Wie die Län­der den Bund er­pres­sen

Bei den Nach­ver­hand­lun­gen zur Fi­nanz­re­form er­lei­det Wolf­gang Schäu­b­le wohl er­neut ei­ne Nie­der­la­ge.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON BIR­GIT MAR­SCHALL UND EVA QUADBECK

BER­LIN Die Ver­hand­lun­gen zur Neu­ord­nung der Bund-Län­der-Fi­nanz­be­zie­hun­gen sind für Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) nicht gut ver­lau­fen – und nun be­steht die Ge­fahr, dass er auch bei den Nach­ver­hand­lun­gen zum Klein­ge­druck­ten ei­ne Nie­der­la­ge ein­ste­cken muss. Die Län­der weh­ren sich ge­gen mehr Ein­griffs­rech­te des Bun­des in ih­re Ho­heits­be­rei­che – of­fen­bar mit Er­folg. In ei­ner Be­schluss­vor­la­ge für die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz (MPK) mit Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) heu­te in Ber­lin wer­den zahl­rei­che von Schäu­b­le bis­her ge­for­der­ten Ein­fluss­mög­lich­kei­ten des Bun­des ab­ge­schwächt oder ver­wor­fen.

Nach dem Aus­lau­fen des So­li­dar­pakts für Ost­deutsch­land En­de 2019 müs­sen die Fi­nanz­be­zie­hun­gen des Bun­des mit den Län­dern und der Län­der­fi­nanz­aus­gleich neu or­ga­ni­siert wer­den. Ge­ber­län­der wie Bay­ern hat­ten zur Be­din­gung ge­macht, durch die Re­form deut­lich ent­las­tet zu wer­den, aber auch al­le üb­ri­gen Län­der woll­ten nicht schlech­ter­ge­stellt wer­den. Die 16 Län­der ei­nig­ten sich des­halb auf ei­ne Lö­sung zu­las­ten des Bun­des. Die Ver­ant­wor­tung für die är­me­ren Län­der wälz­ten sie auf ihn ab. Schäu­b­le konn­te das trotz Ge­gen­wehr nicht ver­hin­dern – und wird ab 2020 rund 9,5 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich pro Jahr an die Län­der über­wei­sen. Im Ge­gen­zug ver­lang­te er mehr Ein­fluss auf die Ver­wen­dung der Bun­des­mit­tel. Zu­dem soll die Zu­stän­dig­keit für die Au­to­bahn­ver­wal­tung von den Län­dern auf den Bund über­ge­hen. 768 Mio. € 596 Mio. € 547 Mio. € 495 Mio. € 489 Mio. € 487 Mio. € 472 Mio. € 452 Mio. € 393 Mio. € 367 Mio. € 283 Mio. € 259 Mio. € 176 Mio. € NRW Bay­ern Ba­den-Württ. Sach­sen N.-sach­sen Hes­sen Ber­lin Saar­land Bre­men Thü­rin­gen Sach­sen-Anh. Rheinl.-Pfalz Meckl.-Vorp. Bran­den­burg Schl.-Hol­stein Ham­burg Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le

Die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten hat­ten dem am 14. Ok­to­ber im Prin­zip zwar zu­ge­stimmt, doch Schäu­bles kon­kre­te Ge­setz­ent­wür­fe ge­hen aus ih­rer Sicht weit über das Ver­ein­bar­te hin­aus. Heu­te soll die Re­form end­gül­tig be­schlos­sen wer­den, das Bun­des­ka­bi­nett soll mor­gen sein Okay ge­ben. We­gen vie­ler Grund­ge­setz­än­de­run­gen sind bis Som­mer 2017 Zwei-Drit­tel-Mehr­hei­ten im Bun­des­tag und Bun­des­rat nö­tig. Dies sind die noch strit­ti­gen Punk­te: Au­to­bahn­ge­sell­schaft Ei­ne In­fra­struk­tur­ge­sell­schaft des Bun­des soll von 2021 an als Gm­bH In­ves­ti­tio­nen ins Fern­stra­ßen­netz bün­deln und für Pla­nung, Bau, Be­trieb, Er­hal­tung und Fi­nan­zie­rung der Au­to­bah­nen zu­stän­dig sein. Laut der Be­schluss­vor­la­ge für die MPK, die ei­nen Zwi­schen­stand der Vor­ge­sprä­che zwi­schen Kanz­ler­amt und Staats­kanz­lei­chefs ab­bil­det, sol­len die Au­to­bah­nen wie ver­ein­bart in Bun­des­ver­wal­tung über­ge­hen. „Die Bun­des­stra­ßen – auch au­to­bahn-ähn­li­che – ver­blei­ben in Bun­des­auf­trags­ver­wal­tung“, heißt es aber.

Schäu­b­le hat­te bis­her auch die Zu­stän­dig­keit für man­che au­to­bahn­ähn­li­che Bun­des­stra­ßen über­neh­men wol­len. „Für die Län­der steht an obers­ter Stel­le, dass es kei­ne Pri­va­ti­sie­run­gen und kei­ne Nach­tei­le für die bis­her in den Stra­ßen­bau­ver­wal­tun­gen der Län­der be­schäf­tig­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter gibt“, sag­te MPK-Chef Er­win Sel­le­ring (SPD), Meck­len­burg-Vor­pom­merns Mi­nis­ter­prä­si­dent. Hier hat­te Schäu­b­le al­ler­dings schon ein­ge­lenkt: Ein Ver­kauf von An­tei­len der Au­to­bahn­ge­sell­schaft an pri­va­te In­ves­to­ren wird aus­ge­schlos­sen. Es ge­be aber noch De­tail­fra­gen, so Sel­le­ring. „Zum Bei­spiel die Fra­ge, was mit den au­to­bahn-ähn­li­chen, vier­spu­ri­gen Schnell­stra­ßen wird.“ In­ves­ti­tio­nen Der Bund will stär­ker kon­trol­lie­ren, ob die Län­der zu­ge­wie­se­ne Bun­des­mit­tel als Fi­nanz­hil­fe für In­ves­ti­tio­nen sinn­voll ein­set­zen – et­wa für den so­zia­len Woh­nungs­bau. In der Be­schluss­vor­la­ge heißt es nun aber: „Neue Kon­troll­rech­te des Bun­des (Er­he­bun­gen bei al­len Be­hör­den und neue Wei­sungs­rech­te des Bun­des) wer­den nicht in das Grund­ge­setz auf­ge­nom­men.“Schäu­b­le hat­te die­se Rech­te da­ge­gen in die Ver­fas­sung schrei­ben wol­len. „Es geht auch um das In­ter­es­se des Bun­des, dass er mit­re­den will, wenn er Geld gibt. Gleich­zei­tig gibt es aber ei­ne Ei­gen­stän­dig­keit der Län­der, die ich als Er­folgs­mo­dell der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land er­ach­te“, sag­te da­zu Hes­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier (CDU). Sa­nie­rungs­hil­fen Zur Ent­las­tung des Saar­lands und Bre­mens soll der Bund ab 2020 je­weils 400 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr zu­sätz­lich ge­wäh­ren. Die Län­der leh­nen es aber ab, dass die­se Mit­tel nur ge­gen Auf­la­gen wie ei­nen Schul­den­ab­bau flie­ßen. Die Sa­nie­rungs­hil­fen soll­ten un­ein­ge­schränkt ge­währt wer­den, heißt es in der Be­schluss­vor­la­ge. Das se­hen al­ler­dings noch nicht al­le Län­der so. Bouf­fier et­wa hat auch Ver­ständ­nis für Schäu­bles Po­si­ti­on: „Die Haus­halts­ge­set­ze gel­ten na­tür­lich auch für die Län­der, und es ist ver­ständ­lich, dass die Län­der, die Hil­fe vom Bund in An­spruch neh­men, sich ge­wis­se Mit­spra­che­rech­te des Bun­des ge­fal­len las­sen müs­sen.“

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