Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Die Tou­ris­ten im Ab­flug­be­reich wa­ren ent­we­der frus­triert, dass der Ur­laub zu En­de war, oder be­drückt über den be­vor­ste­hen­den lan­gen Flug. An­de­re ver­län­ger­ten das Fe­ri­en­gefühl mit den Drinks, die sie sich auch in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ge­gönnt hat­ten. Vie­le von ih­nen tru­gen ih­re Tat­toos zur Schau und die neue Son­nen­bräu­ne und wa­ren so hoch­som­mer­lich ge­klei­det, als könn­ten sie das Wet­ter nach Bir­ming­ham, Frank­furt oder Stock­holm mit­neh­men.

Aber es war ei­ne harm­lo­se, un­ver­däch­ti­ge Ge­sell­schaft, in der Jo­nas Brand hier un­ter­tauch­te. Er glaub­te nicht, dass ihm hier noch Ge­fahr droh­te. Den­noch wag­te er es nicht, Ma­ri­na oder Max an­zu­ru­fen. Das wür­de er erst in Kua­la Lum­pur tun. Dort hat­te er sie­ben St­un­den Auf­ent­halt bis zu sei­nem Wei­ter­flug nach Do­ha.

Er fand ei­nen frei­en Stuhl ne­ben ei­ner Fa­mi­lie mit zwei klei­nen di­cken Kin­dern und ei­ner Grup­pe lau­ter jun­ger Schwe­den, die Bier tran­ken und da­zu et­was brüll­ten, das wie Trink­sprü­che oder Wi­kin­gerSchlacht­ru­fe klang.

Zum ers­ten Mal seit der Raz­zia konn­te er wie­der et­was zu sich kom­men. Hat­te Max Gant­mann recht mit sei­ner Ver­schwö­rungs­theo­rie, wie Ma­ri­na es nann­te? Hat­te die GCBS ihn tat­säch­lich mit dem För­der­geld nach Bang­kok ge­lockt, und reich­te ihr Arm so weit, dass sie ihm ein Pfund He­ro­in ins Ge­päck schmug­geln las­sen konn­te? Be­sa­ßen ge­wis­se Ele­men­te aus der Bank oder ih­rem Um­feld die Per­fi­die, ihn aus­ge­rech­net auf die glei­che Art in der Ver­sen­kung ver­schwin­den zu las­sen wie er den Prot­ago­nis­ten des Fil­mes, den sie mit­fi­nan­zier­ten?

Er konn­te es nicht glau­ben. Für ihn sah es eher nach ei­nem Zu­fall aus, nach ei­nem be­son­ders kras­sen Fall von Iro­nie des Schick­sals.

Fast vier­zig St­un­den, nach­dem er im Man­da­rin Ori­en­tal aus­ge­checkt hat­te, steck­te er den Schlüs­sel in das Schloss sei­ner Woh­nungs­tür. Jo­nas hat­te wäh­rend der gan­zen Rei­se kaum ein Au­ge zu­ge­tan. Zu auf­ge­wühlt war er von dem Er­leb­ten, und zu un­ru­hig wa­ren die Flü­ge von Kua­la Lum­pur nach Do­ha und von Do­ha nach Zü­rich ge­we­sen. Er be­fand sich in ei­ner Mi­schung aus Däm­mer­zu­stand und Eu­pho­rie, und der fes­te Bo­den fühl­te sich an, als schwan­ke er.

Er be­trat sei­nen Flur und roch so­fort das San­del­holz der Räu­cher­stäb­chen. Aus dem Wohn­zim­mer drang Mu­sik, Ma­ri­nas Mu­sik: Flu­me von Bon Iver.

Jo­nas stell­te sein Ge­päck ab und ging ins Wohn­zim­mer.

Sie saß auf dem Bo­den, den Kopf auf den Le­der­ses­sel mit der Kan­ga aus Tan­sa­nia ge­legt, und war ein­ge­schla­fen. So still, fried­lich und schön war ihr Ge­sicht, dass ihm die Trä­nen ka­men. Er trock­ne­te sie mit dem Un­ter­arm, und als er wie­der se­hen konn­te, war sie auf­ge­stan­den. Sie schlang ih­re Ar­me um ihn und press­te ihn an sich. „Was ist pas­siert?“, flüs­ter­te sie. „Spä­ter.“Sie be­gann, ihn aus­zu­zie­hen. „Ich muss zu­erst un­ter die Du­sche.“„Spä­ter.“Als er er­wach­te, war es Nacht ge­wor­den. Jo­nas brauch­te ei­nen Mo­ment, um sich zu­recht­zu­fin­den. Er lag im Dun­kel sei­nes ei­ge­nen Schlaf­zim­mers, und die Ge­räu­sche, die er hör­te, ka­men aus sei­ner ei­ge­nen Kü­che. Noch im­mer spür­te er das leich­te Schau­keln sei­ner Langstre­cken­flü­ge.

Der Duft der Räu­cher­stäb­chen hat­te sich ver­flüch­tigt und dem Aro­ma von To­ma­ten­sau­ce Platz ge­macht.

Jo­nas ging ins Bad und stell­te sich mit ge­schlos­se­nen Au­gen un­ter die Du­sche. So­fort ka­men die Bil­der wie­der. Bang Kwang, Ca­me­ron Bus­bar, die Ge­fäng­nis­tou­ris­ten, die be­leuch­te­ten Boo­te auf dem Fluss, das wei­ße Pul­ver in der WC-Schüs­sel und die Po­li­zis­ten in sei­nem Ho­tel­zim­mer.

Im­mer wie­der seif­te er sich ein und dusch­te sich ab, bis er das Ge­fühl hat­te, sich das gan­ze Bang­ko­kAben­teu­er vom Leib ge­wa­schen zu ha­ben. Dann rieb er sich tro­cken und ra­sier­te sich die Stop­peln von Ge­sicht und Schä­del.

Jetzt erst ent­deck­te er im Spie­gel Ma­ri­na, die im Tür­rah­men stand und ihn be­ob­ach­te­te. Sie trug ih­re aus zwei Kü­chen­tü­chern im­pro­vi­sier­te Schür­ze mit ein paar To­ma­ten­fle­cken.

„Wenn du dir kahl ge­nug bist, kön­nen wir es­sen“, sag­te sie. Als sie sich um­dreh­te und zu­rück zur Kü­che ging, sah er, dass die Schür­ze das Ein­zi­ge war, was sie trug.

Er schlüpf­te in sei­nen Ba­de­man­tel und ging zu ihr in die Kü­che. Zwei Ker­zen brann­ten auf dem Tisch. Es gab grü­nen Sa­lat und Spa­ghet­ti Na­po­li. Erst jetzt merk­te er, was für ei­nen Bä­ren­hun­ger er hat­te. Wäh­rend der gan­zen Rei­se hat­te er kaum et­was ge­ges­sen.

Ma­ri­na sah ihm amü­siert zu, wie er zwei Tel­ler Spa­ghet­ti ver­schlang. Erst als er den Mund ab­ge­wischt und ein Glas Rot­wein ge­leert hat­te, frag­te sie: „Al­so, was ist pas­siert?“

Jo­nas schil­der­te ihr, wie knapp er ei­ner Ver­haf­tung, ei­ner jahr­zehn­te­lan­gen Haft­stra­fe, viel­leicht so­gar der Gift­sprit­ze ent­gan­gen war. Ma­ri­na här­te ihm mit wach­sen­dem Ent­set­zen zu. Als er ge­en­det hat­te, stand sie auf und um­arm­te ihn. Er fühl­te, wie sie zit­ter­te, und als sie sich von ihm lös­te, sah er ih­re Trä­nen. „War­um tun die das?“„Weil sie je­mand da­für be­zahlt.“„Wer?“„Max wird sa­gen, die Leu­te, die nicht wol­len, dass ich die Con­ti­ni­Sa­che ver­fol­ge.“

„Max, der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker.“

„Die GCBS fi­nan­ziert un­ter der Hand mei­nen Film, für den ich laut Pro­duk­ti­ons­plan als Ers­tes für Re­cher­chen nach Bang­kok flie­gen muss. Dort pas­siert mir das Glei­che wie mei­nem Ti­tel­hel­den: Man pflanzt mir He­ro­in ins Ge­päck. Da ist es ver­dammt schwer, nicht an ei­ne Ver­schwö­rung zu glau­ben.“

Ma­ri­na schenk­te bei­den Wein nach. „Und wie, glaubst du, ha­ben die das ge­macht?“

„Die GCBS ist ein in­ter­na­tio­na­ler Kon­zern. Die ver­fü­gen über ein welt­wei­tes Netz. Glaubst du, es ist ein Pro­blem, so et­was zu or­ga­ni­sie­ren? In ei­nem Land, wo die Po­li­zis­ten drei­hun­dert Fran­ken im Mo­nat ver­die­nen und Uni­form und Di­enst­waf­fe selbst be­zah­len müs­sen?“

Ma­ri­na hielt das Wein­glas in bei­den Hän­den und trank nach­denk­lich dar­aus. „Aber dass die so weit ge­hen.“

„Das heißt, dass Max auch dar­in recht hat: Die Con­ti­ni-Sa­che ist rie­sen­groß. Grö­ßer, als wir uns vor­stel­len kön­nen. Viel grö­ßer.“„Und jetzt? Was machst du jetzt?“Jo­nas zuck­te mit den Schul­tern.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.