Die gel­be Wand

Ver­tei­di­ger So­kra­tis ist der An­ti-Typ zu den Künst­lern im Dort­mun­der Team. Aber er ist min­des­tens so wich­tig.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

DORT­MUND Noch ist So­kra­tis Pa­past­ha­tho­pou­los ein jun­ger Mensch von 28 Jah­ren. Viel­leicht aber wird er ei­nes Ta­ges ein Groß­va­ter sein, der den En­keln an lan­gen Aben­den von den gro­ßen Fuß­ball­zei­ten er­zählt. Dann wird er sich be­stimmt noch dar­an er­in­nern, wie es kam, dass er bei Bo­rus­sia Dort­mund ein rich­ti­ger Star wur­de. Das war näm­lich im Ju­li 2015. Der BVB trai­nier­te im Schwei­zer Ku­r­ort Bad Ra­gaz für die neue Sai­son. Und vor den stau­nen­den Fans, die je­den Tag zu Hun­der­ten die Übungs­ein­hei­ten be­such­ten, grätsch­te sich der Grie­che tief ins Herz sei­nes neu­en Trai­ners. Kein Trai­nings­spiel gab er ver­lo­ren, kei­nen Zwei­kampf fand er aus­sichts­los. „Er ist fast ein biss­chen be­ses­sen vom Ver­tei­di­gen“, sag­te der neue Coach. „Pa­pa“, wie ihn die Kol­le­gen nen­nen, wur­de zur fes­ten Grö­ße in der Dort­mun­der Ver­tei­di­gung.

Mit­ten in ei­nem Team von fuß­bal­le­ri­schen Fein­geis­tern steht er seit­her wie ein Fels oder wie die be­rühm­te gel­be Wand im ei­ge­nen Sta­di­on, wo die treu­es­ten Fans auf Eu­ro­pas größ­ter Steh­tri­bü­ne ste­hen. Auch beim 2:2 im Cham­pi­ons-Le­ague-Spiel bei Re­al Ma­drid war das so. So­kra­tis – so steht’s auf dem Tri­kot, weil sich die Be­flo­cker mit Pa­past­ha­tho­pou­los ver­mut­lich um den Ver­stand dru­cken wür­den – trug maß­geb­lich zum ers­ten Platz in der Grup­pe bei.

Es war wie so oft bei Auf­trit­ten der Dort­mun­der. Rings um So­kra­tis wur­de teil­wei­se be­tö­rend kom­bi­niert, aber wenn es um den fuß­bal­le­ri­schen Ernst ging, dann war der Grie­che die her­aus­ra­gen­de Fi­gur auf dem Platz. An dem Bro­cken in der BVB-De­fen­si­ve prall­te so man­cher Geg­ner ab. Und weil Zwei­kämp­fe mit dem Ver­tei­di­ger in der Re­gel nicht oh­ne Schmer­zen ab­ge­hen, über­leg­ten es sich sei­ne Ge­gen­spie­ler beim nächs­ten Dribb­ling, ob sie den Kör­per­kon­takt ris­kie­ren soll­ten. „Pa­pa ist ein ech­ter Mann, er spielt Män­ner­fuß­ball“, er­klär­te Tu­chel.

So ei­nen Kerl braucht ei­ne Spit­zen­mann­schaft – vor al­lem, wenn ihr Ge­rüst aus den eher zart­be­sai­te­ten Ver­tre­tern der neu­en Fuß­ball­schu­le be­steht. Da wer­den eif­rig Krin­gel ge­dreht, Kom­bi­na­tio­nen der Gat­tung Ha­cke-Spit­ze-eins­zwei-drei ge­spielt, Bäl­le in den Lauf der Kol­le­gen ge­strei­chelt und fein sor­tier­te We­ge „zwi­schen den Li­ni­en“ge­sucht. So­kra­tis steht eher für die ver­meint­lich al­ten Tu­gen­den. Ihm geht die Tor­si­che­rung über al­les, er kann sich herr­lich über Ge­gen­tref­fer er­re­gen oder auch nur über Feh­ler, die zu Chan­cen füh­ren. Und er ist sich über­haupt nicht zu scha­de, den Ball in den Ober­rang oder – wie bei den Trai­nings­spie­len im 2015er-Som­mer von Bad Ra­gaz – auch mal aus dem Sta­di­on zu tre­ten. Haupt­sa­che, der Geg­ner kann da­mit kei­nen Scha­den an­rich­ten.

Die­se ver­gleichs­wei­se rus­ti­ka­le Art kam bei Tu­chels Vor­gän­ger Jür­gen Klopp nicht ganz so gut an, ob- wohl der Trai­ner in sei­ner ei­ge­nen Spie­ler­kar­rie­re eben­falls ein Ver­tre­ter der eher schlich­ten Spiel­wei­se war – mög­li­cher­wei­se ge­ra­de des­halb. Klopp be­rief So­kra­tis nur dann in die ers­te Mann­schaft, wenn sich Mats Hum­mels, Ne­ven Su­bo­tic oder Sven Ben­der mit Ver­let­zun­gen plag­ten. „Mir hat ein Stück die Wert­schät­zung ge­fehlt“, sag­te er der „Bild­zei­tung“, „im Som­mer 2015 ha­be ich über ei­nen Wech­sel nach­ge­dacht.“

Das ist jetzt na­tür­lich kein The­ma mehr. Er spü­re mitt­ler­wei­le das Ver­trau­en des Trai­ners, er­klär­te der Grie­che. Das hat noch kei­nem Spie­ler ge­scha­det.

Die Fans ha­ben ihn oh­ne­hin tief ins Herz ge­schlos­sen, weil er mit sei­nem Kampf­geist, mit sei­nem grim­mi­gen Blick und der Hin­ga­be an den Be­ruf wie der Pro­to­typ des Re­vierMa­lo­chers wirkt. Den gibt es zwar nur noch in den ro­man­ti­schen Rück­bli­cken, aber er bil­det doch das Ide­al für die An­hän­ger ei­nes Klubs, der längst zu den Fuß­ball-Groß­un­ter­neh­men in Eu­ro­pa zählt und da­her viel Wert auf die Ar­tis­ten im Per­so­nal legt.

So­kra­tis ist der An­ti-Typ zu den mo­der­nen Künst­lern. Ge­bil­de­te jun­ge Trai­ner wür­den sa­gen, dass er un­ent­behr­lich für die Ba­lan­ce des Spiels sei. Ganz al­ten Trai­nern wür­den Na­men wie Ge­org Schwar­zen­beck von Bay­ern Mün­chen oder Heinz Sim­met vom 1. FC Köln ein­fal­len. Sie er­schreck­ten die Ge­gen­spie­ler in den se­li­gen 60er und 70er Jah­ren. Und sie hiel­ten den er­klär­ten Künst­lern den Rü­cken frei. Die gab es auch da­mals schon. Be­cken­bau­er und Over­ath wä­ren al­ler­dings nicht auf die Idee ver­fal­len, ih­re Spiel­wei­se gleich der gan­zen Mann­schaft zu ver­ord­nen. Für sie wa­ren Ty­pen wie So­kra­tis selbst­ver­ständ­lich.

Das muss der mo­der­ne Fuß­ball erst wie­der ler­nen. Der Dort­mun­der Grie­che hilft da­bei.

FO­TO: DPA

End­sta­ti­on: Auch Su­per­star Cris­tia­no Ro­nal­do von Re­al Ma­drid weiß in­zwi­schen um die Qua­li­tä­ten des Dort­mun­der Ver­tei­di­gers So­kra­tis (rechts).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.