Wenn Er­ben nicht er­ben wol­len

Im Fall der 84-jäh­ri­gen Köl­ne­rin, die ein Jahr lang tot in ih­rer Woh­nung lag, wei­gern sich die Ver­wand­ten, sich um die Be­er­di­gung zu küm­mern. Ob das rech­tens und sinn­voll ist, er­klärt der Düs­sel­dor­fer Er­brecht-An­walt Claus-Hen­rik Horn.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON SU­SAN­NE HAMANN UND JÖRG ISRINGHAUS

KÖLN Der Fall mach­te vor zehn Ta­gen Schlag­zei­len: Mehr als ein Jahr lang lag ei­ne 84-Jäh­ri­ge tot in ih­rer Woh­nung in Köln-Niehl, be­vor sie ent­deckt wur­de. Nie­mand hat­te die Frau ver­misst, die Mie­te wur­de vom Ren­ten­kon­to ab­ge­bucht. Sie war schon lan­ge Wit­we. Die Po­li­zei konn­te in der Ei­fel Ver­wand­te er­mit­teln, die mit der Se­nio­rin aber kei­nen Kon­takt ge­pflegt hat­ten. Sie lehn­ten es ab, sich um die Be­er­di­gung zu küm­mern, weil sie selbst schon be­tagt sind. Nun or­ga­ni­siert die Stadt Köln die Be­er­di­gung der al­ten Frau. Aber die Ver­wei­ge­rung der An­ge­hö­ri­gen hat ei­ne Dis­kus­si­on um die Rech­te und Pflich­ten von Er­ben aus­ge­löst.

Ge­ne­rell sind nach dem Tod ei­nes Men­schen die so­ge­nann­ten To­ten­für­sor­ge­be­rech­tig­ten zu­stän­dig, sagt der Düs­sel­dor­fer Fach­an­walt für Er­brecht, Claus-Hen­rik Horn – das sind Ehe­gat­te, Kin­der oder Ver­wand­te. „Sie müs­sen sich um die Be­stat­tung küm­mern, weil sie sich sonst ei­ne Ord­nungs­wid­rig­keit zu­schul­den kom­men las­sen, die so­gar buß­geld­pflich­tig sein kann“, er­klärt Horn. Die Fra­ge sei al­ler­dings, ob sie auch in der La­ge sind, die Kos­ten zu tra­gen. Ist dem nicht so, kann es sein, dass das So­zi­al­amt ein­sprin­gen muss. Wenn es kei­ne To­ten­für­sor­ge­be­rech­tig­ten gibt oder sie nicht zu grei­fen sind, muss laut Horn die Stadt­ver­wal­tung, al­so letzt­lich das Ord­nungs­amt, ak­tiv wer­den. Die Stadt steht dem­nach in der Pflicht, weil sie ei­ne Ge­fah­ren­ab­wehr ein­lei­ten muss. Denn Ver- stor­be­ne dür­fen nicht all­zu lan­ge un­be­stat­tet blei­ben. Es kann dann al­ler­dings sein, dass die Stadt den Ver­stor­be­nen nicht vor Ort be­stat­tet, son­dern sich nach dem bil­ligs­ten Fried­hofs­an­ge­bot rich­tet.

Bei ei­nem To­des­fall müs­sen sich die An­ge­hö­ri­gen des Ver­stor­be­nen auf je­den Fall über­le­gen, ob sie das Er­be an­neh­men oder nicht. Denn man erbt al­les – wenn es wel­che gibt, auch die Schul­den des Ver- wand­ten. „Au­ßer­dem wer­den Pflich­ten über­tra­gen, wie et­wa die Be­stat­tung zu or­ga­ni­sie­ren und zu be­zah­len oder das Haus des Ver­stor­be­nen aus­zu­räu­men“, sagt Horn. Wenn man das nicht wol­le, ha­be man et­wa sechs Wo­chen Zeit, um ei­ne Er­klä­rung ge­gen­über dem Nach­lass­ge­richt ab­zu­ge­ben. Dar­in muss ste­hen, dass man das Er­be aus­schlägt. Horn: „Taucht da­nach aber doch noch Wert­vol­les im Nach­lass auf, wird es schwie­rig, die Aus­schla­gung rück­gän­gig zu ma­chen. Das muss man wis­sen.“

Der An­walt führt ein Bei­spiel an: Ein Sohn hat die Erb­schaft sei­ner Mut­ter aus­ge­schla­gen, weil er ver­mu­te­te, dass die­se wohl eher über­schul­det sei, und an­ge­sichts des­sen woll­te er sich die Nach­las­sab­wick­lung er­spa­ren. Spä­ter stell­te sich al­ler­dings her­aus, dass die Mut­ter auf ei­nem Kon­to ei­ne sehr ho­he Sum­me zu­rück­ge­legt hat­te. Der Sohn hat dann die Aus­schla­gung der Erb­schaft we­gen Irr­tums an­ge­foch­ten, al­ler­dings oh­ne Er­folg. Laut dem Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf war die An­fech­tung un­wirk­sam, weil er bei der Aus­schla­gung ge­meint hat­te, dass der Nach­lass wohl eher über­schul­det war.

In vie­len Fäl­len ist der Ver­stor­be­ne je­doch tat­säch­lich hoch ver­schul­det, und es ist dem­ent­spre­chend hei­kel, das Er­be an­zu­neh­men. Aber auch dann gibt es Op­tio­nen. „Man muss ein Er­be nicht aus­schla­gen, um sein ei­ge­nes Ver­mö­gen zu schüt­zen“, sagt Horn. „Da gibt es an­de­re, weit­aus sinn­vol­le­re Mög­lich­kei­ten.“Man kön­ne in der kur­zen Zeit von sechs Wo­chen nicht si­cher aus­schlie­ßen, dass im Nach­lass ir­gend­wann nicht doch noch ei­ne grö­ße­re Sum­me Geld auf­tau­che. Horn: „Im Zwei­fel emp­feh­le ich im­mer, die Erb­schaft an­zu­neh­men.“

Doch wie kann man sein Ver­mö­gen schüt­zen? Wenn et­wa das Er­be nicht aus­ge­schla­gen wur­de, aber der Nach­bar die Be­er­di­gung or­ga­ni­siert hat, steht er in der Pflicht, die Kos­ten zu be­zah­len, weil er den Ver­trag mit dem In­sti­tut ge­schlos­sen hat. Der Nach­bar kann sich das Geld aber von den Er­ben wie­der­ho­len. Kön­nen die den Be­trag aus der Erb­schaft nicht be­zah­len, kön­nen sie Dürf­tig­keits­ein­re­de er­he­ben oder Nach­las­sin­sol­venz an­mel­den. Sie haf­ten dann nicht mit dem ei­ge­nen Ver­mö­gen. Und der Nach­bar bleibt am En­de auf den Kos­ten sit­zen.

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