Das Dra­ma ei­nes un­ge­bo­re­nen Kin­des

Ian McEwan er­zählt sei­nen neu­en Ro­man „Nuss­scha­le“aus der bi­zar­ren Per­spek­ti­ve ei­nes Kin­des, das noch nicht auf der Welt ist. Das Un­ge­bo­re­ne ist in sei­ner Ver­suchs­an­ord­nung das ein­zi­ge We­sen mit Ver­nunft.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LITERATUR - VON FRANK DIETSCHREIT

Ein un­ge­bo­re­nes Kind liegt in der Ge­bär­mut­ter. Weil der Ge­burts­ter­min kurz be­vor­steht, es be­reits sehr eng ist in der war­men Höh­le, be­zeich­net das Kind sie – in An­spie­lung an ein Zi­tat aus Sha­ke­speares „Ham­let“– als „Nuss­scha­le“, die es bald gilt auf­zu­bre­chen. Es ist ein na­se­wei­ses, schel­mi­sches Kind, das noch nicht se­hen, aber schon hö­ren und den­ken kann, das sich auf al­les, was ge­schieht, ei­nen Reim macht und mit gars­ti­gem Hu­mor kom­men­tiert, was da drau­ßen in der Welt an po­li­ti­schem Un­heil ge­schieht und war­um mit der Ehe sei­ner El­tern schein­bar al­les schief­läuft.

Ian McEwan hat ein Fai­b­le für un­ge­wöhn­li­che Per­spek­ti­ven und The­men: In „Der Ze­m­ent­gar­ten“geht es um Kin­der, die ih­re to­te Mut­ter im Gar­ten ver­schar­ren, um wei­ter­hin staat­li­che Un­ter­stüt­zung zu be­kom­men und nicht ins Heim ge­steckt zu

Mit leich­ter Hand und fei­ner Iro­nie zeich­net der Au­tor das Dra­ma des un­ge­lieb­ten Kin­des

wer­den. In „Ab­bit­te“beich­tet ei­ne grei­se Schrift­stel­le­rin, dass sie als jun­ges Mäd­chen mit pu­ber­tä­rer Ei­fer­sucht das Le­ben an­de­rer Men­schen zer­stört hat. In „Kin­des­wohl“quält sich ei­ne Rich­te­rin mit der Fra­ge, ob es ju­ris­tisch er­laubt ist, ei­nen an Leuk­ämie er­krank­ten Jun­gen, der aus re­li­giö­sen Grün­den die Zu­fuhr frem­den Blu­tes ver­wei­gert, ge­gen sei­nen Wil­len ärzt­lich zu ver­sor­gen und am Le­ben zu er­hal­ten. In „Nuss­scha­le“dreht er nun noch ein­mal ge­hö­rig an der Per­spek­ti­vSchrau­be und er­zählt ei­ne bi­zar­re Ge­schich­te, die von der Lust auf Le­ben und der Ba­na­li­tät des Bö­sen han­delt, die Scho­pen­hau­er auf die li­te­ra­ri­sche Schip­pe nimmt und – aus der Sicht ei­nes un­ge­bo­re­nen Kin­des – die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung kre­iert.

Das Kind spürt am sich ver­än­dern­den Herz­schlag der Mut­ter, was vor sich geht, ob die Mut­ter liebt oder lügt oder mit ih­rem Lieb­ha­ber im Bett liegt und Mord­plä­ne schmie­det. Denn die schwan­ge­re Tru­dy hat ih­ren Ehe­mann John, ei­nen Ly­ri­ker und Ver­le­ger, aus dem Haus ge­jagt und um ei­ne Aus­zeit vom Ehe­all­tag ge­be­ten. Doch ei­gent­lich will sie mit ih­rem Ge­lieb­ten Clau­de, dem tum­ben Bru­der ih­res ver­geis­tig­ten Ehe­man­nes, ein neu­es Le­ben be­gin­nen. Sie sind geld­gie­rig, wol­len John ver­gif­ten und die Lon­do­ner Fa­mi­li­en-Vil­la ver­scher­beln. Was das un­ge­bo­re­ne Kind be­son­ders ver­är­gert und ver­ängs­tigt, ist, dass nie­mand Rück­sicht nimmt und sich dar­über Ge­dan­ken macht, wie und wo es er­zo­gen wer­den und wie es da­mit le­ben soll, dass der Va­ter viel­leicht bald tot und die Mut­ter viel­leicht bald ei­ne Mör­de­rin sein und im Ge­fäng­nis sit­zen könn­te: Das Kind ist das ein­zi­ge We­sen mit funk­tio­nie­ren­der Moral und ei­nem auf Ver­nunft be­ru­hen­den Den­ken.

Na­tür­lich sol­len wir das al­les nicht für ba­re Mün­ze neh­men, son­dern als li­te­ra­ri­sche Ver­suchs­an­ord­nung, als ein Ver­wirr­spiel über Lie­be und Ver­rat, das durch die gro­tesk über­zeich­ne­te, sa­ti­risch ver­frem­de Per­spek­ti­ve be­son­ders ein­dring­li­che Wir­kung er­zielt. Das Kind ist emo­tio­na­les Kraft­zen­trum und in­tel­li­gen­te Bes­tie, weil die an Schlaf­lo­sig­keit lei­den­de Mut­ter stän­dig Ra­dio hört, Wis­sen­schafts-, Po­li­tik-, Kul­tur-Sen­dun­gen, Nach­rich­ten, Hör­spie­le, Le­sun­gen. Das Kind, das ja noch ein wei­ßes un­be­schrie­be­nes Blatt und we­der gut noch bö­se ist, saugt das Ge­hör­te auf, weiß al­les über Ter­ror und Tu­gend, über Joy­ce und Sha­ke­speare, ver­knüpft al­les zu ei­nem ei­ge­nen Moral- und Wer­te­sys­tem, das dem der Er­wach­se­nen haus­hoch über­le­gen ist. Denn wäh­rend die Er­wach­se­nen vol­ler Gier, Wol­lust und Hab­sucht sind, will das un­ge­bo­re­ne Kind nur ei­nes: ge­sund auf die Welt kom­men, zu­frie­den le­ben und von sei­nen El­tern ge­liebt wer­den.

Sel­ten konn­te man ei­nen so ku­ri­os und zugleich so ko­misch kon­stru­ier­ten Ro­man über der­art wich- ti­ge, exis­ten­zi­el­le Fra­gen le­sen. Mit leich­ter Hand und fei­ner Iro­nie zeich­net der Au­tor das Dra­ma des un­ge­bo­re­nen, un­ge­lieb­ten Kin­des, das um sein Le­ben kämpft und kopf­schüt­telnd und fas­sungs­los die Dumm­heit der Er­wach­se­nen re­gis­triert. Es geht in die­sem phi­lo­so­phisch aus­ge­klü­gel­ten, sprach­lich ver­sier­ten, li­te­ra­risch fes­seln­den Ro­man im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes um Le­ben und Tod. Die Er­zählPer­spek­ti­ve ist ha­ne­bü­chen, der Hu­mor ma­ka­ber, die Aus­sicht auf ein ge­deih­li­ches Zu­sam­men­le­ben der Men­schen mehr als frag­wür­dig: Doch ge­ra­de die­se Am­bi­va­lenz macht den Ro­man so span­nend und le­sens­wert, ein­zig- und groß­ar­tig. Ian McEwan en­det mit den Wor­ten: „Erst Gram, dann Ge­rech­tig­keit, dann Sinn. Der Rest ist Cha­os.“Recht hat er. „Nuss­scha­le“.

FO­TO: ULLSTEIN

Der Au­tor Ian McEwan sucht nach un­ge­wöhn­li­chen Per­spek­ti­ven.

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