Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ma­ri­na setz­te sich auf Jo­nas’ Schoß und leg­te den Arm um sei­ne Schul­tern. So blieb sie ei­ne gan­ze Wei­le, stumm. Bis sie sag­te: „Jo­nas, ich ha­be Angst.“

An Max’ Bü­ro­tür kleb­te ein neu­er Zet­tel: „Put­ze­qui­pe: Nichts an­rüh­ren!! Nur Pa­pier­korb und Aschen­be­cher lee­ren!!“

Drin­nen sah es aus, als wä­re sein Wunsch er­füllt wor­den. Die Pa­pier­stö­ße la­gen an ih­rem al­ten Ort, sie wa­ren höchs­tens et­was ge­wach­sen. Noch im­mer konn­te man nur auf ei­nem schma­len Pfad zwi­schen ei­nem Ge­misch aus Ab­fall und Un­ter­la­gen zum Schreib­tisch und zum Be­su­cher­stuhl ge­lan­gen. Die Luft kam ihm noch di­cker vor, und Max Gant­mann auch.

„Schon zu­rück?“, wun­der­te sich Max. „Woll­test du nicht län­ger blei­ben?“

„Um ein Haar wä­re ich für im­mer ge­blie­ben.“Jo­nas er­zähl­te, was vor­ge­fal­len war.

Max hör­te auf­merk­sam zu und be­weg­te sich nur, um sei­ne Zi­ga­ret­te aus­zu­drü­cken und ei­ne neue an­zu­zün­den. Als Jo­nas ge­en­det hat­te, sag­te er: „Ich ha­be dich ge­warnt.“

„Viel­leicht war ich des­halb et­was vor­sich­ti­ger. Dan­ke für den An­ruf.“

„Gern ge­sche­hen. Ge­schah auf Kos­ten des Fern­se­hens.“

„Glaubst du, das wa­ren die von der GCBS?“„Du nicht?“„Ir­gend­wie kann ich es noch im­mer nicht glau­ben, dass die so weit ge­hen.“

„Wenn das stimmt, was ich her­aus­ge­fun­den ha­be, ge­hen die noch wei­ter.“

„Was hast du her­aus­ge­fun­den?“– „Mög­li­cher­wei­se hat Con­ti­ni ei­nen bis zu zwei­stel­li­gen Mil­li­ar­den­be- trag ver­zockt.“– „Wow! Wie das?“– „Das weiß ich noch nicht ge­nau. Mit ir­gend­wel­chen rus­si­schen Spe­ku­la­tio­nen.“„Und kei­ner hat es ge­merkt?“„Of­fen­bar hat er den Ver­lust mit fik­ti­ven De­ri­va­ten neu­tra­li­siert.“„Bahn­hof.“„Er mach­te mit De­ri­va­ten fik­ti­ve Ge­win­ne, die die ef­fek­ti­ven Ver­lus­te mit den rus­si­schen Pa­pie­ren wett­ma­chen. Und jetzt kommt’s: Die Bank treibt das Spiel wei­ter. Und war­um?“

Jo­nas hielt die Fra­ge zu Recht für ei­ne rhe­to­ri­sche und ant­wor­te­te nicht.

Max fuhr fort: „Weil ein Ver­lust zwi­schen zehn und zwan­zig Mil­li­ar­den ei­ne Dy­na­mik aus­lö­sen wür­de, die ihr das Ge­nick brä­che.“

„Ach was, dann ret­tet Staat, wie ge­habt.“

„Und ge­ra­de weil wir es schon mal hat­ten, wird der Staat sie nicht ret­ten. Kein Po­li­ti­ker wird sich die Fin­ger dar­an ver­bren­nen wol­len. Der Staat wür­de sie fal­len­las­sen, dar­auf kannst du Gift neh­men.“

„Ich dach­te, die Ban­ken hät­ten jetzt ein bes­se­res Ei­gen­ka­pi­tal­pols­ter. Ei­nen sol­chen Ver­lust ste­cken die doch weg.“

Max’ La­chen ging in ei­nen Hus­ten­an­fall über, den er, oh­ne die Zi­ga­ret­te aus dem Mund zu neh­men, über­stand. Er klopf­te sich pro for­ma die Asche von der schwar­zen Wes­te und fuhr fort:

„Weißt du, wie viel Pro­zent der Bi­lanz­sum­me die Ei­gen­mit­tel­quo­te der GCBS bei Aus­bruch der Fi­nanz­kri­se be­trug? Eins Kom­ma vier Pro­zent! Mit so we­nig Ei­gen­ka­pi­tal wür­de un­ser­eins von kei­ner Bank ei­ne Hy­po­thek be­kom­men.“

Max hat­te sich jetzt in Feu­er ge­re­det. – „Weißt du, dass bei der letz­ten Fi­nanz­kri­se ein we­sent­li­cher Teil sie der der ri­si­ko­ge­wich­te­ten Ak­ti­ven ge­wis­ser in­ter­na­tio­na­ler Groß­ban­ken aus so­ge­nann­ten Sub­pri­me-Pa­pie­ren be­stand? Dass die­se teil­wei­se so­gar die har­ten Ei­gen­mit­tel über­stie­gen? Sub­pri­me-Pa­pie­re! Ei­ne Art Wert­pa­pie­re aus ei­nem Cock­tail aus Hy­po­the­ken ei­ni­ger sol­ven­ter Schuld­ner und vie­ler an­de­rer, die ih­re Zin­sen kaum auf­brin­gen. Und die­se Pa­pie­re wur­den von den in­ter­nen Ri­si­ko­mo­del­len gleich hoch ein­ge­stuft wie zum Bei­spiel so si­che­re Wer­te wie Staats­an­lei­hen der USA! So ha­ben sie sich und uns an den Rand des Ruins ma­nö­vriert.“

„Aber heu­te müs­sen die Ban­ken doch ei­ne hö­he­re Ei­gen­mit­tel­quo­te ha­ben“, wand­te Jo­nas ein.

Max grins­te. „Vier Pro­zent. Die GCBS müss­te ein Kern­ka­pi­tal von min­des­tens drei­ßig Mil­li­ar­den ha­ben. Stell dir vor, es kommt zu ei­ner Im­mo­bi­li­en­kri­se – kei­nes­wegs ein un­vor­stell­ba­res Sze­na­rio – und bei ei­nem Ab­schrei­ber von fünf­zehn bis zwan­zig Pro­zent ih­res Hy­po­the­kar­p­orte­feuilles wä­re schon das ge­sam­te Kern­ka­pi­tal futsch.“

Max blick­te Jo­nas her­aus­for­dernd an, als er­war­te er Wi­der­spruch. Als die­ser aus­blieb, fuhr er fort:

„Weißt du, dass es Groß­ban­ken gibt, die sich mit der rech­ten Hand von In­ves­to­ren Geld zur Auf­sto­ckung ih­res Ei­gen­ka­pi­tals ge­ben las­sen, un­ter der Be­din­gung, dass sie mit der lin­ken dem­sel­ben In­ves­tor den glei­chen Be­trag als Kre­dit zur Ver­fü­gung stel­len?“

„Wie­so er­fährt die Öf­fent­lich­keit nichts da­von?“

„Weil es die wür­de.“

Max schlug sich mit der Hand ge­gen die Stirn und brüll­te: „Glaubst du das?“Wie­der ging der Auf­schrei in ei­nen Hus­ten­an­fall über. – Als er vor­bei war, sag­te Max ganz ru­hig: Kri­se ver­schär­fen „Des­halb ist die GCBS ge­fähr­lich wie ein an­ge­schos­se­ner Grizz­ly.“Er steck­te sich ei­ne neue Zi­ga­ret­te am Stum­mel der al­ten an.

Jo­nas frag­te: „Was rätst du mir: Mon­te­cris­to oder Con­ti­ni?“

Max stieß ei­nen Rauch­strahl ge­gen die De­cke. „Du meinst: Ob du für oder ge­gen die GCBS ar­bei­ten sollst? Für mich wä­re die Sa­che klar. Aber du musst dich selbst ent­schei­den. Viel­leicht gehst du zu­rück ins Leu­te-Bu­si­ness. We­ni­ger heiß.“

Am Abend traf er sich mit Ma­ri­na in der Lo­so­ne Bar, ei­nem et­was alt­mo­di­schen Lo­kal im Nie­der­dorf mit ei­ner Ju­ke­box vol­ler mu­si­ka­li­scher Ra­ri­tä­ten und Wän­den, die mit Tes­si­ner Sze­nen be­malt wa­ren.

Die gro­ße Zeit des Lo­so­ne be­gann kurz vor Mit­ter­nacht. Jetzt, vor der Hap­py Hour kurz vor fünf, war nicht viel Be­trieb. Ma­ri­na hat­te ei­nen Event, von dem sie erst spät nach Hau­se kom­men wür­de. Sie tra­fen sich hier, be­vor es für sie los­ging. Sie woll­te nicht so lan­ge dar­auf war­ten zu er­fah­ren, was Max ihm ge­ra­ten hat­te.

Der Event fand am Ran­de ei­nes Balls statt, und Ma­ri­na war ent­spre­chend ge­klei­det: Sie trug ein bo­den­lan­ges aus­ge­schnit­te­nes trä­ger­lo­ses Kleid und reich­lich Ma­ke-up und er­reg­te bei den we­ni­gen Gäs­ten viel Auf­se­hen.

„Ar­beits­klei­dung“, sag­te sie, als sie sich von ihm aus dem Man­tel hel­fen ließ. Jo­nas war ein biss­chen stolz auf sie. Er trank ein Bier, Ma­ri­na Mi­ne­ral­was­ser. Bei ei­nem Event, hat­te sie ge­sagt, sol­len die Gäs­te be­trun­ken sein, nicht die Or­ga­ni­sa­to­ren. Jo­nas hat­te ihr er­klärt, um wie viel es bei der Bank ge­hen könn­te, und dass Max sie als ge­fähr­lich wie ein an­ge­schos­se­ner Grizz­ly be­zeich­net hat­te. (Fort­set­zung folgt)

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