Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ei­ner der In­sas­sen stand auf und wur­de weg­ge­führt. Jo­nas konn­te se­hen, dass er Fuß­ket­ten trug. Er hat­te er­fah­ren, dass neue Häft­lin­ge in den ers­ten Mo­na­ten wel­che tra­gen muss­ten. Und zum To­de Ver­ur­teil­te. Die­sen wur­den sie an­ge­schmie­det. Und erst nach der Exe­ku­ti­on ent­fernt. Mits­amt den Fü­ßen, hieß es.

Ein Wär­ter brach­te ei­nen Ge­fan­ge­nen her­ein und hieß ihn, sich auf den Stuhl ge­gen­über zu set­zen. Es muss­te Ca­me­ron Bus­bar sein. Jo­nas hat­te ihn vom Fo­to her an­ders in Er­in­ne­rung. Ca­me­ron trug jetzt ei­nen Bart, und er hat­te die ein­ge­fal­le­nen Wan­gen von ei­nem, dem vie­le Zäh­ne feh­len. „Hi“, sag­te Ca­me­ron. „Hi“, ant­wor­te­te Jo­nas. „My na­me is Jo­nas. I’m a mo­vie­maker.“„Und war­um bist du hier?“„Re­se­arch. Ich ma­che ei­nen Film über ei­nen, der un­schul­dig hier ge­lan­det ist, der ent­kommt und sich an de­nen rächt, die ihn rein­ge­bracht ha­ben.“

Bus­bar zeig­te die paar we­ni­gen Zäh­ne, die ihm ge­blie­ben wa­ren, und lach­te laut auf. „Aha, Mär­chen­fil­me machst du.“„Fic­tion“, kor­ri­gier­te Jo­nas. „Ver­rätst du mir den Trick, wie er raus­ge­kom­men ist?“

Jo­nas ver­such­te es mit lus­tig: „Bes­ser nicht. Zu vie­le Zeu­gen.“

Aber Ca­me­ron Bus­bar wur­de wie­der ernst, sein Blick stumpf. „Hier gibt es we­nig Un­schul­di­ge, weißt du, war­um?“Jo­nas schüt­tel­te den Kopf. „Wenn du dich schul­dig be­kennst, re­du­zie­ren sie dir die Stra­fe. Von To­des­stra­fe auf le­bens­läng­lich. Oder auf neun­zig, fünf­zig, drei­ßig Jah­re. Je nach­dem.“

„Je nach was?“ „Je nach Laune des Rich­ters.“Zwi­schen ih­nen ent­stand ein Schwei­gen, und das Ge­schnat­ter der an­de­ren trat wie­der in den Vor­der­grund. Es war der Häft­ling, der wie­der zu spre­chen an­fing:

„Frü­her wur­de man mit ei­nem Ma­schi­nen­ge­wehr exe­ku­tiert. Fest­ge­bun­den und von hin­ten ins Herz ge­schos­sen. Jetzt ver­wen­den sie die Gift­sprit­ze. Weil es hu­ma­ner sei.“Wie­der ein kur­zes, zahn­lo­ses La­chen. „Ei­ne St­un­de vor­her er­fährt es der To­des­kan­di­dat, meis­tens mit­ten in der Nacht. Dann hat er ei­ne St­un­de Zeit für sein Tes­ta­ment und ei­ne Mi­nu­te für ein Te­le­fon­ge­spräch.“

Wie­der nahm das Stim­men­ge­wirr über­hand.

Un­ver­mit­telt frag­te Bus­bar: „Was hast du mir mit­ge­bracht?“

Jo­nas zähl­te den In­halt sei­ner Tra­ge­ta­sche auf.

Der Mann oh­ne Zu­kunft nick­te sach­kun­dig. „Von der Scho­ko­la­de be­kom­me ich ein we­nig. Von den Bis­kuits auch. Die Bü­cher auch. Aber die Sa­la­mi, die kann ich ver­ges­sen.“Er warf dem Wär­ter ei­nen Blick zu und stand auf. „Ich hof­fe, ich se­he dei­nen Film ei­nes Ta­ges. Ich be­zweif­le al­ler­dings, dass sie ihn hier zei­gen.“

Noch ein­mal sah Jo­nas das kur­ze Alt­män­ner­g­rin­sen des jun­gen Man­nes. Dann zot­tel­te er mit sei­nem Wär­ter da­von, zwei Schick­sals­ge­nos­sen.

Jo­nas ging zu­rück durch den schumm­ri­gen stin­ken­den Raum und wei­ter zu dem Emp­fangs­t­re­sen, wo man ihm sei­ne Hab­se­lig­kei­ten ab­ge­nom­men hat­te. Un­ter dem spöt­ti­schen Blick der Be­am­ten kon­trol­lier­te er, ob nichts fehl­te, quit­tier­te den Emp­fang und hat­te es plötz­lich ei­lig, zum Aus­gang zu kom­men.

Ein paar der Tou­ris­ten aus dem Be­su­cher­raum war­te­ten an­ge­regt plau­dernd auf dem Pier auf ihr ge­char­ter­tes Boot. Als es kam, lu­den sie ihn ein mit­zu­kom­men. Aber Jo­nas hat­te kei­ne Lust und war­te­te auf den nächs­ten Was­ser­bus.

Als end­lich ei­ner kam, der in sei­ne Rich­tung fuhr, wur­de es schon dun­kel.

Die Lob­by des Man­da­rin Ori­en­tal war hoch wie ei­ne Ka­the­dra­le und mit üp­pi­gen Or­chi­de­enar­ran­ge­ments ge­schmückt. Aber der Ge­ruch von Bang Kwang nach Kot, Urin, Des­in­fek­ti­ons­mit­teln und Schweiß ver­folg­te Jo­nas bis in den Lift.

Der adret­te Lift­boy in der exo­ti­schen Li­vree be­grüß­te ihn mit ei­ner bal­lett­rei­fen Ver­beu­gung und nann­te ihn „Mis­ter Brand, Sir“.

Jo­nas fuhr in sei­ne Eta­ge. Im Zim­mer er­war­te­te ihn ein Plätt­chen Sa­té-Spie­ße mit ver­schie­de­nen Sau­cen auf ei­nem Or­chi­de­en­ge­bin­de.

Er stell­te sich un­ter die Re­gen­du­sche und wusch sich lan­ge das Elend je­nes schreck­li­chen Or­tes vom Leib. Dann schlang er sich ein Ba­de­tuch um die Hüf­ten und ging zum Bal­kon. Als er die Tür öff­ne­te, schlug ihm die war­me Tro­pen­luft ent­ge­gen. Un­ter ihm der be­trieb­sa­me Chao Phra­ya, auf dem die Ho­tel­boo­te als gra­ziö­se Licht­gir­lan­den kreuz­ten. Von der Ufer­ter­ras­se des Ho­tels klang ei­ne Jazz­band her­auf.

Er hat­te sich hier ein­quar­tiert, weil Mon­te­cris­to, sein Ti­tel­held, auch hier ge­wohnt hat­te, be­vor er in Bang Kwang ver­schwand. Das Zim­mer kos­te­te sechs­hun­dert Dol­lar pro Nacht, für die er, oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken, die Fir­men­kre­dit­kar­te von Nem­bus Pro­duc­tions hin­ter­leg­te, die ihm Jeff Rebstyn ei­lig hat­te aus­stel­len las­sen.

Im Fluss trie­ben Tep­pi­che von Was­ser­pflan­zen und An­samm­lun­gen von Ab­fall, der von Män­nern auf Long­tail-Boo­ten her­aus­ge­fischt wur­den. Es roch nach Fluss, nicht viel an­ders als an ei­nem hei­ßen Som­mer­tag an der Sihl in Zürich, wo er auf­ge­wach­sen war und fast sein gan­zes Le­ben ver­bracht hat­te.

Lan­ge stand er auf die­sem Bal­kon, er­grif­fen von der plötz­li­chen Wen­de, die sein Le­ben ge­nom­men hat­te, und sah auf das ge­schäf­ti­ge Trei­ben hin­un­ter.

Als er zu­rück ins Zim­mer ging, emp­fing ihn die Käl­te der Air-Con­di­ti­on. Er zog sich frös­telnd an und ging hin­un­ter auf die Ter­ras­se. Der Maît­re d’ führ­te ihn zu ei­nem klei­nen Tisch an der Brüs­tung. Am Ne­ben­tisch saß ein al­ter En­g­län­der mit sei­ner jun­gen thai­län­di­schen Be­glei­tung. Der Ge­sprächs­stoff war ih­nen aus­ge­gan­gen, und sie starr­ten schwei­gend an­ein­an­der vor­bei.

Jo­nas be­stell­te ein Bier und ein ro­tes Beef Cur­ry. Er sah den licht­ge­schmück­ten Ho­tel­boo­ten zu, die an der An­le­ge­stel­le Gäs­te hol­ten und brach­ten. Ein Schnell­boot der Po­li­zei lag vor An­ker. Zwei Uni­for­mier­te war­te­ten auf ih­re Of­fi­zie­re – Jo­nas hat­te sie im Vor­bei­ge­hen in der Bar ge­se­hen.

Un­ter ihm balg­ten sich die Fi­sche um Es­sens­res­te, die ein paar Ti­sche wei­ter oben von ei­ner Grup­pe Tou­ris­ten in den Fluss ge­wor­fen wur­den.

Jo­nas lausch­te den mon­dä­nen Klän­gen der Band. Nur des­halb nicht rest­los glück­lich, weil Ma­ri­na nicht da­bei war.

Er hät­te noch lan­ge auf der Fluss­ter­ras­se sit­zen­blei­ben kön­nen, aber er hat­te für den nächs­ten Mor­gen um sechs Uhr ein Long­tail Boat be­stellt. (Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.