Tau­sche viel Geld ge­gen fast nichts

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON BIRGIT MAR­SCHALL

BER­LIN Ei­gent­lich soll­te die Kon­fe­renz der Mi­nis­ter­prä­si­den­ten mit der Bun­des­kanz­le­rin am Don­ners­tag nur zwei, drei St­un­den dau­ern. Denn schließ­lich hat­te man sich po­li­tisch und grund­sätz­lich schon Mit­te Ok­to­ber auf die Neu­ord­nung der Bund-Län­der-Fi­nanz­be­zie­hun­gen ge­ei­nigt. Doch dann dau­er­te die Run­de bei An­ge­la Mer­kel doch wie­der ge­schla­ge­ne neun St­un­den.

Die Re­gie­rungs­chefs der Län­der wa­ren nicht zu­frie­den mit dem, was Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) zur Um­set­zung der Ok­to­ber-Be­schlüs­se in meh­re­re Ge­setz­ent­wür­fe ge­schrie­ben hat­te. Ih­rer An­sicht nach war Schäu­b­le weit über das Ver­ein­bar­te hin­aus­ge­gan­gen. Erst um Punkt Mit­ter­nacht ei­nig­te sich die Run­de al­so ein zwei­tes Mal – jetzt auch im De­tail – auf den Bund-Län­der-Fi­nanz­pakt ab 2020. Und da 16 Re­gie­rungs­chefs ge­gen ei­ne Kanz­le­rin stan­den, sieht der Kom­pro­miss für die Län­der jetzt noch ein­mal bes­ser aus, als schon Mit­te Ok­to­ber der Fall war. Die ent­spre­chen­den Grund­ge­setz­än­de­run­gen soll das Bun­des­ka­bi­nett be­reits am kom­men­den Mitt­woch bil­li­gen. Dies sind die ge­plan­ten Neu­re­ge­lun­gen: Län­der­fi­nanz­aus­gleich Das bis­he­ri­ge Aus­gleichs­sys­tem, mit dem Bund und Län­der über­all für weit­ge­hend glei­che Le­bens­ver­hält­nis­se sor­gen, wird En­de 2019 ab­ge­schafft. Dann läuft auch der So­li­dar­pakt für Ost­deutsch­land aus, mit dem Bund und Län­der die be­son­de­re Fi­nanz­schwä­che der Ost-Län­der bis­her aus­glei­chen. Ab 2020 wird der Aus­gleich der un­ter­schied­li­chen Fi­nanz­kraft fast nur noch über die Ver­tei­lung der Um­satz­steu­er­ein­nah­men ge­re­gelt. Der Bund gibt den Län­dern ei­nen hö­he­ren Um­satz­steu­er­an­teil ab. Er greift den ost­deut­schen Län­dern und den üb­ri­gen är­me­ren Län­dern stär­ker un­ter die Ar­me. Die rei­che­ren Ge­ber­län­der Bay­ern, Ba­den-Würt­tem­berg, Hes­sen, Ham­burg und künf­tig auch Nord­rhein­West­fa­len wer­den da­durch er­heb­lich ent­las­tet. NRW wird ab 2020 je­des Jahr 1,43 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr zur Ver­fü- gung ha­ben, ge­folgt von Bay­ern mit 1,35 Mil­li­ar­den und Ba­den-Würt­tem­berg mit 961 Mil­lio­nen Eu­ro. Ins­ge­samt zahlt der Bund den Län­dern ab dem Jahr 2020 zu­sätz­lich 9,52 Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich. Es bleibt dem Bund über­las­sen, ob er nach dem En­de des So­li­dar­pakts auch den So­li­da­ri­täts­zu­schlag ab­schafft oder ab­schmilzt, der sei­ner­zeit er­fun­den wor­den war, um den so­ge­nann­ten Auf­bau Ost zu fi­nan­zie­ren. Schäu­b­le hat­te wie­der­holt ver­spro­chen, den „So­li“schritt­wei­se ab­zu­bau­en. Doch ob dies wirk­lich ge­schieht, wird von der nächs­ten Bun­des­re­gie­rung ab­hän­gen. Kon­troll­rech­te Im Ge­gen­zug für die zu­sätz­li­chen Bun­des­mil­li­ar­den hat Schäu­b­le mehr Kon­troll- und Prüf­rech­te über die Ver­wen­dung sei­ner Mit­tel in den Län­dern ge­for­dert, was ihm die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten am 14. Ok­to­ber im Grund­satz auch zu­ge­stan­den hat­ten. Der Sta­bi­li­täts­rat von Bund und Län­dern soll ab 2020 über­all die Ein­hal­tung der Schul­den­brem­se über­wa­chen – doch das hät­te ein Gre­mi­um ja oh­ne­hin tun müs­sen, auch oh­ne die Re­form der Fi­nanz­be­zie­hun­gen. In den nächt­li­chen Nach­ver­hand­lun­gen schaff­ten es die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, wei­te­re kon­kre­te Um­set­zungs­plä­ne Schäu­bles im De­tail zu ver­wäs­sern.

Bei­spiel eins: Der Bun­des­rech­nungs­hof soll zur Kon­trol­le der Ver­wen­dung von Bun­des­mit­teln bei ge­mein­sam fi­nan­zier­ten In­ves­ti­tio­nen in den Län­dern – et­wa für den so­zia­len Woh­nungs­bau – zwar mehr Prüf­rech­te er­hal­ten, doch muss er sich im­mer erst mit den zu­stän­di­gen Lan­des­rech­nungs­hö­fen „ins Be­neh­men“set­zen.

Bei­spiel zwei: „Zur Ge­währ­leis­tung der zweck­ent­spre­chen­den Mit­tel­ver­wen­dung kann die Bun­des­re­gie­rung Be­richt und Vor­la­ge der Ak­ten ver­lan­gen, Er­he­bun­gen bei al­len Be­hör­den durch­füh­ren und im Ein­zel­fall zur Si­cher­stel­lung der zweck­ent­spre­chen­den Mit­tel­ver­wen­dung Wei­sun­gen ge­gen­über obers­ten Lan­des­be­hör­den er­tei­len“, hat­te in Schäu­bles Ge­setz­ent­wurf ge­stan­den. Der Pas­sus wur­de er­satz­los ge­stri­chen. Sa­nie­rungs­hil­fen Den hoch ver­schul­de­ten Län­dern Saar­land und Bre­men wird der Bund ab 2020 je 400 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr zu­sätz­lich über­wei­sen. Die üb­ri­gen Län­der sind die Last da­mit los. Schäu­b­le woll­te, dass die Län­der die­ses Geld nur zum „Ab­bau des Schul­den­stan­des“nut­zen. Jetzt steht im Be­schluss, dass die Län­der es auch „zur Stär­kung der Wirt­schafts- und Fi­nanz­kraft“ein­set­zen kön­nen. Bei­de Län­der wil­lig­ten aber ein, jähr­lich 50 Mil­lio­nen Eu­ro Schul­den zu til­gen. Die­ses Ziel ha­be man sich aber oh­ne­hin schon vor­ge­nom­men, er­klär­te die zuf­rie­de­ne saar­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er (CDU). In­fra­struk­tur­ge­sell­schaft Für Pla­nung, Bau, Be­trieb und Er­halt der Bun­des­au­to­bah­nen soll ab 2021 ei­ne Ge­sell­schaft des Bun­des zu­stän­dig sein, nicht mehr die Län­der, die das bis­her in Auf­trags­ver­wal­tung für den Bund er­le­di­gen. Schäu­b­le woll­te bis zu 49 Pro­zent der An­tei­le an die­ser Ge­sell­schaft an pri­va­te In­ves­to­ren ver­äu­ßern kön­nen, doch das ver­hin­der­ten die Län­der­chefs. „Die­se Ge­sell­schaft steht im un­ver­äu­ßer­li­chen Ei­gen­tum des Bun­des“, soll nun ins Grund­ge­setz ge­schrie­ben wer­den. Da­von un­be­rührt bleibt al­ler­dings, was oh­ne­hin schon mög­lich ist – dass sich näm­lich pri­va­te In­ves­to­ren im Rah­men Öf­fent­lich-Pri­va­ter Part­ner­schaf­ten an der Au­to­bahn­fi­nan­zie­rung be­tei­li­gen. Un­ter­halts­vor­schuss Nur in die­sem ei­nen Punkt konn­ten die SPD-Län­der noch kei­nen kla­ren Ver­hand­lungs­er­folg er­zie­len. Al­lein­er­zie­hen­de Müt­ter oder Vä­ter sol­len von 2017 an bes­ser ab­ge­si­chert sein, wenn der an­de­re El­tern­teil Un­ter­halt für das Kind ver­wei­gert. Die vom Ka­bi­nett schon ver­ab­schie­de­ten Ge­set­zes­plä­ne se­hen vor, die Be­gren­zung der Be­zugs­dau­er auf sechs Jah­re ab­zu­schaf­fen und die Al­ters­gren­ze von zwölf auf 18 Jah­re an­zu­he­ben. Of­fen ist aber, wie sich Bund und Län­der die Fi­nan­zie­rung tei­len. Ei­ne Ar­beits­grup­pe mit Schäu­b­le und meh­re­ren Mi­nis­ter­prä­si­den­ten soll das nun klä­ren. Ge­treu dem Prin­zip: Wenn du nicht mehr wei­ter­weißt, grün­de ei­nen Ar­beits­kreis.

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