„Bis zum letz­ten Baum“

Im Ham­ba­cher Forst herrscht Aus­nah­me­zu­stand. Täg­lich pa­trouil­lie­ren Po­li­zis­ten, um RWE-Mit­ar­bei­ter vor Über­grif­fen von Ak­ti­vis­ten zu schüt­zen. Die­se wol­len die Ab­hol­zung für den Ta­ge­bau stop­pen. Wer sind sie?

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON EMI­LY SENF

AA­CHEN/DÜREN Beim The­ma Braun­koh­le ist Cl­um­sy auf dem Baum. Buch­stäb­lich und in schwin­del­er­re­gen­der Hö­he. Aus 16 Me­tern lässt der 28-Jäh­ri­ge ein schwar­zes Seil hin­ab, hakt sei­ne Ka­ra­bi­ner ein und saust nach un­ten. Häu­fig hat er die Stie­lei­che mit dem Na­men „Mo­na“in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten nicht ver­las­sen. Dort oben, in sei­nem selbst ge­bau­ten Baum­haus, fühlt er sich si­cher – ob­wohl um ihn her­um Ket­ten­sä­gen krei­schen und mit je­dem Tag nä­her her­an­rü­cken. Denn auf dem Baum ist Cl­um­sy – zu­min­dest der­zeit noch – un­er­reich­bar für die Po­li­zei.

Cl­um­sy ist ei­ner von rund 30 bis 40 Braun­koh­le-Geg­nern, die im und am Ham­ba­cher Forst (Kreis Düren und Rhein-Erft-Kreis) le­ben. Wie vie­le es tat­säch­lich sind, weiß nie­mand ge­nau. Die Fluk­tua­ti­on im Camp ist hoch. Man­che blei­ben ein paar Wo­chen, an­de­re Mo­na­te, und ei­ni­ge kom­men nur zur Ro­dungs­sai­son im Win­ter, um Bäu­me zu be­set­zen. Die Ak­ti­vis­ten stam­men aus ganz Deutsch­land, aber auch Ita­li­en, Spa­ni­en, Finn­land, Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich. Cl­um­sy, der an­ders heißt, ist aus Ös­ter­reich an­ge­reist, um ge­gen den Braun­koh­le­ta­ge­bauch des Ener­gie­un­ter­neh­mens RWE und die Ab­hol­zung zu de­mons­trie­ren. Mehr als vier Jah­re ist das in­zwi­schen her.

Der Weg zu Cl­um­sy und sei­ner Ei­che führt mit­ten durch das Un­ter­holz. We­ge gibt es hier nicht mehr. Ewas tie­fer im Wald tau­chen meh­re­re schwarz ver­mumm­te Per­so­nen auf. Man be­kommt ein mul­mi­ges Ge­fühl, zum Glück geht es in ei­ne an­de­re Rich­tung wei­ter. Die L 276, die ent­lang des Forsts zum Ta­ge­bau führt, ist längst au­ßer Sicht­wei­te. Dann liegt „Oak­town“vor uns – ei­ne An­samm­lung von fünf Baum­häu­sern, über Sei­le und Strick­lei­tern mit­ein­an­der ver­bun­den.

Dort lebt Cl­um­sy, blaue Au­gen, grü­ne Woll­müt­ze und Bun­des­wehr­par­ka. Der ehe­ma­li­ge Ret­tungs­sa­ni­tä­ter hat die ers­te Wald­be­set­zung im April 2012 er­lebt und die Räu­mung im dar­auf­fol­gen­den No­vem­ber. Bei der Er­in­ne­rung dar­an wird sei­ne Stim­me lei­ser. „Sie ha­ben uns mit He­be­büh­nen von den Bäu­men ge­holt“, sagt der jun­ge Mann und senkt den Blick. Da­bei hat er Er­fah­rung mit brenz­li­gen Si­tua­tio­nen: Zwölf­mal ist er als Ak­ti­vist fest­ge­nom­men wor­den, in Deutsch­land, in En­g­land und in Frank­reich. Zwei Mo­na­te saß er in Un­ter­su­chungs­haft, weil er sich bei Pro­tes­ten in der Lau­sitz an ein Gleis ge­ket­tet hat­te.

Mit den ge­walt­tä­ti­gen Über­grif­fen auf RWE-Mit­ar­bei­ter und Po­li­zis­ten will er nichts zu tun ha­ben: „Kein Le­be­we­sen soll zu Scha­den kom­men.“Au­ßer­dem: „Sie sind vie­le und ha­ben Waf­fen“, sagt er über die Po­li­zis­ten. Wenn mög­lich, ge­he er ih­nen aus dem Weg oder blei­be auf sei­nem Baum. Mo­men­tan sind die Ein­satz­kräf­te den gan­zen Tag vor Ort, fah­ren re­gel­mä­ßig mit ih­ren Bul­lis durch den Wald. Sie ha­ben die Ak­ti­vis­ten im Blick.

Das Camp der Braun­koh­le-Geg­ner ist zwei­ge­teilt. Das so­ge­nann­te Wie­sen­camp grenzt im Sü­den an das Wald­stück und dient als Ba­sis. Das Ge­län­de ist in Pri­vat­be­sitz. Der Ei­gen­tü­mer dul­det die Um­welt-Ak­ti­vis­ten. Auf dem schma­len Strei­fen, der in Rich­tung ei­nes Se­gel­flug­plat­zes führt, ha­ben die Be­woh­ner Hüt­ten aus Lehm ge­baut. Es gibt Wohn­wa­gen, ein Treib­haus, ei­ne Kü­che mit Kel­ler so­wie ei­nen Wasch­platz. Von dort ist es nicht weit nach „Oak­town“. Da­ne­ben gibt es „Gal­li­en“mit drei Baum­häu­sern und „Be­ach­town“mit vier. Wei­te­re ein­zel­ne Hüt­ten be­fin­den sich ir­gend­wo im Wald. Je­der der be­setz­ten Bäu­me trägt ei­nen ei­ge­nen Na­men.

Wie die Zu­kunft der Ak­ti­vis­ten aus­sieht, ist seit Mitt­woch un­ge­wis­ser denn je. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter hat ent­schie­den, dass das Camp il­le­gal ist. Es be­stä­tigt da­mit die Ent­schei­dung des Krei­ses, dass al­le Bau­ten auf dem Ak­ti­vist Tim Grund­stück ent­fernt wer­den müs­sen. Die im Grund­ge­setz ge­schütz­te Ver­samm­lungs­frei­heit wer­de nicht ver­letzt. RWE be­grüßt das Ur­teil. Al­lei­ne in die­sem Jahr hat der Kon­zern nach ei­ge­nen An­ga­ben über 130 Straf­ta­ten an­ge­zeigt. Es gab Brand­an­schlä­ge, Gleis­be­set­zun­gen, und rund 30 An­grif­fe auf Ar­bei­ter. In Bo­den­de­pots hat die Po­li­zei Bau­sät­ze für Mo­lo­tow-Cock­tails ge­fun­den. „Ei­ne zü­gi­ge Räu­mung wür­de die La­ge ent­span­nen“, sagt ein Un­ter­neh­mens­spre­cher. Ob und wann es da­zu kommt, ist noch un­klar. Es gel­te ab­zu­war­ten, bis das Ur­teil rechts­kräf­tig ist, sagt Land­rat Wolf­gang Spelt­hahn: „An­schlie­ßend wer­den wir das wei­te­re Vor­ge­hen in der Ver­wal­tung ab­stim­men.“Ei­ne Re­vi­si­on ist nicht zu­ge­las­sen, al­ler­dings ist da­ge­gen ei­ne Be­schwer­de mög­lich.

Bis da­hin bleibt die Po­li­zei vor Ort. „Un­se­re Auf­ga­be ist es, die Ar­bei­ter vor ge­walt­tä­ti­gen Über­grif­fen zu schüt­zen und Straf­ta­ten zu ver­fol­gen. Das wer­den wir wie bis­her kon­se­quent tun“, sag­te Aa­chens Po­li­zei­prä­si­dent Dirk Wein­s­pach.

Der Lärm der Ket­ten­sä­gen, die pa­trouil­lie­ren­den Po­li­zis­ten, das sei zer­mür­bend, sagt Tim. Auch er ist ein Ak­ti­vist – ein Wort, das für ei­ni­ge nicht weit ge­nug geht. Für sie sind es „Öko-Ter­ro­ris­ten“. Tim steht nie still, auf dem Bo­den fühlt er sich nicht si­cher. „Aber trotz­dem sind wir noch hier“, fügt er hin­zu, lä­chelt, sein oran­ge­far­be­ner Over­all leuch­tet zwi­schen den blät­ter­lo­sen Bäu­men. Es sei ein klei­ner Sieg er­run­gen, „je­des Mal, wenn die Ket­ten­sä­gen nicht lau­fen“. Auch wenn da­für Bar­ri­ka­den bren­nen, die die Cam­pBe­woh­ner er­rich­ten, um RWEFahr­zeu­ge zu stop­pen.

Die meis­ten Ak­ti­vis­ten ha­ben die Baum­häu­ser selbst ge­baut. Cl­um­sy hat­te ei­ne Aus­bil­dung zum Zim­mer­mann be­gon­nen, die Hand­grif­fe von da­mals sind noch prä­sent. Sechs Mo­na­te brauch­te er, um das Haus fer­tig­zu­stel­len. Nun ist es et­wa zehn Qua­drat­me­ter groß, hat Bal­kon so­wie ei­nen Heiz­o­fen und ei­ne Schlaf­ecke. Da­zu ist Platz für Was­ser­ka­nis­ter und Kon­ser­ven­do­sen. „Wenn nö­tig, kann ich drei bis vier Wo­chen hier oben blei­ben“, sagt Cl­um­sy. In Tims Baum­haus ne­ben­an lie­fert ei­ne Pho­to­vol­ta­ik­an­la­ge Strom für Licht, sei­nen Lap­top und ei­ne In­ter­net­an­ten­ne. Nur zum Du­schen ge­hen sie zu Be­kann­ten.

Die Be­woh­ner ver­eint der Um­welt­schutz, aber auch der Wunsch nach Grö­ße­rem. Ih­re Vor­stel­lun­gen sind so va­ge wie ver­mes­sen. Sie wol­len Gren­zen über­schrei­ten, so groß wie je­ne Be­we­gun­gen wer­den, die einst die Skla­ve­rei stürz­ten und das Frau­en­wahl­recht er­mög­lich­ten. So be­haup­tet es zu­min­dest Cl­um­sy. Doch die Ak­tio­nen müss­ten im­mer spek­ta­ku­lä­rer wer­den, um Ge­hör zu fin­den, meint Tim: „Zum Bei­spiel noch hö­her auf den Bag­ger klet­tern.“Ob denn dann auch ein St­ein flie­ge? „Je­der ent­schei­det sel­ber, wie er han­delt“, sagt Tim. Wer ist ver­ant­wort­lich für die Ge­walt? „Wenn nie­mand sagt, er war es, er­fährt man es nicht“, sagt Cl­um­sy. Er lässt sich durch das Ur­teil nicht ent­mu­ti­gen. „Wir ma­chen auf je­den Fall wei­ter – bis zum letz­ten Baum.“

„Es ist ein klei­ner Sieg er­run­gen, je­des Mal, wenn die Ket­ten­sä­gen nicht lau­fen“

FO­TOS (2): ANDRE­AS BRETZ

Tim ist ei­ner der Ak­ti­vis­ten im Ham­ba­cher Forst. Das Pla­kat an sei­nem Baum­haus macht deut­lich, was er sich zum Ziel ge­setzt hat.

FO­TO: G. FEKETE/R-MEDIABASE

Auf der Stie­lei­che Mo­na hat sich Cl­um­sy ein Baum­haus ge­baut. Mit ei­nem Ofen hält er sich im Win­ter warm.

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