Die Un­ter­wer­fung des mü­den Wes­tens

Frei­heit, Selbst­be­stim­mung, Eman­zi­pa­ti­on – der mo­der­ne Mensch ist die­ser Er­run­gen­schaf­ten über­drüs­sig ge­wor­den. Da­von er­zählt Mi­chel Houl­le­becq in „Un­ter­wer­fung“. In Düs­sel­dorf ist der Ro­man jetzt auf der Büh­ne zu er­le­ben.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON DO­RO­THEE KRINGS

DÜS­SEL­DORF Er hat es sich be­quem ge­macht in sei­nem Le­ben. Trägt aus­ge­beul­te Cord­ho­sen, be­stellt sein Es­sen beim Lie­fer­ser­vice und liest am liebs­ten Li­te­ra­tur der fran­zö­si­schen Dé­ca­dence des 19. Jahr­hun­derts. Über das Werk ei­nes Ver­tre­ters hat er mal ei­ne bril­lan­te Ar­beit ver­fasst. Lan­ge her.

In­zwi­schen hat François die Fest­an­stel­lung an der Uni, sucht sich je­des Jahr un­ter den Stu­den­tin­nen ei­ne neue Ge­lieb­te, be­gießt sei­ne ge­pfleg­te Mi­s­an­thro­pie mit gu­tem Wein und ver­folgt die Ge­scheh­nis­se in sei­nem Land am Fern­se­her. Mü­de, mit heim­li­cher Freu­de an den Zei­chen des Ver­falls. Geht ihn ja nichts mehr an.

Die west­li­che Kul­tur ist am En­de, hat je­de Vi­ta­li­tät, je­des Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein ver­lo­ren und bringt In­tel­lek­tu­el­le her­vor wie die­sen François, den Chris­ti­an Erd­mann am Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus ge­nüss­lich als bie­de­ren Ober­leh­rer spielt, als ge­lehr­ten Nörg­ler im Wild­le­der-Blou­son, dem der Wel­tekel ins un­aus­ge­schla­fe­ne Ge­sicht ge­schrie­ben steht. Dass er se­mes­ter­wei­se neue Ge­lieb­te von der Uni heim­führt, ist al­lein durch sei­ne Po­si­ti­on im Wis­sen­schafts­be­trieb zu er­klä­ren.

Die­ser François hat nichts von ei­nem bril­lan­ten Zy­ni­ker. Er ist ein mü­der Lang­wei­ler mit strub­be­li­gen Haa­ren, der sei­nen Kör­per in zu wei­ten Je­ans­hem­den ver­steckt. Mit Mit­te 40 hat er auf­ge­ge­ben. Er nimmt nicht mehr Teil am Kon­kur­renz­kampf da drau­ßen. Und als ein is­la­mi­scher Po­li­ti­ker in Frank­reich an die Macht kommt, Pa­tri­ar­chat, Po­ly­ga­mie und Scha­ria ein­führt und die frei­en Uni­ver­si­tä­ten in re­li­giö­se Re­nom­mier­an­stal­ten ver­wan­delt, ist François mit ei­ner groß­zü­gi­gen Pen­si­on leicht zu be­ru­hi­gen. Geis­tig ist er längst im Ru­he­stand.

Am Tag der Mord­an­schlä­ge auf das Sa­ti­re­ma­ga­zin „Char­lie Heb­do“und we­ni­ge Mo­na­te vor den At­ten­tat von IS-Ter­ro­ris­ten auf Pa­ri­ser Stra­ßen­ca­fés und den Kon­zert­saal Bat­a­clan er­schien An­fang des ver­gan­ge­nen Jah­res Mi­chel Hou­el­l­e­bec­qs „Un­ter­wer­fung“. Da­mals wirk­te die­ser Sci­ence-Fic­tion-Ro­man, der in na­her Zu­kunft die le­ga­le Macht­über­nah­me ei­nes ge­mä­ßig­ten, is­la­mi­schen Re­gimes durch­spielt, wie die zy­ni­sche Vi­si­on ei­nes hell­sich­ti­gen Au­tors, der dem Wes­ten sei­ne um­fäng­li­che Er­schlaf­fung – und in­tel­lek­tu­el­le Wehr­lo­sig­keit vor­hält. In der Tat ist Houl­le­bec­qs Ge­schich­te we­ni­ger ei­ne Abrech­nung mit dem Is­lam, als viel­mehr mit dem auf­ge­klär­ten mo­der­nen Men­schen, der Er­run­gen­schaf­ten wie Frei­heit, Selbst­be­stim­mung und Eman­zi­pa­ti­on über­drüs­sig ge­wor­den ist und sich heim­lich nach ei­ner au­to­ri­tä­ren Ord­nung sehnt, die ihm al­le Ent­schei­dun­gen ab­nimmt. Und sei es ei­ne is­la­mi­sche.

Ka­rin Bei­er hat die­sen bri­san­ten Ro­man in Ham­burg auf die Büh­ne ge­bracht – als gran­dio­ses So­lo für Ed­gar Sel­ge. In ei­nem ge­wal­ti­gen Akt der Ver­aus­ga­bung er­zählt er dem Zu­schau­er die ge­sam­te Ge­schich­te, macht das Thea­ter zum Kraft­werk der Vor­stel­lung, in dem ein Text al­lein durchs Aus­spre­chen le­ben­dig wer­den kann.

Re­gis­seur Mal­te Lach­mann, 1989 in Mar­burg ge­bo­ren und in Mün­chen aus­ge­bil­det, hat sich in sei­ner Ins­ze­nie­rung für das Staats­schau­spiel Dres­den, die nun in Düs­sel­dorf zu se­hen ist, für das Ge­gen­teil ent­schie­den: Er be­bil­dert den Text – und nimmt ihm da­mit ei­ni­ges an Wucht und Sar­kas­mus. Lach­mann lässt die Ne­ben­fi­gu­ren des Ro­mans als rea­le Fi­gu­ren auf­tre­ten. So ar­bei­ten sich Lo­renz Nu­fer mit viel Lust an der Über­zeich­nung und we­ni­ger in­spi­riert Yo­han­na Schwert­fe­ger durch di­ver­se Cha­rak­te­re. Ben Da­ni­el Jöhnk gibt mit aa­si­ger Schläue den Po­lit­wen­de-Pro­fi­teur, der François schließ­lich für den Über­tritt zum Is­lam ge­winnt.

Doch der Re­gis­seur be­lässt es nicht bei der Ver­tei­lung des Tex­tes auf die­ses En­sem­ble. Er lässt das po­li­ti­sche Ge­sche­hen pseu­do-do­ku­men­ta­risch über Vi­deo ein­spie­len. François hat das Smart­pho­ne im­mer in der Ta­sche: ein Wisch, schon ist er schein­bar mit­ten im Ge­sche­hen. Mit ihm ver­folgt der Zu­schau­er dann Aus­schrei­tun­gen in Pa­ris, Auf­trit­te des Front Na­tio­nal, Talk­shows, Eil­nach­rich­ten. Doch die­ser Ver­an­schau­li­chun­gen hät­te es gar nicht be­durft. Der Zu­schau­er kennt die Bil­der ja, das Thea­ter muss sie nicht ab­spie­len, es hat an­de­re Mit­tel, um sie ins Be­wusst­sein zu bea­men.

Lach­mann bringt den Text so­li­de auf die Büh­ne, auch wer den Ro­man nicht kennt, kann bes­tens fol­gen. Doch ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Stoff mit den Mit­teln des Thea­ters bie­tet er kaum. Viel­mehr un­ter­wirft sich die­se Ins­ze­nie­rung ei­nem Best­sel­ler, der für viel Auf­se­hen ge­sorgt hat, weil er in ver­un­si­cher­ten Zei­ten un­an­ge­neh­me Fra­gen stellt. Et­wa da­nach, wer im Wes­ten be­reit wä­re, ein Stück Be­quem­lich­keit auf­zu­ge­ben, wenn sei­ne Wer­te in Ge­fahr ge­ra­ten. Bei Hou­el­l­e­becq ge­schieht die Un­ter­wer­fung über­aus ge­schmei­dig. Das Thea­ter ist ein gu­ter Ort, um sich das an­zu­se­hen.

FO­TO: BALT­ZER

Chris­ti­an Erd­mann als Haupt­fi­gur François in der Büh­nen­ad­ap­ti­on des Ro­mans „Un­ter­wer­fung“von Mi­chel Hou­el­l­e­becq am Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus.

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