Er­do­gan will den Hin­den­burg-Pa­ra­gra­fen

Ei­ne neue Ver­fas­sung soll dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Macht über das Par­la­ment ge­ben.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON SU­SAN­NE GÜS­TEN

ISTAN­BUL Nor­ma­ler­wei­se ist der In­halt ei­nes Ge­setz­ent­wur­fes be­kannt, wenn ei­ne Par­tei ih­re Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten zur Un­ter­stüt­zung für die Vor­la­ge auf­ruft. Nicht aber im Fall der ge­plan­ten Ver­fas­sungs­än­de­rung in der Tür­kei. Die Ab­ge­ord­ne­ten der Er­do­gan-Par­tei AKP wur­den ein­ge­la­den, ih­re Un­ter­schrift für den ge­plan­ten Um­bau des Staa­tes in ei­ne Prä­si­di­al­re­pu­blik zu leis­ten, ob­wohl die Ge­sprä­che über den Text der Ver­fas­sungs­än­de­run­gen noch nicht ab­ge­schlos­sen sind. Nach Wil­len Er­do­gans wird das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten dem­nach ab­ge­schafft, der Prä­si­dent als Ober­be­fehls­ha­ber der Streit­kräf­te ein­ge­setzt. Zu­dem soll er die Ka­bi­nett­sit­zun­gen lei­ten und den Staats­haus­halt auf­stel­len. Die Re­gie­rung soll le­dig­lich dem Prä­si­den­ten ver­ant­wort­lich sein, nicht mehr dem Par­la­ment.

Nur noch „De­tails“sei­en zu klä­ren, mein­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim nach ei­nem Tref­fen mit dem Chef der Rechts­par­tei MHP, die der AKP zur Mehr­heit für die Ver­fas­sungs­än­de­rung ver­hel­fen soll. Die Par­la­ments-Be­ra­tun­gen sol­len im neu­en Jahr be­gin­nen und bis zum Früh­jahr ab­ge­schlos­sen sein. Läuft al­les nach Er­do­gans Plan, wer­den die Tür­ken im Früh­som­mer in ei­ner Volks­ab­stim­mung über die Ab­schaf­fung des par­la­men­ta­ri­schen Sys­tems ab­stim­men.

Re­cep Tay­yip Er­do­gan könn­te dann bis zum Jahr 2029 als Prä­si­dent mit weit­rei­chen­den Voll­mach­ten re­gie­ren. Die noch un­ge­klär­ten „De­tails“, von de­nen Yil­di­rim spricht, ha­ben es in sich. Un­ter an­de­rem geht es da­bei um die For­de­run­gen der AKP, dem Prä­si­den­ten das Recht zur Auf­lö­sung des Par­la­ments zu ge­ben. Er­do­gan greift da­mit nach ei­ner ähn­li­chen Macht­fül­le, wie sie Paul von Hin­den­burg als Prä­si­dent der Wei­ma­rer Re­pu­blik hat­te (Hin­den­burg-Pa­ra­graf). Noch sperrt sich die MHP ge­gen die­se Än­de­run­gen. Denn nach dem AKP-Mo­dell hät­te das Par­la­ment kaum Mög­lich­kei­ten, der Macht des Prä­si­den­ten et­was ent­ge­gen­zu­set­zen – ei­ne po­ten­zi­ell schwer­wie­gen­de Schwä­chung der Ge­wal­ten­tei­lung, sa­gen Kri­ti­ker. Zu­dem feh­len die Ge­gen­ge­wich­te durch po­li­tisch star­ke Bun­des­staa­ten oder ei­ne un­ab­hän­gi­ge Jus­tiz. Die Me­di­en sind größ­ten­teils auf Re­gie­rungs­li­nie.

Die Wäh­ler kön­nen sich laut Um­fra­gen bis­her nicht so recht für den Plan er­wär­men, und auch un­ter den 317 AKP- und den 40 MHP-Ab­ge­ord­ne­ten dürf­te es in ge­hei­mer Ab­stim­mung über den Staats­um­bau ei­ni­ge Ab­weich­ler ge­ben. Er­do­gans Amts­vor­gän­ger Ab­dul­lah Gül et­wa for­der­te in ei­nem CNN-Interview jüngst das En­de des ver­häng­ten Aus­nah­me­zu­stan­des, ei­nen Ver­zicht auf die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe und ei­ne Rück­kehr zu de­mo­kra­ti­schen Re­for­men.

Das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten soll ab­ge­schafft, der Prä­si­dent Ober­be­fehls­ha­ber der Streit­kräf­te wer­den

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