Jung, männ­lich, ge­fähr­lich?

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON JAN DREBES UND SAS­KIA NOTHOFER

BER­LIN Frei­burg, 16. Ok­to­ber: Der an­geb­lich 17-jäh­ri­ge Hus­sein S., ein Flücht­ling aus Af­gha­nis­tan, soll die 19jäh­ri­ge Me­di­zin­stu­den­tin Ma­ria L. ver­ge­wal­tigt und er­mor­det ha­ben. Bochum im Au­gust und No­vem­ber: Ein 31-jäh­ri­ger Flücht­ling aus dem Irak wird ver­däch­tigt, zwei chi­ne­si­sche Stu­den­tin­nen na­he der Uni­ver­si­tät ver­ge­wal­tigt zu ha­ben. Die Po­li­zei nahm bei­de Män­ner in den ver­gan­ge­nen Ta­gen fest, sie sit­zen jetzt in Un­ter­su­chungs­haft.

Es sind nicht die ers­ten Fäl­le se­xu­el­ler Über­grif­fe auf Frau­en durch Flücht­lin­ge nach der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht. Im­mer wie­der gab es im ver­gan­ge­nen Jahr Mel­dun­gen über Be­läs­ti­gun­gen und se­xu­el­le Nö­ti­gun­gen. Doch fast ein Jahr nach den Ta­ten auf der Köl­ner Dom­plat­te wird jetzt zum zwei­ten Mal breit über mög­li­che Ge­fah­ren für die Ge­sell­schaft durch männ­li­che Flücht­lin­ge dis­ku­tiert. Hat al­so die Mas­sen­zu­wan­de­rung des ver­gan­ge­nen Jah­res da­zu ge­führt, dass das Ri­si­ko in Deutsch­land ge­stie­gen ist, Op­fer ei­ner Straf­tat zu wer­den?

Rechts­po­pu­lis­ten be­ant­wor­ten das aus­drück­lich mit Ja, näh­ren mit Ver­weis auf ein­zel­ne Fäl­le ei­nen Ge­ne­ral­ver­dacht ge­gen Flücht­lin­ge. Um­fra­gen zu­fol­ge ist die­se Hal­tung aber auch in der Be­völ­ke­rung ver­brei­tet. Im Sep­tem­ber 2015 stimm­ten 57 Pro­zent der Deut­schen der Aus­sa­ge zu, dass Kri­mi­na­li­tät und Ter­ror­ge­fahr durch den Zu­zug von Flücht­lin­gen stei­gen wer­den. Ein Jahr spä­ter er­gab ei­ne Al­lens­bach-Um­fra­ge, dass 82 Pro­zent der Deut­schen Angst vor ei­ner Zu­nah­me von Ge­walt und Kri­mi­na­li­tät ha­ben, 90 Pro­zent wa­ren der Auf­fas­sung, dass sich Kul­tur und Wert­vor­stel­lun­gen der Flücht­lin­ge stark von de­nen der deut­schen Be­völ­ke­rung un­ter­schei­den wür­den.

Und was sa­gen die Zah­len? Ein­deu­tig, dass ein Ge­ne­ral­ver­dacht ge­gen­über Flücht­lin­gen falsch wä­re. Zwar hat die An­zahl der durch Zu­wan­de­rer be­gan­ge- nen Straf­ta­ten im Jahr 2015 im Ver­gleich zu 2014 nach An­ga­ben des Bun­des­kri­mi­nal­amts (BKA) um 79 Pro­zent zu­ge­nom­men. Da­bei ist aber zu be­rück­sich­ti­gen, dass 2015 ins­ge­samt 890.000 Men­schen nach Deutsch­land ka­men und beim Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bamf) 476.649 Asyl­an­trä­ge ge­stellt wur­den. 2014 da­ge­gen gab es mit 202.834 An­trä­gen nur et­wa halb so vie­le. Der Zu­sam­men­hang ist klar: Wo mehr Men­schen, da auch mehr Straf­ta­ten.

So stieg die Zahl der tat­ver­däch­ti­gen Zu­wan­de­rer 2015 um 91 Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jahr, näm­lich von 59.912 im Jahr 2014 auf 114.238 im Jahr 2015. Doch ihr An­teil an der Ge­samt­zahl der in Deutsch­land re­gis­trier­ten Tat­ver­däch­ti­gen bleibt wei­ter ge­ring: Er stieg von drei auf sechs Pro­zent.

Da­bei stamm­ten laut BKA 27 Pro­zent der tat­ver­däch­ti­gen Zu­wan­de­rer aus den Bal­kan­staa­ten Al­ba­ni­en, Ser­bi­en, Ko­so­vo, Ma­ze­do­ni­en so­wie Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na, 17 Pro­zent aus Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan und dem Irak so­wie 14 Pro­zent aus den Ma­ghreb-Staa­ten Al­ge­ri­en, Ma­rok­ko und Tu­ne­si­en.

Beim Blick auf die De­lik­te wird zu­dem klar, dass Se­xu­al­straf­ta­ten zu den Aus­nah­men ge­hö­ren. So wur­den im Jahr 2015 ins­ge­samt 1683 Straf­ta­ten ge­gen die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung durch Zu­wan­de­rer er­fasst. Dies ent­spricht mi­gra­ti­ons­be­dingt ei­ner Stei­ge­rung von 77 Pro­zent ge­gen­über dem Jahr 2014 mit 949 Straf­ta­ten. Zu­wan­de­rer hat­ten da­bei ei­nen An­teil von 4,6 Pro­zent an al­len Straf­ta­ten ge­gen se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung, ins­ge­samt ma­chen Se­xu­al­de­lik­te in der Kri­mi­nal­sta­tis­tik Deutsch­lands aber wei­ter­hin nur 0,7 Pro­zent aus.

Und noch ei­ne Zahl spricht ge­gen ei­nen Ge­ne­ral­ver­dacht: Laut BKA sind im ers­ten Halb­jahr 2016 die durch Zu­wan­de­rer be­gan­ge­nen und ver­such­ten Straf­ta­ten um 36 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen – auf im­mer noch 142.500 Fäl­le. Dass es al­so im Zu­sam­men­hang mit Zu-

Ein Ge­ne­ral­ver­dacht ge­gen­über Flücht­lin­gen wä­re falsch. Wo mehr Men­schen, da auch mehr Straf­ta­ten

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