Ver­ge­wal­ti­ger zerr­te Op­fer ins Ge­büsch

Die Po­li­zei macht ei­nen Fa­mi­li­en­va­ter aus dem Irak für zwei An­grif­fe auf Stu­den­tin­nen im Bochu­mer Uni-Vier­tel ver­ant­wort­lich. Die Er­mitt­ler nah­men den Mann in ei­nem Heim für Flücht­lin­ge fest.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON JÖRG ISRINGHAUS UND CHRIS­TI­AN SCHWERDTFE­GER

BOCHUM/FREI­BURG Nach dem Fahn­dungs­er­folg in Frei­burg konn­te nun auch die Bochu­mer Po­li­zei ei­nen mut­maß­li­chen Ver­ge­wal­ti­ger er­mit­teln. Der 31-Jäh­ri­ge soll für zwei Se­xu­al­de­lik­te im Bochu­mer Uni­ver­si­täts­vier­tel ver­ant­wort­lich sein. Bei den Op­fern han­delt es sich um zwei 21 und 27 Jah­re al­te Stu­den­tin­nen aus Chi­na. Der Tat­ver­däch­ti­ge sei Asyl­be­wer­ber, stam­me aus dem Irak und ha­be mit sei­ner Frau und zwei Kin­dern in ei­ner Flücht­lings­un­ter­kunft na­he den Tat­or­ten ge­lebt, sag­te Ober­staats­an­walt Andre­as Bach­mann. Erst im De­zem­ber 2015 sei der Mann nach Deutsch­land ge­kom­men. Die Staats­an­walt­schaft wirft ihm un­ter an­de­rem ver­such­ten Mord, Ver­ge­wal­ti­gung und ge­fähr­li­che Kör­per­ver­let­zung vor. Eins sei­ner bei­den Op­fer soll er in ein Ge­büsch ge­zerrt und ver­ge­wal­tigt ha­ben. Er sitzt nun in Un­ter­su­chungs­haft, be­strei­tet aber die Vor­wür­fe.

Auch bei dem mut­maß­li­chen Tä­ter aus Frei­burg han­delt es sich um ei­nen Flücht­ling, ei­nen 17-jäh­ri­gen Af­gha­nen, der seit 2015 in Deutsch­land lebt. Er soll Mit­te Ok­to­ber am Fluss Drei­sam die 19 Jah­re al­te Stu­den­tin Ma­ria L. ver­ge­wal­tigt ha­ben – sie starb am Tat­ort.

Die Über­fäl­le in Bochum ge­scha­hen im Au­gust und im No­vem­ber. Im Au­gust war ei­ne 21-Jäh­ri­ge schwer ver­letzt wor­den. Au­ßer­dem hat­te der Tä­ter ver­sucht, die Frau zu ver­ge­wal­ti­gen. Die Po­li­zei hat­te ei­ne Mord­kom­mis­si­on ein­ge­setzt. Im No­vem­ber wur­de ei­ne 27Jäh­ri­ge zum Op­fer. Hier kam es zu ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung. Zu­vor hat­te die Po­li­zei in bei­den Fäl­len von Ver­ge­wal­ti­gung ge­spro­chen. Sie hat­te mit Phan­tom­bil­dern nach dem Mann ge­sucht. Ein DNA-Test hat­te zu­vor er­ge­ben, dass bei­de Ta­ten vom sel­ben Mann be­gan­gen wur­den. An der Ruhr-Uni hat­ten die Fäl­le für Ve­r­un­si­che­rung ge­sorgt. Auch, weil sie an das „Uni-Phan­tom“er­in­ner­ten. Da­bei han­delt es sich um ei­nen Un­be­kann­ten, der zwi­schen 1994 und 2002 im Raum Sprock­hö­vel und in Bochum 21 Frau­en miss­braucht ha­ben soll.

Auch in Frei­burg war die Be­völ­ke­rung ver­ängs­tigt. Ei­ne aus 40 Er­mitt­lern be­ste­hen­de Son­der­kom­mis­si­on ar­bei­tet der­zeit dar­an, neue Er­kennt­nis­se nach der Fest­nah­me zu be­wer­ten. Al­ler­dings schweigt der 17-Jäh­ri­ge. Ein mar­kan­tes Haar und ein DNA-Ab­gleich führ­ten die Er­mitt­ler zu ihm. Die DNA des 18,5 Zen­ti­me­ter lan­gen, blon­dier­ten Haa­res stimm­te mit DNA an der Lei­che über­ein. Da­her wuss­te die Po­li­zei, dass sie nach ei­nem Tä­ter mit auf­fäl­li­ger Fri­sur su­chen muss­te – und wur­de auf Vi­deo­auf­nah­men aus ei­ner Stra­ßen­bahn fün­dig. Spä­ter wur­de er von ei­ner Strei­fe er­kannt, ob­wohl er die Haa­re teils ab­ra­siert hat­te.

Der Frei­bur­ger Po­li­zei­prä­si­dent Bern­hard Rot­zin­ger for­der­te in der „Ba­di­schen Zei­tung“ei­ne um­fas­sen­de­re Aus­wer­tung von DNA-Spu­ren. „Dann hät­ten wir die Er­mitt­lun­gen we­sent­lich kon­zen­trier­ter vor­an­trei­ben kön­nen“, sag­te Rot­zin­ger. Bis­lang darf DNA, die an ei­nem Tat­ort ge­fun­den wird und wahr­schein­lich vom Tä­ter stammt, laut Ge­setz nicht auf Merk­ma­le wie Au­gen-, Haaro­der Haut­far­be ana­ly­siert wer­den, auch wenn sich da­mit die Su­che ein­gren­zen lie­ße. Ba­den-Würt­tem­bergs Jus­tiz­mi­nis­ter Gui­do Wolf (CDU) hat­te be­reits vor ei­ni­gen Ta­gen – vor der Fest­nah­me – mehr Mög­lich­kei- ten bei der Aus­wer­tung von DNASpu­ren ge­for­dert und ei­ne Initia­ti­ve da­zu an­ge­kün­digt. Mög­li­cher­wei­se hät­te ei­ne ent­spre­chen­de DNA-Ana­ly­se auch im Bochu­mer Fall den Tä­ter­kreis ein­ge­engt.

Wirk­lich Grund zum Au­f­at­men gibt es in Frei­burg je­doch nicht. In der Stadt, die vie­len bis­her als ein Ort ho­her Le­bens­qua­li­tät und ver­hält­nis­mä­ßig si­cher galt, sind Ver­bre­chen zu ei­nem be­herr­schen­den The­ma ge­wor­den. „Frei­burg ist seit vie­len Jah­ren die Kri­mi­na­li­täts­hoch­burg in Ba­den-Würt­tem­berg“, sagt Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Sa­lo­mon (Grü­ne). So ka­men 2015 auf 100.000 Ein­woh­ner laut Po­li­zei 12.296 Straf­ta­ten; in der Lan­des­haupt­stadt Stutt­gart wa­ren es hin­ge­gen nur 10.850. Hin­zu kommt seit Wo­chen ei­ne Se­rie schwe­rer De­lik­te. So ge­schah ne­ben der Atta­cke auf die 19-Jäh­ri­ge ein wei­te­rer un­ge­klär­ter Frau­en­mord im be­nach­bar­ten En­din­gen. Im Ok­to­ber starb ein Mann, der auf ei­nem Platz in der In­nen­stadt von zwei Män­nern ge­schla­gen wor­den war, nach­dem er öf­fent­lich uri­niert hat­te. Es gab, eben­falls in der Stadt, mehr­fach Über­grif­fe auf Frau­en. Mit­te No­vem­ber er­stach ein 39-Jäh­ri­ger sei­nen 21 Jah­re al­ten Nef­fen.

Die Häu­fung solch schwe­rer Ver­bre­chen sei zu­fäl­lig, es han­de­le sich um Ein­zel­ta­ten, sagt Po­li­zei­prä­si­dent Rot­zin­ger. Doch die­se be­ein­träch­tig­ten das Si­cher­heits­ge­fühl. Mit sei­nen in­zwi­schen fast 230.000 Ein­woh­nern ist Frei­burg laut Sta­tis­ti­schem Lan­des­amt die am schnells­ten wach­sen­de Stadt in Ba­den-Würt­tem­berg. Das schafft Pro­ble­me. Hin­zu kom­men die Grenz­nä­he zu Frank­reich und zur Schweiz und die Tat­sa­che, dass Frei­burg vor al­lem bei jun­gen Men­schen in­zwi­schen als Sze­ne-Stadt gilt. Ei­ne Mix­tur, die auch Kri­mi­nel­le an­zieht. Ne­ben den gut­bür­ger­li­chen Vor­zei­ge­vier­teln gibt es, wie vie­ler­orts, so­zia­le Brenn­punk­te und Pro­blem­be­zir­ke. Über­durch­schnitt­lich ho­he Im­mo­bi­li­en­prei­se und Mie­ten ver­schär­fen so­zia­le Span­nun­gen. Die Po­li­zei ver­sucht nun, mit mehr Prä­senz ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Durch die Her­kunft des Mord­ver­däch­ti­gen wur­de wie­der die De­bat­te um die Flücht­lings­po­li­tik be­feu­ert. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) warn­te vor ei­ner pau­scha­len Ver­ur­tei­lung al­ler Flücht­lin­ge. „Wenn es sich her­aus­stel­len soll­te, dass es ein af­gha­ni­scher Flücht­ling war, dann ist das ab­so­lut zu ver­ur­tei­len, ge­nau­so wie bei je­dem an­de­ren Mör­der, aber auch ganz deut­lich zu be- nen­nen. Und dann sa­ge ich, dass da­mit aber nicht die Ab­leh­nung ei­ner gan­zen Grup­pe ver­bun­den sein kann, so wie wir auch sonst nicht von ei­nem auf ei­ne gan­ze Grup­pe schlie­ßen kön­nen“, sag­te Mer­kel am Mon­tag­abend in den ARD-„Ta­ges­the­men“. Flücht­lings­hil­fe an sich wer­de von den meis­ten Bür­gern auch nach dem ge­walt­sa­men Tod der Stu­den­tin und dem Tat­ver­dacht ge­gen den jun­gen Af­gha­nen nicht in­fra­ge ge­stellt, sagt ein Spre­cher ei­ner Frei­bur­ger Initia­ti­ve. Als die AfD nach der Fest­nah­me des Flücht­lings zur Pro­test­kund­ge­bung ge­gen Zu­wan­de­rung auf­rief, stan­den 15 Teil­neh­mer rund 300 Ge­gen­de­mons­tran­ten ge­gen­über.

In Bochum kam der ent­schei­den­de Hin­weis vom Le­bens­ge­fähr­ten des zwei­ten Op­fers. Die­ser hat­te dem­nach ver­gan­ge­ne Wo­che in ei­nem Ge­büsch na­he des zwei­ten Tat­orts ei­nen Mann be­merkt. Geis­tes­ge­gen­wär­tig mach­te er mit dem Han­dy zahl­rei­che Fo­tos von ihm. Der Mann rann­te dar­auf­hin weg. Mit den „erst­klas­si­gen Bil­dern“, wie der zu­stän­di­ge Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar das Ma­te­ri­al ges­tern nann­te, konn­te die Po­li­zei den Tat­ver­däch­ti­gen we­nig spä­ter in ei­ner Flücht­lings­un­ter­kunft in der Nä­he aus­fin­dig ma­chen. Er gab ei­ne Spei­chel­pro­be ab. Als vor­ges­tern die DNA der Pro­be mit der Tä­ter-DNA über­ein­stimm­te, wur­de der Mann fest­ge­nom­men. Wis­sen

Der Le­bens­ge­fähr­te des zwei­ten Bochu­mer Op­fers lie­fer­te den ent­schei­den­den Hin­weis

FO­TO: DPA

Am gest­ri­gen Nach­mit­tag war auf dem Cam­pus der Ruhr-Uni­ver­si­tät in Bochum die Ve­r­un­si­che­rung nach den se­xu­el­len Atta­cken auf zwei Frau­en groß.

FO­TOS: PO­LI­ZEI

Mit die­sen Phan­tom­bil­dern such­te die Po­li­zei nach dem Tä­ter.

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