Ös­ter­reichs Trend nach rechts bleibt

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON MAT­THI­AS BEER­MANN UND RUDOLF GRUBER

WI­EN Heinz-Chris­ti­an Stra­che, der sonst stets her­risch auf­trump­fen­de Chef der rech­ten Frei­heit­li­chen Par­tei Ös­ter­reichs (FPÖ), muss nach der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl die un­ge­wohn­te Rol­le des Trös­ters über­neh­men. Denn auf sei­ner Face­book-Sei­te herrscht nach der Nie­der­la­ge des FPÖ-Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Nor­bert Ho­fer ra­ben­schwar­ze Welt­un­ter­gangs­stim­mung. „Das Land steht am Ab­grund“, schreibt ein Fan, ein an­de­rer be­weint Ho­fer als „Sie­ger der Her­zen“, ein drit­ter be­schimpft die Wäh­ler des Wahl­sie­gers Alex­an­der Van der Bel­len als „lä­cher­li­che Vol­l­idio­ten“. Stra­che je­doch re­agiert auf das Ge­jam­mer mit ei­ner for­schen Kampf­an­sa­ge: „2017 wird das Jahr der Frei­heit­li­chen! Un­se­re Zeit kommt!“

Statt den ers­ten rechts­po­pu­lis­ti­schen Staats­chef in der EU ha­ben die Ös­ter­rei­cher am Sonn­tag den ers­ten Grü­nen in die Wie­ner Hof­burg ge­wählt. Der über­ra­schend kla­re Wahl­sieg Van der Bel­lens hat den an­ti-eu­ro­päi­schen Po­pu­lis­ten zwar ei­ne un­er­war­te­te Nie­der­la­ge be­schert. Aber wirk­lich be­siegt sind we­der Stra­che noch sei­ne Bun­des­ge­nos­sen in Eu­ro­pa. Gera­de in Ös­ter­reich, das jetzt noch vom Aus­land für sei­ne Wah­l­ent­schei­dung ge­fei­ert wird, könn­ten die Rech­ten bei den nächs­ten Wah­len auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne rei­hen­wei­se Er­fol­ge ein­fah­ren.

2018 wä­re der re­gu­lä­re Ter­min für die nächs­te Par­la­ments­wahl. Im sel­ben Jahr wird aber auch in vier Bun­des­län­dern – Nie­der­ös­ter­reich, Salzburg, Ti­rol und Kärn­ten – ge­wählt. Die mäch­ti­gen Lan­des­chefs, die sämt­lich den tra­di­tio­nel­len Re­gie­rungs­par­tei­en ÖVP (Kon­ser­va­ti­ve) und SPÖ (So­zi­al­de­mo­kra­ten) an­ge­hö­ren, wer­den nach Ein­schät­zung der meis­ten Be­ob­ach­ter ve­he­ment dar­auf drin­gen, dass die Bun­des­wahl auf Früh­jahr oder Herbst 2017 vor­ver­legt wird – je­den­falls auf ei­nen Ter­min mög- lichst weit weg von der na­tio­na­len Wahl. Al­lein schon des­halb, um nicht den ge­ball­ten Wäh­ler­frust über die in Wi­en re­gie­ren­de gro­ße Ko­ali­ti­on aus ÖVP und SPÖ ab­zu­be­kom­men.

Die „Blau­en“der FPÖ rüs­ten für die Bun­des­wahl be­reits mit ei­ner Dop­pel­spit­ze: Stra­che und da­zu Ho­fer, der trotz sei­ner Nie­der­la­ge als der neue Held der FPÖ gilt. Man hofft, dass ein Groß­teil von Ho­fers Po­pu­la­ri­tät – er kam bei der Prä­si­den­ten­wahl im­mer­hin auf knapp 47 Pro­zent – auch auf die FPÖ ab­färbt. Ho­fer hat­te sich Stra­che noch in der Wahl­nacht als „pro­mi­nen­ter Wahl­hel­fer“an­ge­dient. Die ver­lo­re­ne Wahl ha­be in ihm „ei­nen schla­fen­den Bä­ren ge­weckt“, gab er sich kamp­fes­lus­tig, ob­wohl ihm die Ent­täu­schung über die Nie­der­la­ge noch deut­lich an­zu­se­hen war. Ho­fer will zu­nächst er­neut für das Par­la­ment kan­di­die­ren, des­sen drit­ter Vor­sit­zen­der er der­zeit ist. Auch ei­ne neu­er­li­che Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tur in sechs Jah­ren kün­dig­te er be­reits an.

Soll­te es wirk­lich da­zu kom­men, wird Ho­fer für ei­nen Sieg sei­ne Wäh­ler­ba­sis je­doch noch ein­mal deut­lich ver­brei­tern müs­sen. Nach ei­ner Ana­ly­se des So­zi­al­for­schungs­in­sti­tuts So­ra ver­dank­te sein Ri­va­le Van der Bel­len den Sieg nicht zu­letzt der Un­ter­stüt­zung vie­ler Frau­en. 62 Pro­zent der Wäh­le­rin­nen stimm­ten für ihn. Un­ter den Män­nern hat­te Ho­fer mit 56 Pro­zent die Na­se vorn. Ge­ne­rell ge­lang es Van der Bel­len bes­ser, sei­ne An­hän­ger zu mo­bi­li­sie­ren. Gera­de die­je­ni­gen, die die Zu­kunft op­ti­mis­tisch ein­schät­zen, stimm- Heinz-Chris­ti­an Stra­che Chef der Frei­heit­li­chen Par­tei Ös­ter­reichs (FPÖ) ten für Van der Bel­len. Von ih­nen gin­gen vie­le zur Wahl – im Ge­gen­satz zu den Pes­si­mis­ten, die eher zu Ho­fer neig­ten und zu Hau­se blie­ben. An das La­ger der Nicht­wäh­ler ver­lor der FPÖ-Mann 37.000 Stim­men, der sieg­rei­che Kan­di­dat hin­ge­gen ge­wann hier 114.000 Stim­men hin­zu. Beim Kampf um die Wäh­ler der kon­ser­va­ti­ven ÖVP schnitt Van der Bel­len eben­falls bes­ser ab: 55 Pro­zent der ÖVP-An­hän­ger stimm­ten für den ehe­ma­li­gen Grü­nen-Chef.

Grund für die­sen star­ken Zu­spruch durch kon­ser­va­ti­ve Stamm­wäh­ler war ver­mut­lich auch die öf­fent­li­che Un­ter­stüt­zung von ÖVP-Chef Reinhold Mit­ter­leh­ner für die Kan­di­da­tur Van der Bel­lens. Ho­fer mach­te den ÖVP-Vor­sit­zen­den prompt mit­ver­ant­wort­lich für sei­ne Schlap­pe. „Das war so et­was wie ein Selbst­mord­at­ten­tat des Herrn Mit­ter­leh­ner“, sag­te Ho­fer. Da­mit dürf­te Mit­ter­leh­ner für die Frei­heit­li­chen bei ei­ner mög­li­chen FPÖ-ÖVP-Ko­ali­ti­on als nicht mehr trag­bar gel­ten.

Ei­ne sol­che Re­gie­rungs­kon­stel­la­ti­on in Wi­en ist durch den Aus­gang der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl im Üb­ri­gen kei­nes­falls un­wahr­schein­li­cher ge­wor­den. Im Ge­gen­teil: Stra­ches Chan­cen, nächs­ter Kanz­ler zu wer­den, sind mehr als in­takt. Seit Mo­na­ten liegt die FPÖ in Um­fra­gen mit 30 bis 35 Pro­zent als stärks­te Par­tei vor­ne, mit dem Zug­pferd Ho­fer ist so­gar die 40-Pro­zent-Mar­ke in Reich­wei­te ge­kom­men. Ei­ne Re­gie­rungs­bil­dung in Wi­en oh­ne FPÖ wä­re dem­nach gar nicht mehr mög­lich. Auch ist Van der Bel­lens Wahl­kampf­aus­sa­ge, er wür­de ei­nen Kanz­ler Stra­che „nie­mals ak­zep­tie­ren“, we­gen der be­schränk­ten Be­fug­nis­se des Bun­des­prä­si­den­ten wohl nicht mehr als ei­ne lee­re Dro­hung. Die pi­kan­te Vor­stel­lung, dass ein Ex-Grü­ner ei­nen Rechts­po­pu­lis­ten als Kanz­ler ver­ei­di­gen muss, ist nicht mehr rea­li­täts­fremd.

Auch die stil­le Hoff­nung der Re­gie­rungs­par­tei­en auf ei­nen Macht­kampf in­ner­halb der FPÖ dürf­te sich wohl nicht er­fül­len. Be­reits wäh­rend des Wahl­kampfs wa­ren Ge­rüch­te auf­ge­taucht, der po­pu­lä­re­re und ge­schmei­di­ge­re Ho­fer wä­re der bes­se­re Kanz­ler­kan­di­dat als der ag­gres­si­ve Stra­che. Die FPÖ wer­de sich je­doch hü­ten, so der Po­li­to­lo­ge An­ton Pe­lin­ka, „vor der Wahl ei­nen Füh­rungs­streit aus­zu­tra­gen“.

Hin­ge­gen ist wahr­schein­lich, dass die völ­lig zer­rüt­te­te rot-schwar­ze Ko­ali­ti­on vor­zei­tig zer­fällt. Zwar hat die Wahl Van der Bel­lens das Kli­ma et­was ent­spannt. Doch vor al­lem Kräf­te in­ner­halb der kon­ser­va­ti­ven ÖVP drin­gen auf ei­nen Füh­rungs­wech­sel: Ihr Wunsch­kan­di­dat als Kanz­ler ist der erst 30-jäh­ri­ge Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz.

„2017 wird das Jahr der Frei­heit­li­chen! Un­se­re Zeit kommt!“

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