Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Er frag­te nach sei­nen Pa­pie­ren, und als Jo­nas sag­te, sie sei­en im Sa­fe, bat er höf­lich um den Co­de. Ein Po­li­zist öff­ne­te ihn und brach­te des­sen In­halt: den Lap­top, den Pass und das Porte­mon­naie. Er leg­te al­les auf den klei­nen Schreib­tisch.

Der Of­fi­zier gab ei­nen Be­fehl, und drei Be­am­te fin­gen an, das Zim­mer zu durch­su­chen. Der vier­te be­wach­te Jo­nas, der zwei­te Of­fi­zier setz­te sich in ei­nen Ses­sel und steck­te sich ei­ne Zi­ga­ret­te an. Nach den Ab­zei­chen zu ur­tei­len, war er der Rang­höchs­te im Raum. Der Night Du­ty Ma­na­ger stand et­was be­tre­ten bei der Tür. Jo­nas frag­te sich, was für ei­ne Rol­le er spiel­te. Kom­pli­ze oder Zeu­ge?

Der Zweit­höchs­te im Rang nahm den Pass vom Schreib­tisch und blät­ter­te lan­ge da­rin. Schließ­lich frag­te er: „Mr. Brand, why did you vi­sit Ca­me­ron Bus­bar in Bang Kwang?“„Re­se­arch“, ant­wor­te­te Jo­nas. „For a mo­vie.“„I see. And why did you rent a long­tail for to­mor­row at six in the morning?“„Re­se­arch.“„I see.“Er zog ein klei­nes No­tiz­buch aus der Brust­ta­sche, nahm den Ho­tel­ku­gel­schrei­ber vom Schreib­tisch und mach­te sich ei­ne No­tiz. „Do you ha­ve any ca­te­go­ry one sub­stan­ces in your pos­se­si­on?“„What is a ca­te­go­ry one sub­stan­ce, plea­se?“, frag­te Jo­nas. „He­ro­in, Am­phet­ami­ne, Metham­phet­ami­ne, Ecs­ta­sy, LSD.“„No Sir, de­fi­ni­te­ly not.“„I see.“Wie­der mach­te er sich ei­ne No­tiz. Dann sag­te er den Satz, den Jo­nas aus sei­nen Re­cher­chen über das thai­län­di­sche Dro­gen­ge­setz kann­te und der der Po­li­zei das Recht gab, ihn und sein Zim­mer zu durch- su­chen: „We ha­ve re­a­sonable grounds to sus­pect that you are car­ry­ing or hi­ding il­le­gal drugs.“Jo­nas spür­te sei­ne Knie weich wer­den. „What grounds?“, frag­te er. Der Po­li­zei­of­fi­zier ant­wor­te­te nicht. Er setz­te sich in den zwei­ten Ses­sel und steck­te sich eben­falls ei­ne Zi­ga­ret­te an. Jo­nas sah den Be­am­ten zu, wie sie das Zim­mer durch­such­ten. Sie gin­gen sehr gründ­lich vor, man sah, dass sie auf die­se Auf­ga­be spe­zia­li­siert wa­ren. „May I sit down?“, frag­te Jo­nas. Der Of­fi­zier nick­te. „Plea­se.“Jo­nas mach­te ei­nen Schritt auf das So­fa zu. Der Po­li­zist, der ihn be­wach­te, hob sei­ne Ma­schi­nen­pis­to­le und schrie ihn auf Thai an. Jo­nas er­starr­te. Der Of­fi­zier gab ei­nen Be­fehl. Der Po­li­zist senk­te die Waf­fe, und sein Vor­ge­setz­ter sag­te wie­der: „Plea­se.“Jo­nas setz­te sich. Er spür­te, wie die Schweiß­per­len, die ihm auf die Stirn ge­tre­ten wa­ren, her­un­ter­zu­lau­fen be­gan­nen. Sein Herz klopf­te, und er hat­te das Ge­fühl, er müs­se sich gleich über­ge­ben. Zwei der Po­li­zis­ten nah­men sich jetzt die Ka­me­ra­t­a­sche vor. Sie räum­ten sie kom­plett aus und durch­such­ten den hin­ters­ten Win­kel je­der In­nen­ta­sche. Jo­nas glaub­te, ei­nen fra­gen­den Blick er­hascht zu ha­ben, den der eng­lisch­spre­chen­de Of­fi­zier ei­nem sei­ner Un­ter­ge­be­nen zu­ge­wor­fen hat­te. Nach über ei­ner St­un­de ga­ben die Be­am­ten auf. Der Rang­höchs­te stand von sei­nem Ses­sel auf und ver­ließ den Raum wort­los und brüsk. Die Be­waff­ne­ten folg­ten ihm. Der zwei­te Of­fi­zier ließ sich zu ei­ner Ent­schul­di­gung her­ab, be­vor er die Hand an die Müt­ze leg­te und ging. Der Night Du­ty Ma­na­ger sag­te: „I’m very sorry about this. Shall I send some­bo­dy to help you cle­an up this mess?“Jo­nas Brand lehn­te das An­ge­bot ab. Er wer­de selbst Ord­nung ma­chen. So­bald auch der Night Du­ty Ma­na­ger ge­gan­gen war, riss Jo­nas die Bal­kon­tür auf, um den Gestank nach Schweiß, Zi­ga­ret­ten und Al­ko­hol­fah­nen raus­zu­las­sen. Dann rann­te er ins Bad und über­gab sich in die WC-Schüs­sel, die ihn ge­ret­tet hat­te. Noch vor fünf saß er am nächs­ten Morgen im Ta­xi zum Flug­ha­fen. Er hat­te noch in der Nacht über das In­ter­net den ers­ten Flug über Chiang Mai nach Phu­ket ge­bucht. Jo­nas nahm an, dass die Pas­sa­gie­re von na­tio­na­len Flü­gen nicht oder kaum kon­trol­liert wur­den und er von ei­ner Tou­ris­ten­des­ti­na­ti­on wie Phu­ket leich­ter weg­kam. Der Night Du­ty Ma­na­ger war vom vor­zei­ti­gen Check-out nicht über­rascht ge­we­sen und hat­te ihm ver­si­chert: „I com­ple­te­ly un­der­stand.“Er war sehr hilfs­be­reit ge­we­sen und hat­te ihn zum Geld­au­to­ma­ten vor dem Ho­tel be­glei­tet, wo Jo­nas et­was Geld her­aus­ließ. Die Dol­lar, Schwei­zer­fran­ken und Baht, die in sei­nem Porte­mon­naie ge­we­sen wa­ren, hat­ten die Po­li­zis­ten mit­ge­hen las­sen. Aber so lie­bens­wür­dig der Night Du­ty Ma­na­ger auch war: Als Jo­nas ihn bat, ein Ta­xi zu be­stel­len, hat­te er vor­sichts­hal­ber doch den Bahn­hof Hua Lam­phong als Fahr­ziel an­ge­ge­ben. Pünkt­lich um zwan­zig vor zehn lan­de­te er an die­sem Vor­mit­tag in Phu­ket. Bei Qa­tar Air­ways kauf­te er mit Jeffs Kre­dit­kar­te ein Ti­cket über Kua­la Lum­pur nach Zü­rich. Kurz vor elf war­te­te er mit klop­fen­dem Her­zen und klatsch­nas­sem Hemd vor dem Im­mi­gra­ti­on-Schal­ter. Er hat­te wie im­mer die lang­sams­te Schlan­ge er­wischt. Die Grenz­po­li­zis­tin in ih­rem glä­ser­nen Schal­ter nahm es be­son­ders ge­nau. Jo­nas war ver­sucht, die Schlan­ge zu wech­seln, aber aus Angst auf­zu­fal­len ent­schied er sich da­ge­gen. Die Frau er­wi­der­te sei­nen freund­li­chen Gruß nicht. Sie sah ihn scharf an, ver­glich sein Ge­sicht mit dem Pass­fo­to. Das Pass­fo­to mit dem Ge­sicht. Das Ge­sicht mit dem Pass­fo­to. Sie leg­te den Pass auf den Scan­ner und stu­dier­te lan­ge den Bild­schirm. Sie blät­ter­te den Pass lang­sam durch und stu­dier­te je­de Sei­te. „What was the pur­po­se of your vi­sit?“frag­te sie. „Tou­rism.“Jetzt stu­dier­te sie den Ein­rei­ses­tem­pel von Thai­land. „Why on­ly th­ree days?“, woll­te sie wis­sen. Jo­nas spür­te, wie der Wind ih­res Ven­ti­la­tors den Schweiß auf sei­ner Stirn kühl­te. „Fa­mi­ly af­fairs“, gab er an. Wie­der schirm. Es war elf Uhr. Die Po­li­zei konn­te sei­ne Abrei­se aus dem Man­da­rin Ori­en­tal längst be­merkt ha­ben, wenn sie nicht so­gar der Night Du­ty Ma­na­ger ge­mel­det hat­te. Vi­el­leicht war er be­reits zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben. Die Be­am­tin lehn­te sich zu dem Kol­le­gen hin­über, der die an­de­re Schlan­ge ab­fer­tig­te, und frag­te ihn et­was. Sie dreh­te den Bild­schirm so, dass er dar­auf­se­hen konn­te. Das glei­che Ge­fühl von Übel­keit wie bei der Zim­mer­durch­su­chung stieg wie­der in Jo­nas auf. Der Kol­le­ge sag­te et­was, und bei­de lach­ten. Sie drück­te ih­ren Stem­pel in den Pass, gab ihn zu­rück und rief: „Next!“Jetzt muss­te er noch die sechs St­un­den im Ab­flug­be­reich über­ste­hen, dann hat­te er es ge­schafft.

(Fort­set­zung folgt) stu­dier­te sie den Bild-

TEXT: JENI / FO­TO: AKG

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.