Schlips­freie Zo­ne

In den Vor­stands­eta­gen gras­siert der Ju­gend­wahn. Al­le wol­len hip und an­ge­sagt sein. Das „Sie“ver­schwin­det, und Kra­wat­ten auch, wie jetzt bei Al­di Nord. Man­cher fin­det das al­ler­dings gar nicht so toll – Kra­wat­ten­händ­ler zum Bei­spiel.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RINKE

DÜS­SEL­DORF Be­züg­lich der Klei­der­ord­nung gab es bei Thys­senk­rupp frü­her kla­re Ge­pflo­gen­hei­ten: Un­ter Auf­sichts­rats­chef Gerhard Crom­me war es Usus, dass Vor­stän­de hand­ge­näh­te Schu­he und maß­ge­schnei­der­te An­zü­ge mit Ein­steck­tuch tru­gen, bei de­nen die Man­schet­ten zwei Zen­ti­me­ter un­ter den An­zu­gär­meln her­vor­schau­ten. Voll­bär­te wa­ren nicht gern ge­se­hen. Wer was wer­den woll­te, kam glatt ra­siert. Seit Crom­mes Ab­gang hat sich das Bild ge­wan­delt. Kon­zern­chef Hein­rich Hie­sin­ger lässt sich in wal­len­den Ge­wän­dern beim Tai-Chi ab­lich­ten, bei of­fi­zi­el­len An­läs­sen bleibt die Kra­wat­te auch mal im Schrank. Walter Sinn

Hie­sin­ger be­fin­det sich in gu­ter Ge­sell­schaft. Über­all wer­den in Vor­stands­eta­gen die obers­ten Knöp­fe des Hemds ge­öff­net, ver­schwin­det der Dop­pel­te Wind­sor. Vor we­ni­gen Ta­gen kün­dig­te Alid Nord ei­ne Lo­cke­rung der Klei­der­ord­nung an. Der Han­dels­kon­zern schafft die Kra­wat­ten­pflicht ab. Da­mit set­ze man die Mo­der­ni­sie­rungs­stra­te­gie kon­se­quent in sämt­li­chen Be­rei­chen um, er­klär­te ei­ne Spre­che­rin.

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ver­än­dert die Ge­schäfts­mo­del­le, Top­ma­na­ger ha­ben Angst, den An­schluss zu ver­lie­ren. Bin­nen we­ni­ger Jah­re wer­den aus Start-ups Welt­kon­zer­ne – Face­book, Goog­le, Airbnb. Mit ih­rem Sie­ges­zug taucht ein neu­er Un­ter­neh­mer­typ auf. Face­book-Chef Mark Zu­cker­berg trägt selbst zu of­fi­zi­el­len An­läs­sen graue Shirts und Ka­pu­zen­pul­lis („Hoo­dies“). Die kra­wat­ten­lo­sen Hem­den von Airb­n­bMit­grün­der Bri­an Ches­ky kön­nen sein Kraft­trai­ning nicht ver­ber­gen. Selbst die Ü50-Ma­na­ger Tim Cook (App­le) und Jeff Be­zos (Ama­zon) sieht man fast nie mit Kra­wat­te.

Im Si­li­con Val­ley sind al­le lo­cker, läs­sig, hip. Wer da als Un­ter­neh­men nicht auf der Stre­cke blei­ben will, muss mit­zie­hen. Al­so be­gin­nen auch in deut­schen Vor­stands­eta­gen Lo­cke­rungs­übun­gen. Hek­tisch wer­den Bü­ro­wän­de ein­ge­ris­sen, fla­che Hier­ar­chi­en ein- und Kra­wat­ten aus­ge­zo­gen. Te­le­kom-Chef Tim Hött­ges kommt im Pul­li ins Bü­ro, In­no­gy-Chef Pe­ter Te­ri­um läuft oft oh­ne Kra­wat­te her­um und lässt sich von vie­len Mit­ar­bei­tern du­zen. Sie­mens-Chef Joe Ka­e­ser, frü­her meist im Maß­an­zug mit Kra­wat­te zu se­hen, trat im Som­mer häu­fi­ger in him­mel­blau­en Frei­zeitho­sen auf, den Hemd­kra­gen zwei Knöp­fe weit of­fen. Ot­to-Len­ker Hans-Ot­to Schra­der ging bei sei­nen 53.000 Mit­ar­bei­tern noch wei­ter und bot al­len das Du an. Er wol­le da­mit ei­nen „Kul­tur­wan­del 4.0“vor­an­trei­ben.

Die Er­klä­rung für das neue Er­schei­nungs­bild lie­fer­te Walter Sinn, Deutsch­land-Ge­schäfts­füh­rer der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung Bain: „Wo sich Ge­schäfts­mo­del­le ra­di­kal wan­deln, müs­sen es auch die CEOs tun.“Für die Füh­rungs­spit­ze des Au­to­zu­lie­fe­rers Con­ti ist der durch den Kra­wat­ten­ver­zicht do­ku­men­tier­te Kul­tur­wan­del ein Ver­such, die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on an­zu­spre­chen.

Die Gren­ze zwi­schen läs­si­ger Selbst­in­sze­nie­rung und pein­li­chem Her­an­schmei­ßen an ei­ne jun­ge Ziel­grup­pe in­des ist schmal. Gis­bert Rühl hat kei­ne Lust, auf der fal­schen Sei­te zu lan­den: „Ich bin 57, da muss ich mich rein äu­ßer­lich nicht den 30-Jäh­ri­gen an­pas­sen.“Es sei wich­tig, au­then­tisch zu blei­ben. Rühl führt den Stahl­händ­ler Klöck­ner & Co. Mehr Old Eco­no­my geht nicht. Vie­le Kun­den be­stel­len noch per Fax. Doch seit ei­nem Be­such im Si­li­con Val­ley krem­pelt Rühl das Un­ter­neh­men um. Stän­dig ist er auf Star­t­up-Gip­feln zu se­hen. Den An­zug lässt er trotz­dem an. „Ich wür­de auf ge­schäft­li­chen Ter­mi­nen nicht in Je­ans her­um­lau­fen. Wenn in der Ber­li­ner Start-up-Sze­ne so­ge­nann­te Piz­za-Mee­tings statt­fin­den, bin ich manch­mal der Ein­zi­ge, der ei­nen An­zug trägt.“Ein Pro­blem sei das nicht: „Den Grün­dern ist es ganz egal.“Auch Oli­ver Burk­hard, Per­so­nal­vor­stand bei Thys­senk­rupp, glaubt, dass man den Hips­ter-Wahn nicht über­trei­ben darf: „Wir wer­den nicht auf Sitz­sä­cken lie­gen und mit dem Lap­top auf den Knien ar­bei­ten.“Nur weil man für Start-up-Le­gen­den wie Elon Musk und den Elek­tro­au­to­bau­er Tes­la pro­du­zie­re, soll das wohl hei­ßen, müs­se man nicht die Fir­men­kul­tur über den Hau­fen wer­fen.

An­de­re fin­den den Kra­wat­ten­ver­zicht so­gar schäd­lich: Als Daim­ler be­schloss, dass sich im Vor­stand je­der klei­den kön­ne, wie er wol­le, ver­zich­te­ten erst ei­ni­ge auf Schlips oder An­zug, ir­gend­wann auch vie­le wei­te­re Mit­ar­bei­ter. Dar­auf ha­be ein gro­ßes Be­klei­dungs­haus in Stutt­gart an­ge­merkt, dass der Um­satz an An­zü­gen und Kra­wat­ten zu­rück­ge­gan­gen sei.

Ähn­li­ches hat man in Kre­feld be­ob­ach­tet. „Na­tür­lich hat die Kra­wat­te in Deutsch­land an Um­satz ver­lo­ren“, sagt Hans-Joa­chim Ploe­nes, Ge­schäfts­füh­rer des Kra­wat­ten­her­stel­lers Ploe­nes. „Das fing mit der Ein­füh­rung des Ca­su­al Fri­day vor rund zehn Jah­ren an.“Als er 1956/ 57 an­ge­fan­gen ha­be, ha­be es in Deutsch­land noch 142 Kra­wat­ten­fir­men ge­ge­ben; heu­te sei­en es noch et­wa zehn, sagt Ploe­nes. Und die Zahl der ver­kauf­ten Kra­wat­ten sei seit An­fang der 90er-Jah­re um zwei Drit­tel auf elf Mil­lio­nen ge­sun­ken. Ploe­nes kann die Grün­de, war­um Vor­stän­de auf den Schlips ver­zich­ten, nicht nach­voll­zie­hen: „Wenn ich Grup­pen­fo­tos von Vor­stän­den se­he, auf de­nen nie­mand ei­ne Kra­wat­te trägt, wirkt das al­les to­tal uni­form. Mit ei­ner Kra­wat­te kann man sich ab­he­ben.“

Vie­le jun­ge Men­schen ha­ben das er­kannt. Hips­ter tra­gen plötz­lich Kra­wat­te. Das ei­gent­li­che Pro­blem sei­en die 60-Jäh­ri­gen, sagt Ploe­nes: „Die ha­ben jah­re­lang ge­se­hen, wie lo­cker ih­re Söh­ne oh­ne Kra­wat­te aus­se­hen, und wol­len das dann auch. Da­bei wird der Bauch nicht we­ni­ger, der Hals nicht schö­ner. Die sä­hen mit ge­schlos­se­nem Kra­gen und Kra­wat­te viel bes­ser aus.“

„Wo sich Ge­schäfts­mo­del­le ra­di­kal wan­deln, müs­sen es auch die Vor­stands­chef tun“

ILLUSTRATION: MAL­TE KNAACK

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.