Bun­des­tags­wahl in Pu­tins Vi­sier

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON BIR­GIT MAR­SCHALL UND GRE­GOR MAYNTZ

BER­LIN Wenn im nächs­ten Jahr die Wahl­kampf­e­tats der Par­tei­en in den Blick kom­men, dann soll­te über die ver­mut­lich 20 bis 25 Mil­lio­nen Eu­ro bei CDU und SPD und die je­weils vier bis zehn Mil­lio­nen bei den klei­nen Par­tei­en hin­aus ei­ne an­de­re Sum­me auch be­rück­sich­tigt wer­den: je­ne ver­mut­lich mehr als 250 Mil­lio­nen, die der rus­si­sche Staat al­lein über sei­ne „Russ­land heu­te“-Me­di­en in die Aus­lands­pro­pa­gan­da steckt. Und das ist nur ein Baustein. Mit Sor­ge sieht Ver­fas­sungs­schutz-Prä­si­dent Hans-Ge­org Maa­ßen, wie in den so­zia­len Netz­wer­ken au­to­ma­ti­sier­te Stim­mungs­ma­che be­trie­ben wird. „Die Hin­wei­se auf Ver­su­che ei­ner Be­ein­flus­sung der Bun­des­tags­wahl im kom­men­den Jahr ver­dich­ten sich“, warnt Maa­ßen.

Ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­wahl hat es nicht ge­ge­ben. Aber die­se of­fi­zi­el­le Fest­stel­lung der Re­gie­rung in Washington be­zieht sich le­dig­lich auf die Be­fürch­tung, Cy­ber-An­grei­fer hät­ten in die Wahl­in­fra­struk­tur ein­drin­gen und den Wahl­pro­zess ver­än­dern kön­nen. „Frei und fair“sei die Ent­schei­dung des ame­ri­ka­ni­schen Vol­kes ge­we­sen – je­den­falls „aus der Per­spek­ti­ve der Cy­ber­Si­cher­heit“.

So steht denn nicht zu er­war­ten, dass im nächs­ten Herbst in Deutsch­land am Wahl­abend die ge­wer­te­ten Stimmen et­was an­de­res aus­drü­cken als die Wahl­ab­sicht der Bür­ger. Nur un­ter wel­chen Ein­drü­cken, Wahr­neh­mun­gen und Beur­tei­lun­gen sie zu ih­rer Wahl­ab­sicht kom­men, das dürf­te An­griffs­punkt von Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­su­chen wer­den wie bei kei­ner an­de­ren Wahl zu­vor. „Das ge­än­der­te In­for­ma­ti­ons­ver­hal­ten der Nut­zer in so­zia­len Netz­wer­ken ist ein idea­les Ein­falls­tor für die ge­ziel­te Des­in­for­ma­ti­on“, stellt der Ver­fas­sungs­schutz-Prä­si­dent fest. Pro­pa­gan­da und Des­in­for­ma­ti­on, Cy­ber-An­grif­fe, Cy- ber-Spio­na­ge und Cy­ber-Sa­bo­ta­ge sei­en Teil der hy­bri­den Be­dro­hung für west­li­che De­mo­kra­ti­en.

War es nur Zu­fall, dass Do­nald Trump Russ­land dar­um bat, die E-Mails sei­ner Kon­kur­ren­tin zu „fin­den“– und die­se dar­auf­hin als Wahl­kampf­fut­ter prompt über ei­ne Leak-Platt­form an die Öf­fent­lich­keit ge­lang­ten? Sind rus­si­sche Ha­cker oder Ha­cker im rus­si­schen Auf­trag in die Com­pu­ter der De­mo­kra­ti­schen Par­tei ein­ge­drun­gen? Russ­land be­strei­tet dies. Das Wei­ße Haus und Hil­la­ry Cl­in­tons Wahl­kampf­lei­tung be­haup­ten es.

Ein ähn­li­ches Sze­na­rio ist in Deutsch­land längst an­ge­lau­fen. So­wohl beim wie­der­hol­ten Cy­ber-An­griff auf die CDU als auch beim Ab­sau­gen von Da­ten im Um­fang von rund 15 Gi­ga­byte von Rech­nern im Bun­des­tag spiel­ten spe­zi­fi­sche Pro­gram­me ei­ne Rol­le, wie sie in vie­len Fäl­len von Da­ten­si­cher­heits­ex­per­ten nach Russ­land zu­rück­ver­folgt wer­den kön­nen.

Bis­lang ist von den elek­tro­nisch er­beu­te­ten Do­ku­men­ten aus den Bü­ros von Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten noch nichts wie­der auf­ge­taucht. Aber es ist ja auch noch nicht Wahl­kampf. Es ge­be ei­ne „zu­neh­mend ag­gres­si­ve Cy­ber­Spio­na­ge“, be­rich­tet Maa­ßen. Er sieht ei­ne mög­li­che Ge­fähr­dung deut­scher Re­gie­rungs­mit­glie­der, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und Par­tei-Mit­ar­bei­ter durch Cy­ber-Ope­ra­tio­nen. In­for­ma­tio­nen, die bei Cy­ber-Atta­cken ab­flie­ßen, könn­ten im Wahl­kampf zur Dis­kre­di­tie­rung von Po­li­ti­kern wie­der auf­tau­chen.

Wer auch im­mer da­mit „ge­speist“wer­den soll­te, der Vor­gang selbst spielt sich oh­ne öf­fent­li­che Be­ob­ach­tung der hy­brid agie­ren­den Hin­ter­män­ner ab. Ge­nau­so wie et­wa bei ei­nem durch Cy­ber-Sa­bo­ta­ge aus­ge­lös­ten Strom­aus­fall. Die Fol­ge ist je­doch ei­ne gro­ße Ve­r­un­si­che­rung. Und wie ent­schei­den sich ver­un­si­cher­te Wäh­ler, die obend­rein über ei­ne in­ten­si­ve Ver­brei­tung von Fal­sch­mel­dun­gen ei­ne sehr spe­zi­el­le Wahr­neh­mung be­kom­men? Ziel der rus­si- Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz schen Pro­pa­gan­da- und Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen sei die „Stär­kung ex­tre­mis­ti­scher Grup­pie­run­gen und Par­tei­en, um die Ar­beit der Bun­des­re­gie­rung zu er­schwe­ren und den po­li­ti­schen Dis­kurs zu be­ein­flus­sen“, heißt es in ei­ner Aus­wer­tung des Ver­fas­sungs­schut­zes.

Seit dem Be­ginn der Ukrai­ne-Kri­se und An­ge­la Mer­kels Ein­tre­ten für Sank­tio­nen ge­gen Russ­land wird da­nach ein „er­heb­li­cher An­stieg“rus­si­scher Kam­pa­gnen in Deutsch­land be­ob­ach­tet.

Das staat­li­che „RT“(Rus­sia To­day) sen­det auch auf Deutsch und mit deut­schen Ziel­grup­pen: Mil­lio­nen von Russ­land­deut­schen und Mer­kel-Skep­ti­kern, die mit Ar­gu­men­ta­ti­ons- und Ein­stel­lungs­hil­fen ver­sorgt wer­den. Ger­ne wirkt Lin­ken-Frak­ti­ons­che­fin Sah­ra Wa­genk­necht dar­an mit. Sie ant­wor­tet in ei­nem von meh­re­ren RT-In­ter­views auf die Fra­ge, war­um die EU die Sank­tio­nen nicht auf­he­be, mit der Be­mer­kung, dass die­se Sank­tio­nen kein po­si­ti­ves Er­geb­nis er­ziel­ten und auf­ge­ho­ben wer­den müss­ten. Die Krim-Anne­xi­on als An­lass er­wähnt sie nicht. Da­für un­ter­streicht sie, dass die Na­to­Staa­ten 13-mal mehr für Rüs­tung aus­gä­ben als Russ­land, dass die Na­to auf­ge­löst ge­hö­re und er­setzt durch ein Sys­tem „un­ter Ein­schluss Russ­lands“.

Es sind ori­gi­nel­le Ab­fol­gen von Fra­gen und Ant­wor­ten. Auf „Wird man wirk­lich ver­su­chen, die rus­si­schen Me­di­en mund­tot zu ma­chen?“kommt von Wa­genk­necht: „Ja, das muss man sich wirk­lich fra­gen.“Sie spricht da­von, dass ein Ein­fluss der USA auf eu­ro­päi­sche Me­di­en „be­leg­bar“sei. Ihr Be­leg: Es ge­be Jour­na­lis­ten, die auch Mit­glied der At­lan­tik-Brü­cke sei­en. Vor­sit­zen­der des Ver­eins zur Stär­kung der deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Freund­schaft ist der CDUPo­li­ti­ker Friedrich Merz. In den Gre­mi­en sind weit und breit kei­ne Ame­ri­ka­ner zu fin­den. Ob RT-Zu­schau­er das er­gän­zend selbst re­cher­chie­ren? Oder es auch bei der an­de­ren Wa­genk­nech­tFest­stel­lung be­las­sen, in Brüs­sel ge­be es „kei­ne funk­tio­nie­ren­de De­mo­kra­tie“? Das ist die Welt, die Men­schen bei Pe­gi­da-De­mons­tra­tio­nen zu neu­en For­de­run­gen bringt. Wie et­wa: „Pu­tin nach Ber­lin, Mer­kel nach Si­bi­ri­en.“

„Ziel der Des­in­for­ma­ti­on ist die Stär­kung ex­tre­mis­ti­scher Grup­pie­run­gen“

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