Dop­pel­pass: Mer­kel stellt sich ge­gen CDU-Be­schluss

Erst be­schließt der Par­tei­tag der CDU ei­ne Rück­kehr zur Op­ti­ons­pflicht für Ein­wan­de­rer­kin­der. Dann er­klärt Par­tei­che­fin An­ge­la Mer­kel, sie hal­te dies für ei­nen Feh­ler. SPD und Grü­ne em­pö­ren sich trotz­dem.

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE - VON GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

ES­SEN Die CDU hat ih­ren Bun­des­par­tei­tag in Es­sen mit zwei Pau­ken­schlä­gen be­en­det. Ent­ge­gen der Emp­feh­lung der An­trags­kom­mis­si­on sprach sich zu­nächst ei­ne knap­pe Mehr­heit der De­le­gier­ten da­für aus, den Kom­pro­miss der gro­ßen Ko­ali­ti­on zur dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft auf­zu­kün­di­gen. 319 De­le­gier­te stimm­ten da­für, nur 300 folg­ten der Li­nie der Par­tei­füh­rung.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel schwieg zu­nächst da­zu. Doch dann sprach sie sich in ei­nem TV-In­ter­view klar da­ge­gen aus, die Dop­pel­pass-Re­ge­lung ab­zu­schaf­fen: „Das soll­ten wir nicht wie­der rück­gän­gig ma­chen“, sag­te Mer­kel. Sie hal­te den Be­schluss ih­rer Par­tei für falsch. Sie ha­be auch „nicht die Ab­sicht, ei­nen Dop­pel­pass­wahl­kampf zu ma­chen“. Ge­nau das hat­te Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der je­doch zu­vor un­ter dem Bei­fall der De­le­gier­ten in Aus­sicht ge­stellt. Da­mit zeigt sich die CDU zehn Mo­na­te vor den nächs­ten Bun­des­tags­wah­len so ge­spal­ten wie sel­ten zu­vor.

Uni­on und SPD hat­ten sich in der gro­ßen Ko­ali­ti­on dar­auf ge­ei­nigt, dass die Kin­der von Ein­wan­de­rern auch als Er­wach­se­ne bei­de Staats­bür­ger­schaf­ten be­hal­ten kön­nen, wenn sie bis zu ih­rem 21. Ge­burts­tag min­des­tens acht Jah­re in Deutsch­land ge­lebt, sechs Jah­re die Schu­le be­sucht oder ei­nen deut­schen Schul­ab­schluss ha­ben. Die­se Re­ge­lung gilt seit 2014 und be­trifft vor al­lem tür­kisch­stäm­mi­ge Fa­mi­li­en. Un­ab­hän­gig da­von kön­nen EUAus­län­der und An­ge­hö­ri­ge ei­ni­ger wei­te­rer Na­tio­na­li­tä­ten oh­ne­hin in Deutsch­land ei­ne dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft be­sit­zen.

Nach dem Wil­len ei­ner knap­pen Mehr­heit auf dem CDU-Par­tei­tag soll die­ser mit der SPD aus­ge­han­del­te Kom­pro­miss nun wie­der ge­kippt wer­den. Dem­nach müss­ten Ein­wan­de­rer­kin­der er­neut zwi­schen ih­rem 18. und 23. Ge­burts­tag ent­schei­den, ob sie Deut­sche sein wol­len oder die Staats­bür­ger­schaft des Her­kunfts­lan­des ih­rer El­tern be­hal­ten wol­len („Op­ti­ons­pflicht“).

Mit der Än­de­rung der Dop­pel­pass­re­ge­lung setz­te sich CDU-Prä­si­di­ums­mit­glied Jens Spahn ge­gen die Mehr­heit der CDU-Füh­rung durch. Sein ent­schei­den­des Ar­gu­ment in der De­bat­te: In ei­ner Ko­ali­ti­on müs­se man na­tür­lich Kom­pro­mis­se ma­chen. „Aber wir sind hier auf ei­nem Par­tei­tag“, rief er un­ter dem Ju­bel der De­le­gier­ten. In­nen­mi­nis­ter Thomas de Mai­ziè­re drang mit sei­nen Ar­gu­men­ten nicht durch, der dar­auf ver­wies, dass er kei­nen mög­li­chen Ko­ali­ti­ons­part­ner ken­ne, mit dem die CDU die Rück­ab­wick­lung der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft um­set­zen kön­ne.

Nach dem Vo­tum ver­wies Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der dar­auf, dass nicht al­le Be­schlüs­se des Par­tei­tags eins zu eins in der Ko­ali­ti­on um­ge­setzt wer­den könn­ten. Er stell­te aber in Aus­sicht, dass der Wunsch der De­le­gier­ten ins Wahl­pro­gramm ein­flie­ßen wird.

In der SPD stieß der Be­schluss des CDU-Par­tei­tags auf hef­ti­ge Kri­tik. Die Ab­schaf­fung des Dop­pel­pas­ses sei mit der SPD nicht zu ma­chen, sag­te Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas. SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley sprach von ei­nem „Rück­schritt in ver­gan­ge­ne Zei­ten“. Die In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Ay­dan Özo­guz, er­klär­te: „Mit der SPD wird es kei­ne Rol­le rück­wärts bei der Ab­schaf­fung der Op­ti­ons­pflicht ge­ben.“Die CDU wol­le „hier ge­bo­re­ne und le­ben­de Deutsch-Tür­ken aus­gren­zen und da­mit dem au­to­ri­tä­ren Herr­scher Er­do­gan über­las­sen“, kri­ti­sier­te Grü­nen-Par­tei­chef Cem Öz­de­mir.

Die CSU stell­te sich da­ge­gen hin­ter den CDU-Par­tei­tags­be­schluss. „Die Aus­wei­tung der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft war ein bit­te­rer Kom­pro­miss, der sich nicht be­währt hat“, sag­te CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er. „Der deut­sche Pass ist kein Ram­schar­ti­kel, den man eben so mal mit­nimmt.“Die CSU ha­be sich be­reits für die Wie­der­ein­füh­rung der Op­ti­ons­pflicht aus­ge­spro­chen.

In­halt­lich stand der Par­tei­tag, zu dem sich rund 1000 De­le­gier­te für zwei Ta­ge in Es­sen ge­trof­fen hat­ten, stark im Zei­chen der Flücht­lings­kri­se und ih­ren Aus­wir­kun­gen. Die Par­tei be­schloss un­ter an­de­rem auch ein Bur­ka-Ver­bot. Die Voll­ver­schleie­rung soll un­ter „Aus­schöp­fung des recht­lich Mög­li­chen“ver­bo­ten wer­den. Auch das Asyl­recht soll wei­ter ver­schärft wer­den. Wer bei der Fest­stel­lung sei­ner Iden­ti­tät nicht aus­rei­chend mit­wirkt, soll we­ni­ger Leis­tun­gen er­hal­ten, das Asyl­ver­fah­ren soll be­en­det wer­den. Die Mög­lich­keit für Aus­rei­se­ge­wahr­sam soll nach dem Wil­len der CDU au­ßer­dem von bis­her vier Ta­gen auf vier Wo­chen ver­län­gert wer­den. Ab­ge­scho­be­ne sol­len zu­dem nicht wie­der ein­rei­sen dür­fen.

Auch im Straf­recht wünscht die CDU deut­li­che Ver­schär­fun­gen. So sol­len An­grif­fe auf Po­li­zei, Jus­tiz­be­diens­te­te und Ret­tungs­kräf­te künf­tig här­ter be­straft wer­den. Die Min­dest­stra­fe für Woh­nungs­ein­bre­cher soll zu­dem auf ein Jahr er­höht wer­den. Leit­ar­ti­kel Po­li­tik

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