu zu über­set­zen und den Men­schen das Ge­heim­nis in ih­rer Spra­che na­he zu brin­gen, das ist un­se­re Auf­ga­be. Und sie zum Wei­ter­den­ken zu er­mu­ti­gen. Die ein­fa­che Ant­wort ist nicht im­mer die rich­ti­ge. Apro­pos Über­set­zun­gen: So­wohl die evan­ge­li­sche als auch die ka­tho­li­sche Kir­che brin­gen neue Bi­bel­über­set­zun­gen her­aus. Ist das hilf­reich? CLANCETT In die neue Lu­ther­über­set­zung ha­be ich hin­ein­ge­schaut, viel hat sich nicht ver­än­dert, es wur­de nur ein biss­chen auf­ge­hüb­scht. Aber ich mag Lu­ther. Bei der neu­en ka­tho­li­schen Über­set­zung hof­fe ich, dass es nicht wie­der ei­ne „Ein­topf­über­set­zung“wird. Die letz­te war nicht sehr ge­lun­gen. Letzt­lich muss­te man im­mer in die Ur­tex­te se­hen, um zum Kern zu kom­men. Die christ­li­chen Ge­mein­den kla­gen über Mit­glie­der­schwund. Sind Sie manch­mal nei­disch auf die is­la­mi­schen Ge­mein­den, weil die mehr en­ga­gier­te und ak­ti­ve Mit­glie­der ha­ben? CLANCETT Ist das wirk­lich so? Ei­ne klei­ne Ge­schich­te: Ich bin in Jerusalem ei­nem Imam ei­ner klei­nen Mo­schee be­geg­net. Der klag­te, die jun­gen Leu­te kä­men nicht mehr, die Mo­schee sei am Frei­tag leer. Wort für Wort die glei­che Kla­ge, die ich von ei­nem rhei­ni­schen Pfar­rer hät­te hö­ren kön­nen. Die Mus­li­me in Deutsch­land sind da­ge­gen in ei­ner Min­der­hei­ten­si­tua­ti­on und su­chen des­halb Ge­mein­schaft. Aber vie­le sind auch sehr welt­lich un­ter­wegs. So groß sind die Un­ter­schie­de nicht. Wie ste­hen Sie zum Mo­sche­e­neu­bau in Rhe­ydt? CLANCETT Das Gan­ze ist eher kom­mu­ni­ka­tiv ein Pro­blem. Es war aus mei­ner Sicht un­ge­schickt, nicht früh ge­nug zu in­for­mie­ren. Ich weiß, wie viel Ar­beit die Mo­schee­ge­mein­den sonst leis­ten. Ich wür­de ih­nen ra­ten, Mut zu ha­ben, sich wei­ter zu öff­nen und zu zei­gen, was sie tun. Wie gut funk­tio­niert der in­ter­re­li­giö­se Dia­log in der Stadt? CLANCETT Zwi­schen Ju­den und Chris­ten ist es im Au­gen­blick recht kom­pli­ziert. Die Ge­sell­schaft für jü­disch-christ­li­che Zu­sam­men­ar­beit ver­sucht aber den­noch, den Ge­sprächs­fa­den nicht ab­rei­ßen zu las­sen. Bei der Zu­sam­men­ar­beit mit den Mus­li­men sticht das in­ter­re­li­giö­se Frau­en­früh­stück her­aus, das es seit der Hei­lig­tums­fahrt 2014 gibt. Es hat die Form der selbst­ver­ständ­li­chen Be­geg­nung an­ge­nom­men. Es ist sehr be­we­gend zu se­hen, mit wel­cher Herz­lich­keit auf­ein­an­der zu­ge­gan­gen wird. In über­re­gio­na­lem Rah­men ist die Zu­sam­men­ar­beit mit den Mus­li­men schwie­ri­ger, weil sie dis­pa­ra­te Au­to­ri­tä­ten ha­ben. Ein an­er­kann­ter Ge­lehr­ter sagt das ei­ne, in ei­ner Hin­ter­hof­mo­schee wird das an­de­re ge­pre­digt. Sehr wich­tig fin­de ich in die­sem Zu­sam­men­hang den abra­ha­mi­schen Ka­len­der von Wolf­gang Fun­ke. Al­le Fes­te der drei gro­ßen mo­no­the­is­ti­schen Re­li­gio­nen auf ei­nen Blick, das er­öff­net auch vie­le Be­geg­nungs­mög­lich­kei­ten. Man muss sie nur nut­zen. Häu­fig kommt es heu­te aber gar nicht zur per­sön­li­chen Be­geg­nung. Lie­ber wird sich im In­ter­net em­pört. CLANCETT Ja, auf Face­book ist das Pro­blem, dass man in Echt­zeit kom­mu­ni­ziert. Bei je­dem Post, der ei­ni­ge Kommentare her­vor­ruft, fan­gen die Leu­te ziem­lich schnell an, sich ver­bal zu ver­prü­geln. Das ist viel­leicht nichts ganz Neu­es, aber die Mecha­nis­men wer­den heu­te sicht­ba­rer. Trotz­dem sind Sie auf Face­book ak­tiv. CLANCETT Bei mei­nem Be­ruf muss man den Kopf aus dem Fens­ter in den Wind hal­ten. Ein Shits­torm ist mir al­ler­dings Gott sei Dank auch noch nicht pas­siert. Die Em­pö­rung er­fasst im­mer auch Leu­te, die das christ­li­che Abend­land ver­tei­di­gen wol­len. Wie ge­hen Sie mit Men­schen um, die die christ­li­chen Wer­te ver­ein­nah­men, oh­ne sie zu ken­nen? CLANCETT Ja, es ist in der Tat be­dau­er­lich, wenn Men­schen für et­was ein­tre­ten, was sie gar nicht ken­nen. Gera­de in den ost­deut­schen Län­dern ist die christ­li­che Tra­di­ti­on ab­ge­ris­sen. Wir wa­ren mit den lei­ten­den ka­tho­li­schen Pfar­rern zum Bei- spiel in der letz­ten No­vem­ber­wo­che in Leip­zig. Dort le­ben gera­de mal 4,6 Pro­zent Chris­ten, und da sind die Zu­wan­de­rer aus dem Wes­ten, aus an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern und so­gar Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en schon ein­ge­rech­net. Die christ­li­chen Wer­te wie Nächs­ten­lie­be sind da so nicht ver­mit­telt wor­den – da war dann in so­zia­lis­ti­scher Ma­nier im­mer die Re­de von „So­li­da­ri­tät“. Wo­bei wir selbst auch im­mer den Spa­gat aus­hal­ten müs­sen zwi­schen den po­si­ti­ven Wer­ten und der Tat­sa­che, dass sie auch in der Kir­che nicht im­mer ge­lebt wur­den. Die Miss­brauchs­fäl­le sind da ein furcht­ba­res Bei­spiel. Es ist ei­ne Rie­sen­auf­ga­be, die Wer­te mit ei­ner neu­en Ehr­lich­keit zu ver­mit­teln. Das Bis­tum Aa­chen hat ei­nen neu­en Bi­schof. Was wird sich zu­künf­tig ver­än­dern? Was sind Ih­re ers­ten Ein­drü­cke? CLANCETT Nach dem Ers­ten Welt­krieg war der Kai­ser weg, aber das Of­fi­ziers­korps war noch da – ge­än­dert hat sich kaum et­was. Und auch wenn der Bi­schof wech­selt, än­dert sich nicht al­les so­fort kom­plett. Ich ha­be Hel­mut Die­ser als ei­nen be­schei­de­nen und sehr zu­ge­wand­ten Men­schen ken­nen­ge­lernt, der sehr gut zu­hö­ren kann. Er lernt gera­de ein gut be­stell­tes Bis­tum ken­nen, trifft sich mit Men­schen. Er kann nicht ver­leug­nen, dass er Rhein­län­der und be­ken­nen­der Kar­ne­va­list ist. Das ers­te Zu­sam­men­tref­fen mit ihm war sehr un­kom­pli­ziert. Er war in Tri­er auch Öku­me­ne­be­auf­trag­ter. Wie steht es um die Öku­me­ne in Mön­chen­glad­bach? CLANCETT Es gibt da ei­ne Initia­ti­ve, ei­nen Part­ner­schafts­ver­trag, der zwi­schen den evan­ge­li­schen und ka­tho­li­schen In­nen­stadt­ge­mein­den ge­schlos­sen wird. Das ver­fol­ge ich mit gro­ßem In­ter­es­se. Es ist ein Schritt auf dem Weg zur Ein­heit, die nur von un­ten kom­men kann. Es ver­leiht der Sehn­sucht der Chris­ten nach Ein­heit Aus­druck. Da­bei geht es aber nicht um ein Ein­heits­chris­ten­tum. Gera­de die Viel­falt ist ja fas­zi­nie­rend. Das rückt durch die Flücht­lin­ge, die zum Teil or­tho­do­xe Chris­ten sind, wie­der ins Be­wusst­sein. Zur Öku­me­ne ge­hö­ren nicht nur ka­tho­li­sche und evan­ge­li­sche Kir­che, son­dern auch die vie­len an­de­ren De­no­mi­na­tio­nen.

RP-AR­CHIV­FO­TO: ISABELLA RAUPOLD

Ul­rich Clancett spricht auch über den in­ter­re­li­giö­sen Dia­log in der Stadt.

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