Die Bot­schaf­ten des CDU-Par­tei­tags

Das Gip­fel­tref­fen der CDU ist mit ei­nem Don­ner­hall zu En­de ge­gan­gen: Kanz­le­rin Mer­kel wehrt sich ge­gen den Par­tei­tags­be­schluss zur dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft. Zu­rück bleibt ei­ne in In­te­gra­ti­ons­fra­gen zer­strit­te­ne Par­tei.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

ES­SEN Die Na­tio­nal­hym­ne ist ge­sun­gen, die De­le­gier­ten des CDU-Par­tei­tags sind auf dem Weg zum Bahn­hof. Nur die Kanz­le­rin ist noch in der Gru­ga-Hal­le in Es­sen und gibt den Fern­seh­teams In­ter­views. „Es wird in die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode kei­ne Än­de­rung ge­ben“, sagt sie bei ntv auf ei­ne Fra­ge nach den Kon­se­quen­zen aus dem Be­schluss zur dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft, den die CDU-Füh­rung ger­ne ver­hin­dert hät­te.

Die Tat­sa­che, dass die Kanz­le­rin den müh­sam mit der SPD in der gro­ßen Ko­ali­ti­on aus­ge­han­del­ten Kom­pro­miss nicht auf­kün­di­gen will, über­rascht nicht. Die Deut­lich­keit, mit der sich Mer­kel von der ei­ge­nen Par­tei dis­tan­ziert, ist sehr wohl über­ra­schend: Sie hal­te den Be­schluss per­sön­lich für falsch, sagt sie. Wäh­rend Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der beim Par­tei­tag noch in Aus­sicht ge­stellt hat­te, dass der Be­schluss Ein­gang in ein Wahl­pro­gramm fin­den könn­te, wen­det Mer­kel sich da­ge­gen: „Ich glau­be auch nicht, dass wir ei­nen Wahl­kampf über den Dop­pel­pass ma­chen, wie wir das frü­her mal ge­macht ha­ben.“

Mer­kels TV-In­ter­view, in dem sie sich ge­gen den Be­schluss ih­rer Par­tei stellt, ist ein Par­tei­tag vor­aus­ge­gan­gen, der für die Kanz­le­rin schwie­rig war. Als Par­tei­che­fin wur­de sie mit nur knapp 90 Pro­zent be- stä­tigt. Auch oh­ne Kampf­ab­stim­mun­gen setz­ten die Kri­ti­ker ih­rer Flücht­lings­po­li­tik bei den Be­schlüs­sen Ver­schär­fun­gen im Asyl­recht und bei der Ab­schie­bung von Asyl­be­wer­bern durch. Mer­kels „Ihr müsst mir hel­fen“wur­de ge­hört, aber of­fen­sicht­lich nicht er­hört.

Viel­mehr folg­te ges­tern Vor­mit­tag ein klei­ner Putsch. Zum An­trag, die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft wie­der ab­zu­schaf­fen, kommt es zu ei­ner kon­tro­ver­sen De­bat­te. In­nen­mi­nis­ter Thomas de Mai­ziè­re holt weit aus, er­klärt die Ent­ste­hung des Ge­set­zes über die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft und weist dar­auf hin, dass er nir­gends ei­nen Ko­ali­ti­ons­part­ner se­he, mit dem die CDU die Rück­ab­wick­lung des Dop­pel­pass-Ge­set­zes hin­be­kom­men kön­ne.

Das ist der Mo­ment, in dem es Staats­se­kre­tär und CDU-Prä­si­di­ums­mit­glied Jens Spahn nicht mehr auf sei­nem Stuhl im hält. „Dann muss ich auch doch noch was sa­gen“, be­ginnt er, nach­dem er zum Red­ner­pult ge­eilt ist. „Na­tür­lich muss man in ei­ner Ko­ali­ti­on Kom­pro­mis­se ma­chen, aber wir sind hier auf dem CDU-Par­tei­tag“, lau­tet sein Schlüs­sel­satz, für den er leb­haf­ten Ap­plaus en­det. Schon im Som­mer hat­te sich Spahn zu Wort ge­mel­det und die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft in­fra­ge ge­stellt, als im­mer mehr Tür­ken und Tür­kisch­stäm­mi­ge in Deutsch­land Par­tei für den tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan er­grif­fen.

Es ist ein mi­nu­ten­lan­ges Be­lau­ern. Die Jun­ge Uni­on spürt, dass hier was geht. JU-Chef Paul Zie­mi­ak hat sich er­neut zu Wort ge­mel­det, hört dann, dass CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber in­ter­ve­nie­ren will und sagt: „Ich war­te ab, was er zu sa­gen hat.“Der Mer­kel-Ver­trau­te grinst: „Du hast doch schon ge­spro- chen“– und legt sich kräf­tig ins Zeug. Tau­ber knüpft an die Be­den­ken von In­nen­mis­ter de Mai­ziè­re an und er­in­nert dar­an, dass ei­ne Rück­kehr zum al­ten Recht, wie vom CDU-Nach­wuchs be­an­tragt, nicht au­to­ma­tisch zu ei­ner bes­se­ren In­te­gra­ti­on füh­re. Das ha­be man doch frü­her er­lebt. Ihm ge­he es aber dar­um, dass das Be­kennt­nis zu Deutsch­land ei­ne Her­zensent­schei­dung sein müs­se. „Das er­rei­chen wir nicht mit Zwang“, un­ter­streicht Tau­ber.

Die ers­te Ab­stim­mung er­gibt kein kla­res Bild. Die Par­tei ist in die­ser Fra­ge of­fen­bar ge­spal­ten. Nun wird schrift­lich ent­schie­den. Als die Stimm­zet­tel aus­ge­zählt sind, ha­ben die Re­bel­len ge­won­nen: 319 ge­gen 300 Stim­men. Die De­le­gier­ten wol­len nicht mehr, wie in frü­he­ren Jah­ren, wie die Läm­mer ih­rer Par­tei­füh­rung fol­gen. „Ich ha­be auch für die Ab­schaf­fung ge­stimmt“, sagt der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te aus NRW, Thomas Jar­zom­bek, hin­ter­her. „Wir wol­len doch hier deut­lich ma­chen, wo­für die CDU steht.“

Er­freut über die Ent­schei­dung zeigt sich auch CSU-Lan­des­grup­pen­che­fin Ger­da Has­sel­feldt: „Das zeigt, dass CDU und CSU in den Fra­gen von In­te­gra­ti­on und in­ne­rer Si­cher­heit nicht sehr weit aus­ein­an­der sind.“Viel­mehr ge­be es in bei­den Par­tei­en strit­ti­ge Dis­kus­sio­nen, was die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen sei­en. Das sagt Has­sel­feldt noch vor Mer­kels Fern­seh­auf­tritt.

Am En­de des Par­tei­tags steht ei­ne in der In­te­gra­ti­ons- und Flücht­lings­po­li­tik zer­strit­te­ne Par­tei: Ein Flü­gel, der es satt hat, als Kanz­ler­Wahl­ver­ein ge­gen die ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen zu stim­men, und Mer­kel mit ih­ren Ge­treu­en, die die­se Ge­folg­schaft aber ein­for­dern.

Die De­le­gier­ten wol­len nicht mehr, wie in frü­he­ren Jah­ren, wie die Läm­mer ih­rer Par­tei­füh­rung fol­gen

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