„Die AfD kann die SPD über­ho­len“

Gro­ße Tei­le der Be­völ­ke­rung sä­hen sich als Au­ßen­sei­ter im ei­ge­nen Land, sagt der Chef des Köl­ner For­schungs­in­sti­tuts „Rhein­gold“.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - REIN­HARD KOWALEWSKY FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

Herr Grünewald, am Wo­che­n­en­de ist die Ver­fas­sungs­re­form in Ita­li­en ge­schei­tert, Do­nald Trump wird USPrä­si­dent. Steht auch in Deutsch­land ei­ne po­pu­lis­ti­sche Re­vol­te be­vor? GRÜNEWALD Ich hal­te es für denk­bar, dass die AfD bei der Bun­des­tags­wahl nur sehr knapp hin­ter der SPD lan­det oder sie so­gar über­holt. Der Grund ist, dass Tei­le der Be­völ­ke­rung sich ins­ge­samt nicht aus­rei­chend wert­ge­schätzt füh­len. Das zei­gen seit Jah­ren Tie­fen­in­ter­views von uns. Die­se Bür­ger füh­len sich fremd im ei­ge­nen Land und in ih­ren Ge­füh­len nicht an­ge­nom­men. Das kann ei­ne Par­tei auf­grei­fen, die den Men­schen ver­spricht, ge­se­hen zu wer­den und Macht und Stär­ke wie­der­zu­er­lan­gen. Trumps Er­folg be­stärkt die­sen Trend. Wie wird die Land­tags­wahl im Mai aus­ge­hen? GRÜNEWALD Ich glau­be, Han­ne­lo­re Kraft pro­fi­tiert ins­ge­samt von ih­rem Ruf als Lan­des­mut­ter und als Küm­me­rin. Falls die Wahl al­so über­wie­gend als Land­tags­wahl ge­se­hen wird, könn­te das der SPD hel­fen und sie halb­wegs sta­bi­li­sie­ren. Je mehr Bür­ger aber die­se Ab­stim­mung als Mög­lich­keit se­hen, es „de­nen da oben“so rich­tig zu zei­gen, um­so stär­ker wird die AfD. Dann wird die NRW-Wahl zur Pro­test­wahl ge­gen Ber­lin und die Eli­ten, und die AfD lan­det bei 15 Pro­zent oder mehr. Was hat sich im Welt­bild der Bür­ger grund­sätz­lich ge­än­dert? GRÜNEWALD Vor dem Fall der Mau­er konn­ten die Men­schen sich an den je­wei­li­gen Welt­bil­dern der Par­tei­en gut ori­en­tie­ren – jetzt ha­ben sich die pro­gram­ma­ti­schen Ori­en­tie­run­gen weit­ge­hend auf­ge­löst. Vie­le Men­schen emp­fin­den ak­tu­el­le Po­li­tik nur noch als dif­fu­sen Brei. Doch weil sie eben wei­ter­hin Ori­en­tie­rung brau­chen, fin­den ein­fa­che Er­klä­rungs­mus­ter viel An­klang: Die Glo­ba­li­sie­rung ist an al­lem schuld. We­gen der Flücht­lin­ge hat der Staat we­ni­ger Geld für ein­fa­che Leu­te. Deutsch­land ist ei­nes der wohl­ha­bends­ten Län­der der Welt. GRÜNEWALD Aber gro­ße Tei­le der Be­völ­ke­rung se­hen sich öko­no­misch und kul­tu­rell als Au­ßen­sei­ter im ei­ge­nen Land. In den 70er Jah­ren war es auch bei vie­len Aka­de­mi­kern Kon­sens, sich für die ein­fa­che­ren Leu­te ein­zu­set­zen, jetzt do­mi­niert die Ab­gren­zung: Wer kein Stu­di­um oder Abitur hat, ist fast schon Un­ter­klas­se, wer Pri­vat­fern­se­hen schaut, eben­falls, in der „Heu­te-Show“wer­den al­le Dum­men, Rech­ten, Ost­ler, Nicht­wäh­ler ab­ge­watscht. Das hat Ohn­machts­ge­füh­le auf­ge­baut, die zur zeit­wei­sen Wahl­ver­wei­ge­rung führ­ten und nun zur Pro­test­wahl. Die SPD nennt die Grü­nen als Wunsch­part­ner. GRÜNEWALD Um er­folg­reich zu sein, muss die SPD sich zu ih­ren Kern­wer­ten be­ken­nen: Ge­rech­tig­keit, Brü­der­lich­keit, ge­sell­schaft­li­cher Auf­bruch. Das be­deu­tet aber auch, sich kla­rer von den Grü­nen zu dis­tan­zie­ren. Die gel­ten oft als be­vor­mun­dend und völ­lig ab­ge­ho­ben von klei­nen Leu­ten. Wel­che Rol­le spielt die Flücht­lings­dis­kus­si­on? GRÜNEWALD Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel hat­te lan­ge Zeit viel Un­ter­stüt­zung, weil sie als Ga­rant von Sta­bi­li­tät galt, für ei­ne Welt der si­che­ren Ge­gen­wart. Wenn sie ih­re Hän­de als Rau­te hielt, war dies das Sym­bol der Um­he­gung Deutsch­lands, Mut­ter Mer­kel al­so. Doch mit der Öff­nung der Gren­ze hat sich ihr Bild völ­lig ver­än­dert: Statt als Schutz­hei­li­ge der hei­mi­schen Be­völ­ke­rung wird sie auf ein­mal als Will­kom­men­sen­gel für Zu­wan­de­rer ge­se- hen. Man­che Men­schen sind tief ge­kränkt. Sie fra­gen sich, wen Mut­ter Mer­kel ei­gent­lich mehr liebt – die ei­ge­nen oder die frem­den Kin­der. Nun tritt Mer­kel er­neut als Kan­di­da­tin an. Was muss sie än­dern? GRÜNEWALD Ih­re Aus­sa­ge „Wir schaf­fen das“war viel zu dif­fus und dar­um nicht ge­mein­schafts­stif­tend. Die Men­schen wol­len wis­sen, was ge­nau ge­schafft wer­den soll und wo und wie sie mit­wir­ken kön­nen. Al­so muss die Kanz­le­rin ih­re Po­li­tik bes­ser er­klä­ren und sehr viel deut­li­cher sa­gen, wie es wei­ter­geht. Und sie muss auch nach­träg­lich er­läu- tern, war­um die Öff­nung der Gren­zen zeit­wei­se viel­leicht un­ver­meid­bar war, aber dass sich die Flücht­lings­po­li­tik nun ja auch mas­siv än­dert. Die Kanz­le­rin hat ih­re neue Kan­di­da­tur oh­ne je­de Pro­gram­ma­tik ver­kün­det. Schlau? GRÜNEWALD Nein, sie muss nach­ar­bei­ten. Die Par­tei­en müs­sen den Men­schen sa­gen, wo die Rei­se hin­ge­hen soll. Sie soll­ten Vi­sio­nen ent­wer­fen, Plä­ne er­läu­tern und dann die Men­schen da­für be­geis­tern. So lässt sich auch dem Ge­fühl vie­ler Men­schen be­geg­nen, die sich als hei­mat­los, wir­kungs­los und be­deu­tungs­los er­le­ben. Wenn die Men­schen kei­ne Vi­si­on von ei­ner Zu­kunft ha­ben, ist die Ge­fahr groß, dass sie ihr Heil in ei­ner Rol­le rück­wärts, in ei­ner ver­meint­lich bes­se­ren Ver­gan­gen­heit su­chen. Wel­che Rol­le hat­ten die Sil­ves­te­rer­eig­nis­se in Köln? GRÜNEWALD Ei­ner­seits ha­ben die mas­sen­haf­ten Straf­ta­ten die Be­fürch­tung vie­ler Geg­ner der Flücht­lings­po­li­tik be­stä­tigt, dass da nicht Op­fer, son­dern po­ten­zi­el­le Tä­ter ins Land kom­men. Die­se Be­fürch­tung grün­det sich auch dar­in, dass ei­ne eher ri­si­ko­scheue Ge­sell­schaft mit ei­ner Voll­kas­ko-Men­ta­li­tät auf ein­mal auf Flücht­lin­ge trifft, die be­reit sind, to­des­mu­tig un­er­mess­li­che Ri­si­ken auf sich zu neh­men, um ih­re Le­bens­ver­hält­nis­se zu ver­bes­sern. Und an­de­rer­seits? GRÜNEWALD Die Be­völ­ke­rung und die Par­tei­en sind längst nicht mehr so ge­spal­ten über die Flücht­lings­po­li­tik, wie vor­her. Selbst die eu­pho­rischs­ten Will­kom­mens­ro­man­ti­ker müs­sen sich jetzt ein­ge­ste­hen, dass die In­te­gra­ti­on ei­ne rie­si­ge Her­aus­for­de­rung ist. Es wird in­zwi­schen rea­lis­ti­scher über die Auf­ga­ben dis­ku­tiert, die es zu meis­tern gilt: in­ne­re Si­cher­heit, Woh­nungs­bau, Bil­dung. Wie se­hen Sie als Psy­cho­lo­ge die ak­tu­el­le Ren­ten­de­bat­te? GRÜNEWALD Für gro­ße Tei­le der Be­völ­ke­rung ist der Ge­dan­ke, im Al­ter zum So­zi­al­amt ge­hen zu müs­sen, zu­tiefst de­mü­ti­gend. Sie wol­len ih­re Le­bens­leis­tung an­er­kannt wis­sen. Im­mer­hin ha­be es auch ge­nug Geld ge­ge­ben, um den Ban­ken zu hel­fen und sich nun um Zu­wan­de­rer zu küm­mern. An­ge­sichts die­ser Stim­mung ist un­ver­meid­bar, dass die Po­li­tik den Men­schen lang­fris­ti­ge Ga­ran­ti­en für ihr Al­ter ge­ben muss. Sonst füh­len sie sich al­lein­ge­las­sen von der Po­li­tik. Und wie fin­den Sie es, dass die Grü­nen nun ei­ne Ver­mö­gens­steu­er für Rei­che for­dern? GRÜNEWALD Ein rich­ti­ger Schritt, denn die Grü­nen ha­ben lan­ge zu aus­schließ­lich ei­ne öko­lo­gi­sche Ver­nunft-As­ke­se ge­pre­digt. Ich glau­be, der Ein­satz für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Kli­ma­wan­del in Sa­chen so­zia­ler Ge­rech­tig­keit könn­te in Deutsch­land vie­le An­hän­ger ha­ben.

FO­TO: RHEIN­GOLD

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