Coach Bieg­ler ver­zückt „sei­ne La­dys“

Der 55-Jäh­ri­ge will den Frau­en-Hand­ball auf ei­ne er­folg­rei­che Heim-WM vor­be­rei­ten und nach­hal­tig Struk­tu­ren ver­än­dern.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON STE­FA­NIE SANDMEIER

LE­VER­KU­SEN Wer Micha­el Bieg­ler län­ger zu­hört, merkt recht schnell, dass sein grim­mi­ger Ge­sichts­aus­druck nicht un­be­dingt et­was be­deu­ten muss. Der Hand­ball-Leh­rer ver­zieht kaum ei­ne Mie­ne, wenn er den Raum be­tritt. Er grüßt höf­lich, das war’s erst­mal.

Jen­ni­fer Ka­ro­li­us, Na­tio­nal­spie­le­rin aus Le­ver­ku­sen, nennt ihn ei­nen „Hand­ball­ver­rück­ten“. Dass der Mann, dem der Ruf vor­aus­eilt, als Trai­ner ein har­ter Hund und auch sonst ein eher grum­me­li­ger Ver­tre­ter zu sein, ein­mal den deut­schen Frau­en-Hand­ball ret­ten soll, hät­te bis vor kur­zem nicht ein­mal der 55Jäh­ri­ge selbst für mög­lich ge­hal­ten. Auch beim Deut­schen Hand­ball­Bund (DHB) war man an­fangs skep­tisch. „Wir ha­ben ja nicht ge­zielt nach ihm ge­sucht, son­dern zu­nächst nach ei­nem Trai­ner, der die Kom­pe­tenz mit­bringt und hel­fen kann, den Frau­en-Hand­ball so zu po­si­tio­nie­ren wie er es ver­dient hat“, sagt Sport­di­rek­tor Wolf­gang Som­mer­feld. Beim Ab­klop­fen der Kan­di­da­ten sei man je­doch schnell auf den Leich­lin­ger ge­sto­ßen.

Die­ser Micha­el Bieg­ler hat­te bis da­hin aber nur Män­ner trai­niert – dar­un­ter et­li­che Bun­des­li­gis­ten, die pol­ni­sche Na­tio­nal­mann­schaft so­wie zu­letzt den HSV Hamburg. Ge­plant war, dass er fort­an im Auf­trag des Welt­ver­ban­des ein Ent­wick­lungs­hil­fe-Pro­jekt in Ugan­da lei­tet. Doch dann rief Som­mer­feld an und über­zeug­te Bieg­ler von der Auf­ga­be, die Mann­schaft auf die Welt­meis­ter­schaft in Deutsch­land in ei­nem Jahr vor­zu­be­rei­ten. „Wir ha­ben häu­fig ge­spro­chen. Da­bei ging es nie um Geld, son­dern nur um die Sa­che“, be­tont Som­mer­feld.

Die Zeit ist knapp. Aber Bieg­ler sieht die­ses Team, das in der Ver­gan­gen­heit als schwie­rig galt und vie­le er­folg­lo­se Tur­nie­re spiel­te, als Her­aus­for­de­rung. Als Nach­fol­ger des Dä­nen Ja­kob Ves­ter­gaard soll er die Frau­en­spar­te wie­der­be­le­ben. Aber nicht nur das. Die Tat­sa­che, dass „Bea­gle“die Po­len über drei Jah­re be­glei­te­te und dort nach­hal­tig Struk­tu­ren ver­än­der­te, mach­te ihn ne­ben sei­nen fach­li­chen Fä­hig­kei­ten um­so in­ter­es­san­ter für den DHB und sei­ne Re­form­plä­ne.

Ein Mam­mut­pro­jekt für Bieg­ler an vor­ders­ter Front, der seit sei­nem Start im April tau­sen­de Ki­lo­me­ter durch Deutsch­land fuhr, Spie­le an­schau­te und die Mög­lich­kei­ten aus­lo­te­te. Mit ihm will der Ver­band dem Frau­en-Team neue Auf­merk­sam­keit wid­men. „Es war der größ­te Feh­ler, Män­ner und Frau­en zu dif­fe­ren­zie­ren“, sagt Som­mer­feld. Bei den füh­ren­den Na­tio­nen ge­be es kei­ne Un­ter­schie­de in der Spiel­phi­lo­so­phie. „Das muss auch un­ser An­satz sein.“Be­deu­tet: Glei­che Be­treu­ung der Teams. För­de­run­gen, Sich­tung - oder Trai­nings­maß­nah­men wer­den an­ge­gli­chen. Das ist Bieg­ler wich­tig, ge­nau wie die dua­le Kar­rie­re. „Wenn die Spie­le­rin­nen ab­ge­hetzt zwi­schen zwei Vor­le­sun­gen oder nach der Ar­beit ei­ne Ein­heit ab­sol­vie­ren, muss das An­ge­bot ver­nünf­tig sein“, sagt der Coach, der vor die­sem Hin­ter­grund kaum glau­ben kann, mit wel­cher Be­geis­te­rungs­fä­hig­keit sei­ne „La­dys“zu Wer­ke ge­hen.

Die Freu­de dar­über ringt dem 55-Jäh­ri­gen ein Lä­cheln ab, der sein Team lieb ge­won­nen hat –so­wie sein Team ihn. „Er hat in al­le Be­rei­che Be­we­gung rein­ge­bracht“, schwärmt Ka­pi­tä­nin An­na Lo­er­per. Ba­sie­rend auf sei­nen Ein­drü­cken stell­te er ei- nen er­wei­ter­ten 40er-Ka­der für das WM-Pro­jekt zu­sam­men. Und ent­fach­te ei­ne Eu­pho­rie, „die ein­zig­ar­tig ist und die ich im Män­ner­be­reich so noch nicht er­lebt ha­be“, sagt Som­mer­feld. Die Ef­fek­ti­vi­tät der kur­zen Zu­sam­men­ar­beit stell­ten die Frau­en beim EM-Auf­takt­sieg ge­gen Vi­ze­welt­meis­ter Nie­der­lan­de un­ter Be­weis. Heh­re Zie­le hat sich das Team frei­lich nicht ge­setzt, das Tur­nier soll mit Blick auf 2017 Durch­gangs­sta­ti­on sein. Bieg­ler drückt sei­ne Ge­las­sen­heit in der für ihn ty­pi­schen Art aus: „Ich ha­be zwei Pa­tro­nen – da­von ei­nen Fehl­schuss. Wenn es bei der EM nicht klappt, neh­me ich al­le Schuld auf mich. Das hal­te ich aus.“

FO­TO: IMA­GO

Ge­sucht und ge­fun­den: Micha­el Bieg­ler und die deut­schen Hand­ball­frau­en, die Mi­schung scheint zu pas­sen.

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