Gra­tis-Gr­ab­stei­ne sol­len die Tür­kei ret­ten

Prä­si­dent Er­do­gan ruft zum Kampf ge­gen den Kurs­ver­fall der tür­ki­schen Li­ra auf – sein Volk re­agiert.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON SU­SAN­NE GÜSTEN

ISTAN­BUL Enes Alan will das Va­ter­land ret­ten – und zwar mit Gr­ab­stei­nen. Der St­ein­metz aus Bur­sa im Nord­wes­ten der Tür­kei führt ei­nen ganz pri­va­ten Kampf ge­gen den Ver­fall der Lan­des­wäh­rung Li­ra, die in die­sem Jahr rund 20 Pro­zent an Wert ver­lo­ren hat. Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan hat die Tür­ken auf­ge­ru­fen, ih­re Dol­lar-Er­spar­nis­se in Li­ra um­zu­tau­schen – und Alan will den Staats­chef un­ter­stüt­zen: Je­der Kun­de, der die Um­wand­lung von min­des­tens 2000 Dol­lar in Li­ra nach­wei­sen kann, soll ab so­fort ei­nen Gr­ab­stein gra­tis er­hal­ten.

Die Ak­ti­on ist ganz nach dem Ge­schmack Er­do­gans. Der Prä­si­dent wit­tert – wie bei an­de­ren Pro­ble­men auch – hin­ter dem star­ken Kurs­ver­lust der Li­ra ei­ne Ver­schwö­rung. Tat­säch­lich sind die Pro­ble­me aber zu­min­dest zum Teil haus­ge­macht. Die Li­ra ist nicht nur we­gen der Stär­ke des US-Dol­lar un­ter Druck ge­ra­ten. Auch das gro­ße Au­ßen­han­dels­de­fi­zit und die wach­sen­de Ner­vo­si­tät von Tür­kei-In­ves­to­ren las­sen die Li­ra ab­stür­zen.

Vie­le Tür­ken, die sich noch an die hor­ren­den In­fla­ti­ons­ra­ten in den 90er-Jah­ren er­in­nern kön­nen, si­chern ih­re Er­spar­nis­se ab, in­dem sie grö­ße­re Li­ra-Be­trä­ge in Dol­lar oder Eu­ro um­tau­schen und un­ter das Kopf­kis­sen le­gen. Die der­zei­ti­ge Li­ra-In­fla­ti­on von im­mer noch sie­ben Pro­zent und die un­si­che­ren Aus­sich­ten für das Land bie­ten kei­nen gro­ßen An­reiz, mit die­ser Tra­di­ti­on zu bre­chen. Das muss auf­hö­ren, sagt Er­do­gan. „Al­le, die Fremd­wäh­rung un­ter der Ma­trat­ze ha­ben, sol­len das Geld in Li­ra oder Gold um­wan­deln“, sagt der Prä­si­dent seit Ta­gen im­mer wie­der.

St­ein­metz Alan und an­de­re fol­gen dem Ap­pell Er­do­gans. Ein Piz­zaDi­enst mit 165 Fi­lia­len bie­tet ei­ne Gra­tis-Piz­za plus ei­ne tür­ki­sche Fah­ne für je­den Kun­den, der 100 Dol­lar um­tauscht. Ein Fisch­händ­ler in Yal­o­va süd­lich von Istan­bul ge­währt ei­nen zehn­pro­zen­ti­gen Ra­batt. In Bä­cke­rei­en im ost­ana­to­li­schen Bin­g­öl kön­nen pa­trio­ti­sche Li­ra-An­hän­ger gra­tis früh­stü­cken und ein­kau­fen. Auch Be­hör­den und In­sti­tu­tio­nen ma­chen mit.

Die Op­po­si­ti­on in An­ka­ra for­dert, Er­do­gan sol­le selbst mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen und sei­ne Dol­lar­kon­ten auf­lö­sen – das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ant­wor­te­te, das sei be­reits ge­sche­hen. Be­wei­se leg­te das Mi­nis­te­ri­um al­ler­dings nicht vor. Auch beim Han­del mit Russ­land, Iran und Chi­na soll­ten künf­tig lo­ka­le Wäh­run­gen be­nutzt wer­den: Tür­ki­sche Ex­por­te sol­len dem­nach von den Part­nern in Li­ra be­zahlt wer­den, wäh­rend die Tür­kei die Kos­ten für Im­por­te aus die­sen Län­dern in de­ren je­wei­li­gen Wäh­run­gen be­gleicht. Ob die an­de­ren Län­der mit­ma­chen, ist un­si­cher. Ex­per­ten re­agie­ren skep­tisch auf Er­do­gans Li­ra-Not­pro­gramm. Mög­li­cher­wei­se wer­den Gra­tis-Gr­ab­stei­ne al­so nicht aus­rei­chen.

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