Als Hel­mut Kohl sei­nen Par­tei­tag ver­wirr­te

Es be­kommt den Re­gie­ren­den sel­ten gut, wenn sie sich ge­gen die Ba­sis stel­len. Denn dann ist es mit dem Rück­halt oft schnell vor­bei.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

BER­LIN Seit dem 15. Ok­to­ber 1997 weiß man in der CDU, dass drei Se­kun­den nach ei­nem Par­tei­tag mit­un­ter wich­ti­ger wer­den kön­nen als das gan­ze De­le­gier­ten­tref­fen zu­vor. Müh­sam zu­nächst und dann mit en­er­gi­schen Treu­e­be­kun­dun­gen hat­te die CDU die „An­re­gung“des da­ma­li­gen Jun­ge-Uni­on-Vor­sit­zen­den Klaus Escher ka­na­li­siert, Hel­mut Kohl mö­ge nach der Bun­des­tags­wahl ein Jahr spä­ter als Par­tei- chef zu­rück­tre­ten. Als Kohl dann auch noch ei­ne nach­denk­li­che – für man­che auch mü­de – Re­de hielt, sein Frak­ti­ons­chef Wolf­gang Schäu­b­le da­ge­gen re­form­freu­dig und ta­ten­durs­tig den Par­tei­tag zu Be­geis­te­rungs­stür­men brach­te, war die Fra­ge plötz­lich wie­der of­fen.

Und was mach­te Kohl, als sich die Emo­tio­nen ge­legt und die De­le­gier­ten den Heim­weg an­ge­tre­ten hat­ten? Sag­te den me­dia­le Be­ben aus­lö­sen­den Satz: „Ich wün­sche mir, dass Wolf­gang Schäu­b­le ein­mal Kanz­ler wird.“Ta­ge­lang schos­sen die Spe­ku­la­tio­nen ins Kraut. Dann stell­te Kohl klar, dass er 1998 er­neut an­tre­ten wer­de und bis 2002 zu re­gie­ren ge­den­ke. Auch die­se von ihm selbst aus­ge­lös­te und dann wie­der aus­ge­tre­te­ne Er­neue­rungs­stim­mung trug da­zu bei, dass Kohl we­gen des „16 Jah­re sind ge­nug“-Ef­fekts die fol­gen­de Wahl ver­lor.

Das muss auch An­ge­la Mer­kel wis­sen, die da­mals Kohls Stell­ver­tre­te­rin an der Par­tei­spit­ze war. Und sie kann nach­le­sen, was aus Re­gie- ren­den wird, die das Miss­trau­en ge­gen­über ih­rer ei­ge­nen Par­tei zu Pro­to­koll ge­ben und den Rück­halt ver­lie­ren. So sprach der da­ma­li­ge Fi­nanz- und Wirt­schafts­mi­nis­ter Karl Schil­ler bei ei­nem SPD-Par­tei­tag im No­vem­ber 1971 in Bonn die le­gen­dä­ren Wor­te: „Ge­nos­sen, lasst die Tas­sen im Schrank.“Er mein­te die For­de­rung, die Kör­per­schaft­steu­er von 51 auf 58 Pro­zent zu er­hö­hen. Wi­der­wil­lig ver­zich­te­te der Par­tei­tag zwar auf die Ma­xi­mal­for­de­rung, mach­te Schil­ler an vie­len an­de­ren Punk­ten je­doch das Le­ben der­art schwer, dass die­ser im fol­gen­den Jahr re­si­gniert ab­trat.

Der Klas­si­ker des Kanz­lers im Kon­flikt mit der ei­ge­nen Par­tei ist Hel­mut Schmidt. Er spür­te An­fang 1982, dass die FDP ei­nen Vor­wand zum Aus­stieg aus der so­zi­al­li­be­ra­len Ko­ali­ti­on such­te. Nach ei­nem ers­ten schar­fen Aus­bruch beim Münch­ner SPD-Par­tei­tag 1982 ent­schul­dig­te er sich tags dar­auf bei den „se­riö­sen Wort­füh­rern“der Frie­dens­be­we­gung – und be­kam bei der von ihm ein­ge­fä­del­ten Na­to-Nach­rüs­tung noch ein letz­tes Mal kei­ne Pro­ble­me mit sei­nen Ge­nos­sen. Doch den Par­tei­tags­be­schluss mit Steu­er­er­hö­hun­gen und Son­der­ab­ga­ben ver­moch­te er nicht zu ver­hin­dern. So­gleich ließ er den Ko­ali­ti­ons­part­ner wis­sen, dass dies nur der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Po­si­ti­ons­be­stim­mung die­ne und er kei­ne Il­lu­si­on über die Um­setz­bar­keit in der Ko­ali­ti­on ha­be. Die FDP nann­te es gleich­wohl ir­ri­tie­rend – im Herbst war Schmidts Kanz­ler­schaft vor­bei.

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