Schluss mit 27

So wie nun Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bachs Al­va­ro Do­m­in­guez ha­ben auch an­de­re nam­haf­te Sport­ler mit 27 Jah­ren ih­re Kar­rie­re be­en­det. Grün­de für den frü­hen Schluss­strich gibt es vor al­lem zwei: zu ho­he Be­las­tung oder den Hun­ger auf et­was Neu­es.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON STE­FAN KLÜTTERMANN

DÜS­SEL­DORF Al­va­ro Do­m­in­guez re­de­te nicht lan­ge um den hei­ßen Brei her­um. Sei­ne Mie­ne in der selbst­ge­dreh­ten Vi­deo­bot­schaft sprach oh­ne­hin Bän­de. „Ich ha­be die schlech­te Nach­richt für euch, dass ich mit 27 Jah­ren In­va­li­de bin“, teil­te Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bachs spa­ni­scher In­nen­ver­tei­di­ger mit. Das Kar­rie­re­en­de in ei­nem Satz. Das Le­ben als Pro­fi­sport­ler – vor­bei. In ei­nem Satz. Mit 27 in die gro­ße Lee­re. Do­m­in­guez zwan­gen mo­na­te­lan­ge Rü­cken­pro­ble­me zum Zie­hen der Reiß­lei­ne. Zwei Ope­ra­tio­nen. Lan­ge Re­ha-Wo­chen. Hof­fen. Ban­gen. Ver­zwei­feln. Am En­de ein­se­hen, dass es nicht mehr geht. Und es geht eben viel frü­her nicht mehr als bei vie­len an­de­ren. Die be­en­den mit 34 ih­re Kar­rie­re. Oder spä­ter. Aber mit 27?

Es wird Do­m­in­guez nicht trös­ten, aber er teilt sein Schick­sal mit nam­haf­ten Sport­ler­kol­le­gen. Und öf­ter taucht die 27 als Al­ters­zahl auf, bei der die Lauf­bahn en­det. Die 27, die fast mys­tisch auf­ge­la­den ist, weil es seit 1994 den Be­griff „Klub 27“gibt, in dem all die Mu­sik­grö­ßen zu­sam­men­ge­fasst sind, die in die­sem Al­ter ge­stor­ben sind: Ji­mi Hen­d­rix, Ja­nis Jo­p­lin oder Kurt Co­bain. Die Theo­ri­en zum To­des­al­ter ge­hen in ih­ren Fäl­len von ra­tio­na­len bis zu spi­ri­tu­el­len. Was bleibt, ist die 27.

Für die Grün­de, war­um ei­ni­ge be­kann­te Leis­tungs­sport­ler ih­re Kar­rie­re in just die­sem Al­ter be­en­de­ten, müs­sen in­des kei­ne Neu­ro­wis­sen­schaft­ler oder Pla­ne­ten­kon­stel­la­tio­nen her­an­ge­zo­gen wer­den. Es sind vor al­lem zwei Ur­sa­chen, die zu­tref­fen: Ent­we­der – wie im Fall Do­m­in­guez – streikt der Kör­per nach jah­re­lan­ger Be­las­tung im Pro­fi­sport und macht ein „Wei­ter so“un­mög­lich. Oder die Be­trof­fe­nen stel­len sich die Fra­ge, ob der Leis­tungs­sport wirk­lich al­les sein soll, was das Le­ben in sei­nen bes­ten Jah­ren zu bie­ten hat. Se­bas­ti­an Deis­ler galt mal als größ- tes Ta­lent im deut­schen Fuß­ball, als der deut­sche Fuß­ball kei­ne Ta­len­te hat­te. Doch er blieb ein Ver­spre­chen und wur­de qua­si zum Syn­onym für das, was der Hoch­leis­tungs­sport mit ei­nem Men­schen ma­chen kann – men­tal und kör­per­lich. Deis­ler litt un­ter De­pres­sio­nen, be­en­de­te schließ­lich we­gen vie­ler Ver­let­zun­gen früh­zei­tig sei­ne Kar­rie­re.

Ste­fan Reinartz mach­te im Som­mer Schluss und über­rasch­te da­mit die kom­plet­te Sze­ne. Mit 27. Den Pro­fi von Ein­tracht Frank­furt (und frü­her Bay­er Le­ver­ku­sen) dürf­ten Ver­let­zun­gen letzt­lich nur dar­in be­stä­tigt ha­ben, was er eh im­mer im Hin­ter­kopf hat­te: an­de­re Pro­jek­te als den Leis­tungs­sport in den Le­bens­mit­tel­punkt zu rü­cken. „Mir ist be­wusst, dass ich auf vie­le Din­ge ver­zich­te, und den­noch fühlt sich die­se Ent­schei­dung rich­tig an“, sag­te er. In­zwi­schen ar­bei­tet er in sei­nem ei­ge­nen Start-up-Un­ter­neh­men an Sport­da­ten­ana­ly­sen.

Uli Ho­en­eß hör­te 1979 auch mit 27 auf. Auf­grund ei­nes ir­re­pa­ra­blen Knor­pel­scha­dens. Und wur­de so der jüngs­te Ma­na­ger in der Ge­schich­te der Bun­des­li­ga. Der wei­te­re Weg ist be­kannt. Der Knor­pel­scha­den war im Rück­blick al­so kein Bruch in sei­ner Vi­ta, viel­mehr ein Start­schuss für das zen­tra­le Ka­pi­tel sei­nes Le­bens.

Bei Ce­lia Sa­sic war 2015 die Über­zeu­gung ge­reift, dass es reich­te. Mit 27. Die Fuß­ball­na­tio­nal­spie­le­rin

und Tor­schüt­zen­kö­ni­gin der WM im sel­ben Jahr hör­te auf, weil sie ihr Stu­di­um be­en­den, ei­nen Job be­gin­nen und die Fa­mi­li­en­pla­nung vor­an­trei­ben woll­te. „Ich freue mich jetzt auf ei­ne gan­ze Men­ge neu­er Din­ge, die vor mir lie­gen“, sag­te sie da­mals. Ein Jahr spä­ter kam ih­re Toch­ter auf die Welt.

Ten­nis­star Mar­ti­na Hin­gis trat 2007 nicht mit ei­nem Ba­by-Wunsch zu­rück. Sie sah sich viel­mehr mit dem Do­ping­vor­wurf kon­fron­tiert, Ko­ka­in kon­su­miert zu ha­ben. Die 27-Jäh­ri­ge (zwölf Grand-Slam-Ti­tel) gab an, sie ha­be kei­ne Lust auf ei­nen jah­re­lan­gen ju­ris­ti­schen Streit, um ih­re Un­schuld zu be­wei­sen. Au­ßer­dem mach­ten ihr an­hal­ten­de Hüft­und Rü­cken­ver­let­zun­gen zu schaf­fen. Die Schwei­ze­rin war schon mit 13 auf der Pro­fi­tour ge­star­tet.

Ru­ne Vel­ta nahm mit 20 erst­mals an ei­nem Welt­cup-Ski­sprin­gen teil. Fünf Jah­re spä­ter fei­er­te der Nor­we­ger sei­ne größ­ten Er­fol­ge: Er wur­de Welt­meis­ter von der Nor­mal­schan­ze, im Ein­zel und mit dem Team. Doch ein Jahr spä­ter hör­te Vel­ta auf. Mit 27. „Um in der Welt­spit­ze zu sein, muss man je­den Tag ab­so­lut mo­ti­viert sein und al­les ge­ben. In letz­ter Zeit ha­be ich ge­merkt, dass ich die­se Mo­ti­va­ti­on nicht mehr ha­be, und da­her ist es am bes­ten für mich, ei­ne neue Her­aus­for­de­rung im Le­ben zu su­chen“, sag­te er.

Ei­ne neue Her­aus­for­de­rung muss sich auch Do­mi­nik Nerz su­chen. Der Rad­pro­fi mach­te im Ok­to­ber 2016 Schluss. Er muss­te Schluss ma­chen. Mit 27. Da­bei wer­den Rad­fah­rer erst in den 30ern rich­tig gut. „Es gibt für mich, nach in­ten­si­ven me­di­zi­ni­schen Un­ter­su­chun­gen, kei­ne an­de­re Al­ter­na­ti­ve“, teil­te er mit. Er galt als ei­ner der hoff­nungs­volls­ten deut­schen Fah­rer. Aber sein Kör­per mach­te den Leis­tungs­sport nicht mehr mit. Ei­ne Odys­see durch Arzt­pra­xen ließ kei­nen an­de­ren Schluss zu. „Mein gan­zes letz­tes Le­ben ist weg­ge­bro­chen“, sag­te Nerz. Das neue Le­ben zu star­ten, fällt schwer. Das ha­ben schon an­de­re fest­stel­len müs­sen. Aus dem Sport­klub 27.

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