Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Er woll­te beim ers­ten Licht mit der Ka­me­ra durch die Klongs fah­ren und ein paar Schau­plät­ze fil­men, die sich für Mon­te­cris­tos Flucht aus Thai­land eig­nen könn­ten. So schloss er ei­nen Kom­pro­miss mit sich: Er wür­de zwar in sein Zim­mer ge­hen, aber dort auf dem Bal­kon noch ein Gu­te­n­acht­bier aus der Mi­ni­bar trin­ken.

Als er an der Re­zep­ti­on vor­bei­kam, wink­te ihn der Night Du­ty Ma­na­ger her­an, ein adret­ter Mann um die vier­zig im dunk­len An­zug. Sein früh­zei­tig er­grau­tes dich­tes Haar war sorg­fäl­tig ge­schei­telt, und er trug ei­ne run­de Bril­le. Er reich­te ihm ein Kärt­chen, das er am nächs­ten Mor­gen dem Ho­tel­an­ge­stell­ten am Boots­steg über­rei­chen sol­le. Der be­schrei­be dann dem Boots­füh­rer, was Jo­nas wol­le.

Er be­dank­te sich und ging zum Lift, vor dem um die­se Zeit kein Boy mehr stand.

Kaum hat­te Jo­nas es sich auf dem Bal­kon be­quem ge­macht, klin­gel­te sein Han­dy.

„Schläfst du schon?“, frag­te Max’ Stim­me.

„Bei­na­he. Hier ist es kurz vor Mit­ter­nacht.“

„Ich weiß. Ich hät­te nicht an­ge­ru­fen, wenn es nicht wich­tig wä­re, Jo­nas. Sehr wich­tig.“„Was ist pas­siert?“„Mo­vie­fonds ist GCBS.“Jo­nas war sprach­los. „Bist du noch da? Jo­nas?“„Ja, ja“, es klang et­was ge­nervt, „ich hab’s ge­hört. Mo­vie­fonds ist ei­ne halb­staat­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on zur För­de­rung Schwei­zer Fil­me mit in­ter­na­tio­na­lem Po­ten­ti­al.“

„Halb staat­lich, halb GCBS. Die meis­ten Mit­tel stam­men aus dem Kul­tur­bud­get der Bank.“

„Wo­her hast du das?“

„Zu­ver­läs­si­ge Qu­el­le. Die Bank hat zwar kei­ne Ver­tre­ter in der Ju­ry und kein Mit­spra­che­recht, aber sie bringt die Koh­le.“

„Und die an­de­ren pri­va­ten Geld­ge­ber?“

„Al­le an­onym. Und mehr so pro for­ma, sagt mei­ne Qu­el­le.“

„Und was sagt sie noch, dei­ne Qu­el­le?“„Willst du es wirk­lich wis­sen?“„Ja.“„Dass dein Film nie auch nur in der en­ge­ren Wahl war.“

Jo­nas schwieg. Zwei noch im­mer gut­be­setz­te Was­ser­bus­se kreuz­ten sich hu­pend un­ten im Chao Phra­ya. Er spür­te, wie das Ge­fühl der Un­wirk­lich­keit, in dem er sich seit Weih­nach­ten be­fand, sich ver­flüch­tig­te. „Wie­so rufst du mich des­we­gen an, mit­ten in der Nacht? Scha­den­freu­de?“

„Du sollst ein­fach wis­sen, dass du in Bang­kok bist, weil dich je­mand aus dem Weg ha­ben will.“

„Und was soll ich dei­ner Mei­nung nach mit die­sem Wis­sen hier an­fan­gen?“„Dich in Acht neh­men.“„Wo­vor?“Max klang jetzt un­wirsch. „Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur, dass die Con­ti­ni-Ge­schich­te ei­ne Rie­sen­sa­che ist. Pass ein­fach auf.“„Ma­ri­na hat doch recht.“„Wer ist Ma­ri­na?“„Mei­ne Freun­din.“Es war das ers­te Mal, dass Jo­nas die­ses Wort für sie be­nutz­te. „Und wo­mit hat sie recht?“„Dass du ein Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker bist.“

Er steck­te sein Han­dy an das La­de­ka­bel ne­ben dem Nacht­tisch und stell­te den We­cker auf fünf Uhr. Die Bal­kon­tür stand noch of­fen. Die tro­pi­sche Nacht­luft roch nach Blü­hen­dem und Ver­dor­be­nem und ver- misch­te sich mit der kli­ma­ti­sier­ten sei­nes Zim­mers.

Er setz­te sich auf ei­nen Pols­ter­ses­sel und trank das Bier aus, das schon et­was warm ge­wor­den war.

Pass ein­fach auf, hat­te Max ihm ans Herz ge­legt. Gut mög­lich, dass er ein Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker war. Aber er war auch ein sehr er­fah­re­ner Jour­na­list mit ei­nem tie­fen Ein­blick in das Macht­ge­fü­ge der Wirt­schafts­welt. Viel­leicht soll­te er die War­nung doch nicht in den Wind schla­gen.

Er nahm sich vor, auf der Hut zu sein, wo­vor auch im­mer. Dann leg­te er sich ins Bett und lösch­te das Licht. Die Vor­hän­ge hat­te er of­fen ge­las­sen. Die be­leuch­te­ten Boo­te auf dem Fluss war­fen ih­ren Schim­mer an die Zim­mer­de­cke. Manch­mal war ein fer­nes Hu­pen zu hö­ren oder die fer­ne Si­re­ne ei­nes Strei­fen­wa­gens. Auf dem So­fa sah er die Um­ris­se sei­ner Ka­me­ra­t­a­sche. Sie stand dort fer­tig­ge­packt für den Aus­flug be­reit. Zwei grü­ne LED-Kon­troll­leuch­ten leuch­te­ten auf dem klei­nen Schreib­tisch. Es war das La­de­ge­rät sei­ner Ka­me­ra-Ak­kus. Er hat­te sie dort ver­ges­sen. Die Lämp­chen zeig­ten an, dass bei­de ge­la­den wa­ren. Um si­cher­zu­ge­hen, dass er sie mor­gen früh nicht ver­gaß, stand er noch ein­mal auf und nahm die Ak­kus aus dem Ge­rät. Oh­ne Licht zu ma­chen, öff­ne­te er den Reiß­ver­schluss der Ka­me­ra­t­a­sche und tas­te­te nach der In­nen­ta­sche, in die sie ge­hör­ten. Er stieß auf ei­nen Plas­tik­beu­tel, den er nicht zu­ord­nen konn­te. Jo­nas nahm ihn her­aus und mach­te Licht. Ein ver­schweiß­ter Beu­tel mit ei­nem wei­ßen Pul­ver lag vor ihm. Et­wa ein Pfund schwer. Es war ihm au­gen­blick­lich klar, wo­mit er es zu tun hat­te. Er pack­te den Beu­tel, rann­te da­mit ins Bad, klapp­te den WC-De­ckel auf, zer­riss das Plas­tik über der Schüs­sel, schüt­te­te den In­halt ins Was­ser, spül­te und sah zu, wie der Wir­bel das Zeug mit­riss. Wäh­rend der Tank nach­füll­te, knüpf­te er den lee­ren Beu­tel mit meh­re­ren Knoten zu ei­nem har­ten Knub­bel und spül­te ihn eben­falls hin­un­ter. Jo­nas wusch sich gründ­lich die Hän­de, be­tä­tig­te die Spü­lung ein wei­te­res Mal und ging zu­rück zu der Ta­sche. Er räum­te sie ganz aus und ver­ge­wis­ser­te sich, dass sich nichts mehr dar­in be­fand. Dann durch­such­te er sei­nen Kof­fer, sei­nen Schrank, sein Bett, al­le Käst­chen und Schub­la­den. Er fand nichts. Er ging wie­der zur Toi­let­te, riss ein paar Me­ter Pa­pier von der WC-Rol­le, fuhr da­mit über die In­nen­sei­te der Schüs­sel und spül­te ein wei­te­res Mal. Er sah sich noch ein­mal um, lösch­te das Licht und leg­te sich mit ra­sen­dem Puls ins Bett. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis sie ka­men. Die Tür ging ein­fach auf, vier Uni­for­mier­te stürm­ten mit den Waf­fen im An­schlag her­ein und schrien ihn auf Thai an. Sie zerr­ten ihn aus dem Bett, be­deu­te­ten ihm, die Hän­de hoch­zu­hal­ten, und tas­te­ten sei­nen Py­ja­ma ab. Hin­ter ih­nen hat­ten jetzt die bei­den Of­fi­zie­re das Zim­mer be­tre­ten, die er in der Bar ge­se­hen hat­te. Ih­nen folg­te der adret­te Night Du­ty Ma­na­ger mit ei­ner be­dau­ern­den Ges­te. Ei­ner der bei­den Of­fi­zie­re sprach ihn auf Eng­lisch an und er­laub­te ihm, die Hän­de her­un­ter­zu­neh­men. (Fort­set­zung folgt)

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