Die kon­ser­va­ti­ven Re­bel­len

Die De­bat­te um die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft wird die CDU noch län­ger be­schäf­ti­gen. Sie ist ein Keil zwi­schen Mer­kel und der Ba­sis.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

BER­LIN Das über­ra­schen­de En­de des CDU-Par­tei­tags von Es­sen, bei dem An­ge­la Mer­kel und ei­ne Mehr­heit der De­le­gier­ten im Streit aus­ein­an­der­gin­gen, hat ges­tern Nach­be­ben aus­ge­löst. In der CDU hat sich ei­ne Re­vo­lu­ti­on hin zu mehr CDU pur in Gang ge­setzt. Es ist ei­ne Ge­gen­be­we­gung zur CDU der ver­gan­ge­nen Jah­re. Und es ist ei­ne Be­we­gung, die der Kanz­le­rin und Par­tei­che­fin ge­fähr­lich wer­den kann.

An­ge­führt wird die­se Re­vo­lu­ti­on von Prä­si­di­ums­mit­glied Jens Spahn und sei­nen Ver­bün­de­ten bei der Jun­gen Uni­on. Spahn ge­hört zur Par­tei­füh­rung – beim Par­tei­tag saß er in der An­trags­kom­mis­si­on –, und Teil der Re­gie­rung ist er als Fi­nan­zstaats­se­kre­tär obend­rein. In Mer­kels Um­feld nimmt man es ihm äu­ßerst übel, dass er als ein­fluss­rei­cher Funk­ti­ons­trä­ger den Be­schluss ge­gen die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft wort­reich un­ter­stützt und die knap­pe Ent­schei­dung da­mit wahr­schein­lich auch her­bei­ge­führt hat.

Doch ei­ne Schwal­be macht noch kei­nen Som­mer und ein Spahn noch kei­ne CDU-Re­vo­lu­ti­on. Viel­mehr hat er ei­ne Stim­mung auf­ge­grif­fen, die in der Par­tei schon län­ger und seit der Flücht­lings­kri­se be­son­ders ver­brei­tet ist.

Auch die stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den Ju­lia Klöck­ner und Tho­mas Strobl set­zen sich im­mer wie­der in­halt­lich von der Kanz­le­rin ab, al­ler­dings oh­ne da­bei of­fen il­loy­al zu sein. So ju­bi­lier­te Klöck­ner beim Par­tei­tag, al­le ih­re „A2“-Vor­schlä­ge zur Flücht­lings­po­li­tik stün­den im Leit­an­trag. Als sie zu Be­ginn des Jah­res in Rhein­land-Pfalz ih­ren Wahl­kampf führ­te, war das die Zeit, in der Mer­kel im­mer nach ei­nem Plan B in der Flücht­lings­kri­se ge­fragt wur­de. Die Wahl­kämp­fe­rin Klöck­ner, die so ger­ne ei­nen Plan B ge­habt hät­te, leg­te je­nen „Plan A2“vor, der viel­fach als Al­ter­na­ti­ve zu Mer­kels Po­li­tik ge­deu­tet wur­de.

Par­tei­vi­ze Strobl pro­fi­lier­te sich kurz vor dem Par­tei­tag mit neu­en Vor­stö­ßen zur Ab­schie­bung, als der Leit­an­trag längst ge­schrie­ben war. Sei­ne For­de­run­gen wur­den noch hek­tisch ein­ge­ar­bei­tet. Strobl konn­te sich durch­set­zen, weil auch dem Rest der Par­tei­füh­rung klar war, dass die De­le­gier­ten nach ei­ner schär­fe­ren In­nen­po­li­tik lech­zen.

Strobl ist der Schwie­ger­sohn von Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le, der in der CDU-Re­vo­lu­ti­on ei­ne we­ni­ger durch­schau­ba­re Rol­le spielt. Nun ist Schäu­b­le viel zu schlau und viel zu er­fah­ren, sich bei Il­loya­li­tä­ten ge­gen die Kanz­le­rin er­wi­schen zu las­sen. Er kommt aber auch nicht auf die Idee, sei­nen Staats­se­kre­tär Spahn zur Mä­ßi­gung zu mah­nen. Nach den Nach­wuchs­ta­len­ten in der CDU ge­fragt, nennt er die­sen viel­mehr an ers­ter Stel­le. Mit ei­nem Glas Rot­wein auf dem Tisch spricht Schäu­b­le ge­le­gent­lich auch über Mer­kels Schwä­chen und kri­ti­siert ih­ren Stil, wie sie die Par­tei führt.

Of­fe­ne Kri­tik an Mer­kel war bis­lang ei­ne Rand­sport­art in der CDU. Trotz des be­gin­nen­den Wahl­kampfs be­kommt sie nun Zu­lauf. Vie­le Par­tei­tags­de­le­gier­te nah­men der Che­fin übel, dass sie den Be­schluss zur Ab­schaf­fung der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft vor lau­fen­den Ka­me­ras qua­si wie­der kas­sier­te. „Ich ken­ne kei­nen Kreis­vor­sit­zen­den, der den Be­schluss des ei­ge­nen Kreis­par­tei­tags an­schlie­ßend als falsch be­zeich­net“, gif­te­te der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und In­nen-Ex­per­te Ar­min Schus­ter ges­tern.

Die Front­stel­lung zwi­schen Par­tei und Par­tei­che­fin ist seit 2007 lo­cker in­sti­tu­tio­na­li­siert im „Ber­li­ner Kreis“, der sich rund um den da­ma­li­gen hes­si­schen Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Chris­te­an Wa­gner bil­de­te. Die Mit­glied­schaft ist nicht for­ma­li­siert und un­ter­liegt dem Wech­sel. Zwi­schen­zeit­li­che Ak­teu­re wie der thü­rin­gi­sche Frak­ti­ons­chef Mi­ke Mohring oder der in­zwi­schen ver­stor­be­ne Au­ßen­ex­per­te Philipp Miß­fel­der sag­ten sich wie­der los. Die Füh­rung der Uni­ons­frak­ti­on hat­te Druck aus­ge­übt. Sie wünsch­te kei­ne ei­ge­nen welt­an­schau­li­chen Zir­kel als Fremd­kör­per in der Par­tei. Zu Ge­sprächs­run­den fan­den sich die Re­bel­len, die sich im Ge­gen­satz zum Main­stream der Par­tei wahr­neh­men, den­noch wei­ter zu­sam­men.

Von Zeit zu Zeit mel­det sich der Kreis mit Stel­lung­nah­men wei­ter­hin zu Wort. Meist mahnt er ein deut­lich kon­ser­va­ti­ve­res Pro­fil der CDU an. Die Schlag­zahl er­höh­te er mit der Flücht­lings­dy­na­mik. Zu den her­aus­ra­gen­den Ak­tiv­pos­ten des „Ber­li­ner Krei­ses“zählt Wolf­gang Bos­bach. Er kann aber auch als Ein­zel­ner und un­ab­hän­gig von sei­nen Ver­bün­de­ten mit sei­ner Kri­tik am Kurs der Kanz­le­rin in Talk­shows und In­ter­views auf sei­ne Po­si­ti­on auf­merk­sam ma­chen.

Der Streit um den Dop­pel­pass wird die CDU noch län­ger be­schäf­ti­gen. Dass Mer­kel die Ent­schei­dung ih­res Par­tei­tags nicht in Re­gie­rungs­han­deln um­set­zen kann, über­rascht nicht. Sie muss sich an den Ko­ali­ti­ons­ver­trag hal­ten. Doch der CDU steht die De­bat­te ins Haus, ob die For­de­rung nach der Ab­schaf­fung der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft im Wahl­pro­gramm ver­an­kert und Teil des Wahl­kampfs wer­den soll. Mer­kel hat das be­reits ab­ge­lehnt. Noch be­vor sie ih­re ent­spre­chen­den Fern­seh­in­ter­views am Ran­de des Par­tei­tags gab, hat­te sich Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der da­für durch­aus of­fen ge­zeigt.

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