Mit dem Sturmgewehr in die Piz­ze­ria

Es be­gann mit dem Ge­rücht, wo­nach ei­ne Piz­ze­ria in Wa­shing­ton ei­nem Kin­der­sex-Ring als Ker­ker dien­te. Es en­de­te mit der Atta­cke ei­nes schwer be­waff­ne­ten Süd­staat­lers, der glaub­te, ge­quäl­te Kin­der aus ih­rer Not be­frei­en zu müs­sen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON FRANK HERR­MANN

WA­SHING­TON „Facts mat­ter!“(„Fak­ten sind von Be­deu­tung!“), hat je­mand auf wei­ßes Pa­pier ge­schrie­ben und das Blatt un­ter ei­ne Bam­bus­he­cke an ei­nen der Pflanz­kü­bel vor der Piz­ze­ria Co­met Ping Pong ge­hef­tet – ne­ben Zet­teln, auf de­nen steht, dass man nun erst recht im Co­met Piz­za es­se, al­lein schon, um So­li­da­ri­tät zu be­kun­den.

Es ist ei­ne Art pro­vi­so­ri­scher Schrein, der da ent­stan­den ist in die­sem Wohn­vier­tel an der Con­nec­ti­cut Ave­nue, an ei­ner lär­men­den Stra­ßen­kreu­zung im Nord­wes­ten Wa­shing­tons. „Fak­ten sind von Be­deu­tung“: Der Spruch hat ei­nen Grund, denn es wa­ren „Fa­ke News“, al­so er­fun­de­ne Nach­rich­ten, die das Co­met zum Schau­platz ei­nes Dra­mas wer­den lie­ßen. Ein mo­der­nes, sch­licht ein­ge­rich­te­tes Re­stau­rant, in des­sen Hin­ter­zim­mer man Tisch­ten­nis spie­len kann.

Zu­ge­tra­gen hat es sich am Sonn­tag, als ein jun­ger Süd­staat­ler, be­waff­net mit ei­nem Sturmgewehr des Typs AR-15, in die Piz­ze­ria stürm­te. Wäh­rend die we­ni­gen Gäs­te, die an je­nem Nach­mit­tag an den lang­ge­streck­ten Ti­schen sa­ßen, nach drau­ßen flo­hen, mach­te sich der Ein­dring­ling auf die Su­che nach ei­nem Ver­lies. So steht es im Po­li­zei­pro­to­koll, in dem Ed­gar Ma­di­son Welch auch den Grund für sei­ne Atta­cke nann­te.

Im In­ter­net hat­te er ge­le­sen, das Co­met die­ne ei­nem Pä­do­phi­len­ring als ge­tarn­te Zen­tra­le, in de­ren Kel­ler man Kin­der als Sex­skla­ven miss­brau­che. Wor­auf Welch, 28 Jah­re alt, zwei­fa­cher Va­ter, einst Feu­er­wehr­mann, spä­ter er­folg­lo­ser Schau­spie­ler, be­schloss, die sechs St­un­den im Au­to von Sa­lis­bu­ry, ei­ner Kle­in­stadt in North Ca­ro­li­na, nach Wa­shing­ton zu fah­ren, um die ge­quäl­ten Kin­der aus ih­rer Not zu be­frei­en. Auf sei­nem Streif­zug durchs Co­met schoss er auf das Schloss ei­ner Tür, hin­ter der er den Zu­gang zu ei­nem ge­hei­men Ge­wöl­be ver­mu­te­te. Ei­ne zwei­te Ku­gel traf ei­nen Com­pu­ter. Men- Ed­gar Ma­di­son Welch er­gibt sich der Po­li­zei. Der 28-Jäh­ri­ge woll­te auf ei­ge­ne Faust ei­ner Ver­schwö­rungs­theo­rie auf den Grund ge­hen, wo­nach das Re­stau­rant in Wahr­heit die Schalt­zen­tra­le ei­nes von Hil­la­ry Cl­in­ton an­ge­führ­ten Kin­der­por­no­rings ist. Un­ter an­de­rem hat­te Micha­el Flynn, der de­si­gnier­te Si­cher­heits­be­ra­ter Do­nald Trumps, die Theo­rie auf Twit­ter ver­brei­tet. schen ka­men zum Glück nicht zu Scha­den.

Bi­zarr ist al­lein schon die Vor­ge­schich­te. Es be­gann da­mit, dass Ja­mes Ale­fan­tis, der Be­sit­zer der Piz­ze­ria, mit John Po­des­ta kor­re­spon­dier­te, dem Wahl­kampf­ma­na­ger Hil­la­ry Cl­in­tons, der gern ins Co­met kam. Nach­dem Ha­cker Po­d­es­tas E-Mails er­beu­tet hat­ten, mach­te die Ent­hül­lungs­platt­form Wi­ki­leaks al­les pu­blik, was wie­der­um Ale­fan­tis zum Ver­häng­nis wur­de. Zu den Ver­schwö­rungs­theo­ri­en der ame­ri­ka­ni­schen Wahl­schlacht ge­hör­te die ir­re Ge­schich­te, nach Die Piz­ze­ria „Co­met Ping Pong “stürm­te Welch mit meh­re­ren Waf­fen und gab min­des­tens ei­nen Schuss ab. der Cl­in­ton die Spin­ne im Netz ei­nes Kin­der­sex-Rings sein soll. Und Po­des­ta ihr Hand­lan­ger. Und Ale­fan­tis der Bö­se­wicht, der den Ker­ker be­wacht. Im Kel­ler des Co­met.

En­de Ok­to­ber wur­de das Ge­rücht mit ei­nem Tweet in die Welt ge­setzt. Wie ein Lauf­feu­er ver­brei­te­te es sich über so­zia­le Me­di­en, bis am Tag vor dem Prä­si­dent­schafts­vo­tum erst­mals vom „Piz­za­ga­te“die Re­de war. Und auch als Welch sich von her­bei­ge­eil­ten Po­li­zis­ten ab­füh­ren ließ, oh­ne ein Ver­lies ge­fun­den zu ha­ben, war die Sa­che noch nicht er­le­digt. Ein ge­wis­ser Micha­el Flynn Jr. schrieb noch St­un­den nach der Fest­nah­me bei Twit­ter: „Bis sich #Piz­za­ga­te als falsch her­aus­stellt, bleibt es ei­ne Ge­schich­te“. Nun ist Flynn Jr. der Sohn ei­nes Ex-Ge­ne­rals, den Do­nald Trump zu sei­nem Si­cher­heits­be­ra­ter be­för­dert hat. Zu­dem saß er im Über­gangs­team des nächs­ten US-Prä­si­den­ten, ehe er am Di­ens­tag sei­nen Stuhl räu­men muss­te. Nach ei­nem Be­richt der „New York Ti­mes“rech­ne­te sich Flynn Jr. Chan­cen aus, in den Stab des Wei­ßen Hau­ses auf­zu­rü­cken.

Dann wä­re da noch Ab­del Ha­mad, 1980 aus Ägyp­ten ein­ge­wan­dert, der Be­sit­zer ei­ner klei­nen Piz­za­bä­cke­rei gleich ne­ben dem Co­met. Die macht, was auf der Hand liegt, mit ei­nem Stück Piz­za Re­kla­me. Nur dass Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker das Lo­go zu ei­nem Sym­bol der Kin­der­por­no­gra­fie um­deu­te­ten, wor­auf Ha­mad es von sei­ner Web­site ent­fern­te. Das wie­der­um sa­hen die Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker als Schuld­ein­ge­ständ­nis. „Wie­so hast du dei­ne Web­site ge­än­dert?“, sagt Ha­mad, ha­be ein an­ony­mer An­ru­fer durchs Te­le­fon ge­schrien. „Wir ja­gen dir ei­ne Ku­gel in den Kopf“, ha­be ein an­de­rer ge­droht.

Oder Sa­b­ri­na Ous­maal, die Be­trei­be­rin ei­nes Bis­tros na­mens Te­ra­sol, schräg ge­gen­über vom Co­met. Hil­la­ry Cl­in­ton hat vor Jah­ren ein­mal im Te­ra­sol ge­ges­sen, Ous­maal fühl­te sich so ge­ehrt, dass sie sich mit der Po­li­ti­ke­rin ab­lich­ten ließ und das Fo­to ins In­ter­net stell­te. Prompt fand auch sie sich im Vi­sier der „Piz­za­ga­te“-Spin­ner wie­der.

Die üb­ri­gens wol­len nicht glau­ben, dass Welch im Co­met kein Kin­der­ge­fäng­nis fand. Nach der neu­es­ten Ver­si­on ist er nur ei­ne Ma­rio­net­te des Cl­in­ton-Clans, los­ge­schickt, um die Wahr­heit zu ver­tu­schen.

FO­TOS: REU­TERS, AP

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