Be­we­gung er­nährt auch den Kopf

Der frü­he­re SPD-Chef Franz Mün­te­fe­ring sprach ges­tern im Bo­rus­sia­park über die wach­sen­de Pfle­ge­be­dürf­tig­keit.

Rheinische Post Moenchengladbach - - GESUNDHEIT - VON AN­GE­LA RIETDORF

„Es ist mal ganz an­ge­nehm, Vor­sit­zen­der ei­ner Ver­ei­ni­gung zu sein, die 13 bis 14 Mil­lio­nen Mit­glie­der hat und ganz oh­ne Wer­bung in den nächs­ten 20 Jah­ren wei­ter wach­sen wird“, sagt Franz Mün­te­fe­ring, ehe­mals SPD-Chef und heu­te Vor­sit­zen­der der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Se­nio­ren­or­ga­ni­sa­tio­nen. Was für die Be­deu­tung der kurz BAGSO ge­nann­ten Ver­ei­ni­gung gut ist, stellt die ge­sam­te Ge­sell­schaft vor ein Pro­blem, oder bes­ser: vor ei­ne Her­aus­for­de­rung. Ei­ne de­mo­gra­fi­sche näm­lich. Weil wir al­le im­mer äl­ter wer­den.

Mün­te­fe­ring sprach ges­tern bei ei­nem Ta­ges­se­mi­nar zum The­ma Kran­ken­haus­po­li­tik, zu dem das ge­mein­nüt­zi­ge In­sti­tut für pa­ti­en­ten­ori­en­tier­te Ver­sor­gungs­for­schung in den Bo­rus­sia­park ein­ge­la­den hat­te. Aber er be­gann nicht mit den al­ten Men­schen, son­dern mit den jun­gen. „Wir ma­chen nicht ge­nü­gend deut­lich, wel­chen Ein­fluss man auf die ei­ge­ne Ge­sund­heit hat“, sag­te der frü­he­re Vi­ze­kanz­ler. „Schon die Kin­der müs­sen ler­nen, was der Kör­per braucht.“Heu­te, stell­te er fest, ge­be es ei­ne Kluft im Land, und zwar zwi­schen de­nen, die zu Hau­se ler­nen, auf ih­re Ge­sund- heit zu ach­ten, und de­nen, die das nicht tun. „Wir müs­sen die Idee der Prä­ven­ti­on ver­mit­teln“, sag­te Mün­te­fe­ring. Schlüs­sel­be­grif­fe sei­en Er­näh­rung und Be­we­gung. „Wir le­ben in ei­ner Be­we­gungs­ver­hin­de­rungs­ge­sell­schaft“, mein­te er. „Aber Be­we­gung er­nährt auch den Kopf.“

Dann kam der ehe­ma­li­ge SPDVor­sit­zen­de auf sein ei­gent­li­ches The­ma zu spre­chen: die in den nächs­ten Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich wach­sen­de Zahl der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen. Man geht da­von aus, dass sie in den kom­men­den Jah­ren von heu­te 2,5 auf min­des­tens 3,5 Mil­lio­nen wach­sen wird. Schließ­lich sind in spä­tes­tens 20 Jah­ren auch die letz­ten Ba­by­boo­mer in Ren­te ge­gan­gen. Es wird al­so mehr Pfle­ge­be­dürf­ti­ge ge­ben, gleich­zei­tig aber we­ni­ger Pfle­ge­kräf­te, weil der Nach­wuchs fehlt. Mün­te­fe­ring for­dert, die Pfle­ge­be­ru­fe mehr wert­zu­schät­zen und vor al­lem bes­ser zu be­zah­len. „Wenn in die­sen Be­ru­fen mehr Män­ner ar­bei­ten wür­den, hät­te sich schon längst et­was ge­än­dert. Et­was stimmt nicht, wenn Men­schen zu pfle­gen nicht eben­so wich­tig ist wie Schrau­ben in Au­tos zu dre­hen.“

Heu­te wird noch die Hälf­te der pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen in der Fa­mi­lie ge­pflegt. Das wer­de sich än­dern, mein­te Mün­te­fe­ring: „Die Zahl der Kin­der­lo­sen wächst, 30 Pro­zent der heu­te 46-Jäh­ri­gen ha­ben kei­ne Kin­der.“Dar­auf müs­se die Ge­sell­schaft re­agie­ren, nicht nur in der Pfle­ge. Ver­ein­sa­mung sei die größ­te Krank­heit in Deutsch­land, sag­te der BAGSO-Vor­sit­zen­de. Man müs­se We­ge fin­den, ge­gen­zu­steu­ern, an­de­re Struk­tu­ren auf­zu­bau­en.

Auch auf das Ta­bu-The­ma Ster­ben kam Mün­te­fe­ring zu spre­chen: „Man kann ei­ne Ge­sell­schaft dar­an mes­sen, wie sie mit dem Ster­ben um­geht.“Es ge­be viel Angst­ma­che­rei in der Öf­fent­lich­keit. „Man kann heu­te viel tun, um Schmer­zen zu er­spa­ren, aber die Pal­lia­tiv­an­ge­bo­te sind nicht so flä­chen­de­cken, wie es gut wä­re“, meint er. Im Zu­sam­men­hang mit der wach­sen­den Zahl von Men­schen mit De­menz warb er da­für, Al­li­an­zen für De­menz­kran­ke in den Städ­ten zu schaf­fen. „Je­de Stadt ist ein Uni­kat. Vor Ort muss über­legt wer­den, wel­che Struk­tu­ren es gibt, was ver­netzt wer­den kann und was neu ge­schaf­fen wer­den muss“, er­klär­te er. Das al­les sei ei­ne Rie­sen­her­aus­for­de­rung, mein­te er, aber über all dem sol­le man nicht ver­ges­sen, sich über die ho­he Le­bens­er­war­tung zu freu­en und et­was aus den zu­sätz­li­chen Jah­ren zu ma­chen. „Le­bens­freu­de ist ei­ne gro­ße Hil­fe“, sag­te Franz Mün­te­fe­ring.

ARCHIVFOTO: AN­NE ORTHEN

Franz Mün­te­fe­ring – hier bei ei­ner Ver­an­stal­tung in Düs­sel­dorf En­de Ok­to­ber – sprach ges­tern im Bo­rus­sia­park.

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