Bo­rus­sia fehlt ein ech­ter Boss

Beim 1:4 in Dort­mund wur­de deut­lich, dass sich die neu­en Struk­tu­ren im Team noch nicht rich­tig aus­ent­wi­ckelt ha­ben.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT LOKAL - VON KARS­TEN KEL­LER­MANN

DORT­MUND Raf­fa­el zeig­te in Dort­mund, was not­wen­dig ist in so ei­nem Spiel: Ef­fi­zi­enz. Ent­schlos­sen­heit. Ei­ses­käl­te in der ent­schei­den­den Si­tua­ti­on. Doch aus dem psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil des frü­hen 1:0 wur­de post­wen­dend ein psy­cho­lo­gi­scher Nach­teil, schließ­lich brach­te ei­ne er­neu­te Füh­rung nicht die nö­ti­ge Si­cher­heit, son­dern das Ge­fühl, wie­der et­was ver­spielt zu ha­ben. Nur ei­ne Mi­nu­te nach Raf­fa­els 1:0 stand es 1:1, weil Dort­munds Top­stür­mer Pier­re-Eme­rick Auba­meyang traf.

Wa­ren die ver­schenk­ten Punk­te zu­letzt ei­ne Fol­ge der Tor­schusspa­nik, so war das Pro­blem beim 1:4 beim BVB nai­ves Ab­wehr­ver­hal­ten. „Mich är­gert, dass wir es nicht hin­krie­gen, or­dent­lich zu ver­tei­di­gen. Wir hat­ten auch nach der Pau­se ei­ne Vier­tel­stun­de das Ge­fühl, es ist noch mehr drin, aber dann sind wir na­iv in der Ver­tei­di­gung und krie­gen wie­der zwei To­re. Die De­fen­si­ve ist ein wich­ti­ger Fak­tor für den Er­folg“, mo­nier­te Ma­na­ger Max Eberl.

Na­tür­lich ist es am Trai­ner, ein sta­bi­les Kon­strukt zu er­rich­ten. Dass An­dré Schu­bert sei­ne De­fen­si­ve im­mer wie­der auf die Be­lan­ge ein­stellt, die der nächs­te Geg­ner mit sich bringt, und so­mit ro­tiert, soll­te in­des nicht das grund­le­gen­de Pro­blem sein. „Letz­tes Jahr war die Fle­xi­bi­li­tät un­se­re gro­ße Stär­ke, jetzt wird es uns ne­ga­tiv aus­ge­legt. Wir sind Pro­fis und soll­ten die Um­stel­lun­gen hin­krie­gen“, sag­te Ka­pi­tän Lars St­indl. „Wir ma­chen Klei­nig­kei­ten falsch, und die wer­den be­straft.“

Dass sich die Bo­rus­sen nicht an­ders wehr­ten ge­gen das, was nach der Füh­rung ge­schah, ist in Eberls Au­gen auch das Re­sul­tat ei­nes Va­ku­ums im Team. „Wir ha­ben das ge­konnt, wenn wir die Ty­pen auf dem Platz hat­ten, die das in die Hand ge­nom­men ha­ben. Ein Gra­nit Xha­ka und ein Mar­tin Stranzl sind genau die Ty­pen, die uns in die­ser Pha­se feh­len. Man braucht auf dem Platz Spie­ler, die das re­geln und das Ge­spür da­für ha­ben“, sag­te Eberl. Stranzl war un­ter Ex-Trai­ner Lu­ci­en Fav­re der ver­län­ger­te Arm des Trai­ners auf dem Ra­sen, er gab An­wei­sun­gen, wenn Um­stel­lun­gen nö­tig wa­ren, um auf Si­tua­tio­nen zu re­agie­ren. Xha­ka konn­te mit sei­ner Qua­li­tät und sei­nem Ehr­geiz, so er ihn rich­tig ka­na­li­sier­te, Spie­le her­um­rei­ßen. Ty­pen wie sie, aber auch In­te­gra­ti­ons­spie­ler wie Ha­vard Nordtveit oder Ro­el Brou­wers, die in der Ka­bi­ne wich­tig wa­ren, zu er­set­zen, ist nicht leicht.

Es gibt Män­ner, die den An­spruch er­fül­len kön­nen, doch of­fen­bar sind sie noch nicht so weit, das auch in kom­pli­zier­ten Si­tua­tio­nen zu tun. Chris­toph Kra­mer ist im Zen­trum zwar oft am Ball und flei­ßig, doch ist er noch nicht der Re­gis­seur, der Xha­ka war. Auch an­de­re, die als An­füh­rer ein­ge­plant sind, müs­sen die­se Fä­hig­keit noch rich­tig aus­ent­wi­ckeln. „Lars St­indl wächst rein, Yann Som­mer auch, aber der ei­ne, der auf dem Platz das Ge­spür hat, der fehlt uns“, hat Eberl fest­ge­stellt.

Der Pos­ten des Chef-Bo­rus­sen ist al­so va­kant. Dar­um ist Bo­rus­sia in Stress­si­tua­tio­nen zu­wei­len ein fra­gi­les Ge­bil­de. „Je­der hat mit sich zu tun, um sei­ne Leis­tung hin­zu­krie­gen, über­nimmt dann aber we­nig Ver­ant­wor­tung für die Trup­pe“, sag­te Eberl. Hin­zu kommt, dass, wie in Dort­mund, auch Füh­rungs­spie­ler pat­zen. So war es St­indl, des­sen Qu­er­schlä­ger der Ecke vor dem 1:2 vor­aus­ging. Und Som­mer sah beim 1:1 nicht so gut aus. „An ei­nem gu­ten Tag hält er den“, be­fand Trai­ner An­dré Schu­bert.

Aus der ak­tu­el­len So­zi­al­struk­tur des Ka­ders er­gibt sich eher ei­ne fla­che Hier­ar­chie: Es gibt vie­le jun­ge Spie­ler. Und die äl­te­ren sind nicht un­be­dingt Laut­spre­cher oder gera­de erst ge­kom­men. Es müs­sen sich noch kla­re Struk­tu­ren ent­wi­ckeln. Im Er­folg ist da­für die Zeit, da läuft es auch so, weil viel fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­tät da ist. Klemmt es aber spie­le­risch, wird das Struk­tur­pro­blem deut­lich. Dann fehlt je­mand, der das Ru­der in der Hand hat, Si­cher­heit gibt und den Kol­le­gen We­ge aus dem Schla­mas­sel weist. Das nächs­te Vor­spie­len für den Boss-Job fin­det auf höchs­ter Ebe­ne statt – mor­gen in der Cham­pi­ons Le­ague in Bar­ce­lo­na.

Doch er­zwin­gen kann man das Chef-Sein nicht. Auch ein Mar­tin Stranzl wuchs erst in die Rol­le hi- nein im Lau­fe der Kar­rie­re. Dar­um setzt Eberl für den Mo­ment auf den Te­am­geist. Der ist in­takt, ver­si­chert Os­car Wendt („Wir ha­ben den Geist und wol­len die Si­tua­ti­on än­dern“). „Wir müs­sen das jetzt ge­mein­schaft­lich hin­krie­gen, auf dem Platz und ne­ben dem Platz je­der dem an­de­ren hel­fen und ihn un­ter­stüt­zen“, sag­te Eberl. Dass das Team da­bei von den Fans un­ter­stützt wird, war die bes­te Bot­schaft des Spiels in Dort­mund. Nach dem Ab­pfiff hol­ten die Mit­ge­reis­ten die Bo­rus­sen in die Kur­ve, um sie auf­zu­mun­tern. „Das ist ei­ne gu­te Ba­sis“, sag­te Eberl. „Aber wir müs­sen es auch auf dem Platz re­geln“, weiß er.

FO­TO: IMAGO

Zwei Bo­rus­sen, die noch rich­tig in die Boss-Rol­le rein­wach­sen müs­sen: Ka­pi­tän Lars St­indl und Sech­ser Chris­toph Kra­mer nach dem 1:4 bei Bo­rus­sia Dort­mund.

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