Pi­sa wird zum Pro­blem

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON JAN DREBES UND FRANK VOLL­MER

BER­LIN Die Quan­ten­phy­sik ist ein Be­reich der Na­tur­wis­sen­schaf­ten, der für den Lai­en selt­sam, teils ge­ra­de­zu ab­surd er­scheint. Eins der quan­ten­phy­si­ka­li­schen Prin­zi­pi­en ist das der Un­schär­fe: Mes­sun­gen ver­än­dern das Mess­ob­jekt, Aus­sa­gen über ver­schie­de­ne Ei­gen­schaf­ten ei­nes Ob­jekts sind nur mit be­grenz­ter Ge­nau­ig­keit mög­lich.

Ein biss­chen ist es so auch mit dem neu­en Pi­sa-Schul­ver­gleich, der ges­tern vor­ge­stellt wur­de. Da passt es gut, dass der dies­jäh­ri­ge Schwer­punkt Na­tur­wis­sen­schaf­ten wa­ren. Um Quan­ten­phy­sik ging es al­ler­ding nicht; das ist für 15Jäh­ri­ge doch et­was hap­pig. An der Aus­sa­ge­kraft der Re­sul­ta­te al­ler­dings darf ge­zwei­felt wer­den. Aber der Rei­he nach. Die Er­geb­nis­se Ei­ner­seits brach­ten die Schü­ler in Deutsch­land wei­ter über­durch­schnitt­li­che Leis­tun­gen beim Le­sen, Rech­nen und Lö­sen na­tur­wis­sen­schaft­li­cher Auf­ga­ben. An­de­rer­seits er­reich­ten sie kei­ne deut­li­chen Ver­bes­se­run­gen mehr. Im Ge­gen­teil: In Na­tur­wis­sen­schaf­ten schnit­ten sie schlech­ter ab als zu­vor, vor al­lem an Gym­na­si­en. 509 Punk­te er­reich­ten sie, 2012 wa­ren es noch 524. Der Durch­schnitt lag die­ses Mal bei 493 Punk­ten. Hei­no von Mey­er, Ex­per­te der für Pi­sa zu­stän­di­gen In­dus­trie­län­der-Or­ga­ni­sa­ti­on OECD, fasst es so: Deutsch­land ha­be das „Jam­mer­tal des Pi­sa-Schocks“zwar ver­las­sen. Doch mit den ak­tu­el­len Er­geb­nis­sen en­de auch ein zehn­jäh­ri­ger Auf­stieg ins obe­re in­ter­na­tio­na­le Mit­tel­feld; wei­te­re Dy­na­mik sei nicht er­kenn­bar.

Kla­rer Sie­ger ist Sin­gapur. Die Schü­ler er­reich­ten dort in Na­tur­wis­sen­schaf­ten 556 Punk­te, es fol­gen Ja­pan (538) und Est­land (534) als bes­tes eu­ro­päi­sches Land. In Ma­the­ma­tik ran­giert Sin­gapur (564) vor den Chi­ne­sen aus Hongkong (548) und Ma­cao (544), im Le­sen mit 535 Punk­ten vor Ka­na­da und Hongkong (je­weils 527) so­wie dem lang­jäh­ri­gen Pi­sa-Eu­ro­pa­meis­ter Finn­land (526). Die Me­tho­de Rund 540.000 Schü­ler aus 72 Staa­ten und Re­gio­nen ha­ben 2015 die ak­tu­el­len Tests ab­sol­viert. Die ein- zel­nen Pi­sa-Run­den fol­gen im Ab­stand von drei Jah­ren. In Deutsch­land mach­ten et­wa 6500 Schü­ler mit. So weit, so ver­gleich­bar. Zwei Neue­run­gen gab es al­ler­dings: Die OECD hat für die Be­wer­tung von Auf­ga­ben ein neu­es Kri­te­ri­um ein­ge­führt – und erst­mals wur­den die Tests am Com­pu­ter ab­sol­viert.

Und da be­ginnt das Pro­blem. „Die OECD macht es sich bei der Um­stel­lung et­was ein­fach“, kri­ti­siert et­wa Olaf Köl­ler, Bil­dungs­for­scher an der Uni Kiel. Er hat an ei­ner Stel­lung­nah­me des Zen­trums für in­ter­na­tio­na­le Bil­dungs­ver­gleichs­stu­di­en (ZIB) an der TU München mit­ge­wirkt, die den Ne­ga­tiv-Ef­fekt un­ter­sucht. „Mi­nus 15 Punk­te in drei Jah­ren – das gibt es nur, wenn man den Un­ter­richt ein­stellt“, sagt Köl­ler. Un­ter Be­ru­fung auf ei­ne Ver­gleichs­stu­die, die teils am Com­pu­ter, teils auf Pa­pier durch­ge­führt wur­de, kom­men sie zu ganz an­de­ren Er­geb­nis­sen: Weil deut­sche Schü­ler im Un­ter­richt we­ni­ger ver­traut mit Com­pu­tern sei­en als et­wa ih­re Kol­le­gen in Fer­n­ost, wür­den für sie Auf­ga­ben in di­gi­ta­ler Form bis zu 20 Punk­te schwie­ri­ger als auf Pa­pier. Das ver­zer­re die Er­geb­nis­se – Pi­sa mä­ße dem­nach nicht nur Schul­leis­tun­gen, son­dern auch Com­pu­ter-Kennt­nis­se. „Wenn die Er­schwer­nis bei Pi­sa eben­so groß war“, re­sü­miert Köl­ler, „wä­re der Trend so­gar po­si­tiv.“Dann kä­me näm­lich ein kor­ri­gier­ter Wert von 526 bis 528 her­aus – was die Auf­wärts­be­we­gung des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts be­stä­ti­gen wür­de. Die Fol­ge­run­gen Die Ver­gleich­bar­keit von Pi­sa 2015 mit den vor­he­ri­gen Run­den ist al­so zu­min­dest zwei­fel­haft. „Es ist fast ein Neu­start“, sagt Köl­ler so­gar. Trotz­dem lei­tet sich aus der Me­tho­den­kri­tik di­rekt ei­ne schu­li­sche Pro­blem­be­schrei­bung ab: Deut­sche Schü­ler kön­nen ihr Po­ten­zi­al am Rech­ner nicht voll ab­ru­fen. Bei der Di­gi­ta­li­sie­rung hat Deutsch­land tat­säch­lich Nach­hol­be­darf – nicht bloß bei der Aus­stat­tung der Schu­len, son­dern auch bei der Me­di­en­kom­pe­tenz der Schü­ler.

Die Er­geb­nis­se der Un­ter­su­chung selbst be­stä­ti­gen Be­kann­tes: Kin­der aus ar­men Fa­mi­li­en oder oh­ne Aka­de­mi­ker-El­tern ho­len auf, ha­ben es aber in Leis­tun­gen 15-jäh­ri­ger Schü­ler in Punk­ten (aus­ge­wähl­te Staa­ten)

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