„Pa­ti­ent soll­te Ri­si­ken der Par­kin­son-The­ra­pie ken­nen“

Rheinische Post Moenchengladbach - - WISSEN - WOLF­RAM GO­ERTZ FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

AA­CHEN Für Un­ru­he un­ter Par­kin­son-Pa­ti­en­ten sorg­te jetzt die Mel­dung, dass ein Mann vom Nie­der­rhein, der an die­ser Er­kran­kung lei­det, meh­re­re Frau­en mas­siv se­xu­ell be­läs­tigt ha­be. Er be­kam ei­ne so­ge­nann­te Im­puls­kon­troll­stö­rung, die bei Par­kin­son-Pa­ti­en­ten auf­tre­ten kann, aber nicht muss. Wie oft gibt es sol­che Fäl­le? Wir spra­chen mit Prof. Jörg B. Schulz, er ist Di­rek­tor der Kli­nik für Neu­ro­lo­gie am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Aa­chen. Gibt es ver­läss­li­che Da­ten? SCHULZ In der Grup­pe der Pa­ti­en­ten, die mit so­ge­nann­ten Do­pa­min-Ago­nis­ten be­han­delt wer­den, ge­hen wir Neu­ro­lo­gen da­von aus, dass bis zu 20 Pro­zent von ih­nen ei­ne sol­che Im­puls­kon­troll­stö­rung in un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät ent­wi­ckeln. Wel­che Sym­pto­me ha­ben sie? SCHULZ Sie ge­ben Un­sum­men von Geld am Spiel­au­to­ma­ten aus. Sie kau­fen mehr ein, als sie brau­chen. Sie ent­wi­ckeln Ess­stö­run­gen. Und sie lei­den un­ter ei­ner ver­än­der­ten Se­xua­li­tät bis hin zur Sex­sucht. Meist steht ein Sym­ptom im Vor­der­grund. Was macht man als Arzt? SCHULZ Ge­nau über­le­gen, wie man den Pa­ti­en­ten auf ein an­de­res Me­di­ka­ment oder ei­ne an­de­re Do­sis um­stellt. Das geht oft, aber nicht im­mer. Es man­gelt hier­zu lei­der auch an ge­nü­gend gro­ßen Stu­di­en, die ver­läss­li­che Da­ten lie­fern und die Ef­fek­te von Me­di­ka­men­ten di­rekt ver­glei­chen. Man muss auch schau­en, ob die Pa­ti­en­ten das Me­di­ka­ment gleich­mä­ßig neh­men. Sonst müss­te man über­le­gen, ob man sie auf ein Pflas­ter oder ei­ne Pum­pe um­stellt, die das ge­währ­leis­ten. Las­sen sich sol­che An­fäl­le wie bei dem Par­kin­son-Pa­ti­en­ten vom Nie­der­rhein ei­gent­lich vor­her­sa­gen? SCHULZ Nein, und das macht die Sa­che schwie­rig. Die­se Epi­so­den sind ja of­fen­bar an­falls­ar­tig auf­ge­tre­ten. Was macht man mit Pa­ti­en­ten, die sol­che Pro­ble­me häu­fig zei­gen? SCHULZ Man wür­de dann ei­ne Im­puls­kon­troll­stö­rung ei­ne so­ge­nann­te „psych­ia­tri­sche Ko­mor­bi­di­tät“nen­nen. Bei ei­nem Kauf­süch­ti­gen bräuch­te man ei­ne Per­son, die für den Pa­ti­en­ten des­sen fi­nan­zi­el­le An­ge­le­gen­hei­ten re­gelt. Und wie ist es mit Sex­sucht? SCHULZ Sol­che Fäl­le, dass sich Hy­per­se­xua­li­tät über lan­ge Zeit hält, auch wenn die Me­di­ka­men­te ge­än­dert wur­den, sind sel­ten. Ich ha­be ei­nen sol­chen Fall noch nie er­lebt. Al­ler­dings gibt es sehr wohl den Fall, dass ein Ehe­paar in die Sprech­stun­de kommt, weil sich un­ter den Me­di­ka­men­ten die se­xu­el­le Ori­en­tie­rung ver­än­dert hat. Die­ses Paar muss man dann auf­klä­ren. Es muss sich al­so nie­mand sor­gen, dass er von ei­nem Par­kin­son-Pa­ti­en­ten se­xu­ell be­läs­tigt wird? SCHULZ Nein. Und wenn, dann ist das ei­ne Ra­ri­tät. Aber wie das so ist mit Ra­ri­tä­ten: Es gibt sie halt. Fin­det man auf den Bei­pack­zet­teln der Me­di­ka­men­te ent­spre­chen­de Warn­hin­wei­se? SCHULZ Ja. Pa­ti­en­ten soll­ten bei der Ein­stel­lung auf sol­che Me­di­ka­men­te auf die po­ten­zi­el­le Ge­fahr von Im­puls­kon­troll­stö­run­gen hin­ge­wie­sen wer­den, da­mit sie wis­sen, dass sol­che Stö­run­gen be­reits früh auf­tre­ten kön­nen, und sich be­reits bei ers­ten Sym­pto­men beim ver­schrei­ben­den Arzt wie­der vor­stel­len.

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