Duis­bur­ger Clans – das Ge­setz der Stra­ße

Kri­mi­nel­le Groß­fa­mi­li­en er­ziel­ten mit Im­mo­bi­li­en­ge­schäf­ten Mil­lio­nen­ge­win­ne. Ei­ne Po­li­zei­ak­te ge­währt ei­nen Ein­blick ins Mi­lieu.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFE­GER

DUIS­BURG Der Auf­stieg der kri­mi­nel­len ara­bi­schen Clans in Marxloh be­gann mit dem wirt­schaft­li­chen Ab­stieg der Stadt. Zum Sym­bol des Nie­der­gangs Duis­burgs in den 90er Jah­ren wur­de die end­gül­ti­ge Schlie­ßung der Krupp­schen Hüt­ten­wer­ke in Rhein­hau­sen am 15. Au­gust 1993. Seit­dem ging es erst ein­mal berg­ab; die Ar­beits­lo­sen­quo­te stieg steil an, vie­le Men­schen zo­gen weg, gan­ze Stra­ßen­zü­ge mit Woh­nun­gen stan­den plötz­lich leer, die für ei­nen Spott­preis zu ha­ben wa­ren.

Fa­mi­li­en­ver­bän­de, de­ren Wur­zeln im Ge­biet des heu­ti­gen Irak lie­gen und die man in­zwi­schen als li­ba­ne­si­sche Groß­fa­mi­li­en kennt, mach­ten sich das zu­nut­ze. Ob­wohl die Mit­glie­der da­mals, so heißt es in ei­ner ver­trau­li­chen Po­li­zei­ak­te, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt, in sehr ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen leb­ten und nicht über nen­nens­wer­te Ein­künf­te ver­füg­ten, konn­ten sie vie­le die­ser Im­mo­bi­li­en er­wer­ben. Der Po­li­zei ge­lang es trotz in­ten­si­ver Er­mitt­lun­gen nicht, die Fi­nanz­quel­len auf­zu­spü­ren. Der Wert der Woh­nun­gen stieg er­heb­lich mit den Jah­ren, in de­nen sich die Stadt all­mäh­lich vom Nie­der­gang er­hol­te, und be­trägt heu­te meh­re­re Mil­lio­nen Eu­ro. Mit dem fi­nan­zi­el­len Po­ten­zi­al bau­ten die Clans ih­re Struk­tu­ren aus und ge­wan­nen an Ein­fluss im Mi­lieu.

Die Clans agie­ren heu­te im ge­sam­ten Stadt­ge­biet – haupt­säch­lich in Laar, Hoch­feld und Marxloh. Im bun­des­weit als Pro­blem­vier­tel be­kann­ten Marxloh kon­kur­rie­ren ei­ni­ge Groß­fa­mi­li­en mit­ein­an­der. Da­bei han­delt es sich laut Po­li­zei­be­richt vor al­lem um „Mar­din-Kur­den“, im Po­li­zei­jar­gon auch „Schein-Li­ba­ne­sen“ge­nannt, die zwi­schen 1975 und 1990 aus der Tür­kei ins Ruhr­ge­biet ka­men. Dem Staat ge­lang es nie, sie ab­zu­schie­ben, ob­wohl ih­re Asyl­an­trä­ge re­gel­mä­ßig ab­ge­lehnt wur­den. Die Ab­schie­bun­gen schei­ter­ten, so steht es in dem Po­li­zei­be­richt, an für un­gül­tig er­klär­ten Rei­se­päs­sen.

Seit ei­ni­ger Zeit fül­len man­che die­ser Fa­mi­li­en­ver­bän­de in Marxloh ein la­ten­tes „Macht­va­ku­um“aus, das un­ter an­de­rem durch ei­ne Schwä­chung der dort an­säs­si­gen Hells An­gels ent­stan­den sei. Sie sind streng pa­tri­ar­cha­lisch ge­führt und schot­ten sich nach au­ßen ab. In der Po­li­zei­ak­te heißt es: „In ih­rem hier­ar­chisch ge­präg­ten Sys­tem wer­den Ehr­ver­let­zun­gen als Be­lei­di­gun­gen der gan­zen Fa­mi­lie be­trach- tet und müs­sen mit ei­nem An­griff auf den Ehr­ver­let­zen­den ge­ahn­det wer­den.“Und da­bei ma­chen sie auch bei Po­li­zis­ten kei­ne Aus­nah­me. So be­droh­te et­wa vor drei Jah­ren ein Fa­mi­li­en­ober­haupt ei­nen Po­li­zis­ten, weil die­ser „ver­kehrs­recht­li­che Maß­nah­men“ge­gen ihn ge­trof­fen hat­te. Der Cl­an­boss, der laut Er­mitt­lungs­ak­te sei­nen Macht­an­spruch durch mas­si­ve Ge­walt­ein­wir­kun­gen durch­setz­te, in­dem er sei­nen Wi­der­sa­chern et­wa die Hän­de zer­trüm­mer­te, setz­te min­des­tens drei Clan­mit­glie­der auf den Ver­kehrs­be­am­ten an und ließ sie die Di­enst­stel­le ob­ser­vie­ren. Seit ei­nem Jahr sitzt der Cl­an­boss im Ge­fäng­nis.

Das Auf­tre­ten in der Öf­fent­lich­keit hängt stark von der Grup­pen­stär­ke ab. Je grö­ßer sie ist, um­so un­an­ge­pass­ter wird das Ver­hal­ten. Auch die Zahl der Po­li­zis­ten, auf die die Clan­mit­glie­der tref­fen, spielt ei­ne Rol­le. So wird ei­ner Fuß­strei­fe mit nur zwei Be­am­ten ag­gres­si­ver ge­gen­über­ge­tre­ten als ei­ner Strei­fe mit Be­reit­schafts­po­li­zis­ten (BP) ei­ner Hun­dert­schaft, die seit ei­nem Jahr in Marxloh die Po­li­zei er­folg­reich un­ter­stützt. Ge­ne­rell un­ter­schei­den die Clans zwi­schen Strei­fen­be­am­ten und den Ein­satz­trupps. Letz­te­re nen­nen sie die „Stren­gen“und die „Un­ent­spann­ten“. Wenn die BP-Kol­le­gen ab­rück­ten, wür­den die Über­grif­fe auf die Po­li­zei­be­am­ten so­fort wie­der zu­neh­men.

In Marxloh ging es nicht im­mer so zu. Vor dem Zwei­ten Welt­krieg war der Stadt­teil gar ei­ne der reichs­ten Ge­mein­den Deutsch­lands. Das Vier­tel leb­te von den Wer­ken der Dro­hung von Clan­mit­glie­dern Au­gust-Thys­sen-Hüt­te, de­ren Füh­rungs­kräf­te dort wohn­ten und die für ih­re Mit­ar­bei­ter gro­ße Sied­lun­gen bau­te. Nach dem Krieg und dem Wie­der­auf­bau ka­men die so­ge­nann­ten Gas­t­ar­bei­ter. Sie zo­gen in die Woh­nun­gen ein, die die Marxlo­her ver­las­sen hat­ten, weil sie schö­ner und frei von In­dus­trie­be­läs­ti­gung woh­nen woll­ten. Die­se Mi­gran­ten ga­ben dem Stadt­teil ein neu­es Ge­sicht. Nach und nach zo­gen im­mer mehr Ur-Marxlo­her weg, da­mit gin­gen der Nie­der­gang der Stahl­in­dus­trie und das Ze­chenster­ben ein­her. Mit dem Fort­gang vie­ler Ein­woh­ner kam der Leer­stand, die Mie­ten fie­len. Gan­ze Stra­ßen­zü­ge ver­ka­men. Fort­an sie­del­ten sich fast nur noch so­zi­al schwä­che­re Be­völ­ke­rungs­schich­ten an. Mit ih­nen – aber nicht nur we­gen ih­nen – stieg die Kri­mi­na­li­tät.

„Die po­li­zei­li­che La­ge wird in Duis­burg maß­geb­lich durch die so­zia­len Brenn­punk­te be­stimmt, die ei­ne ver­stärk­te po­li­zei­li­che Prä­senz und In­ter­ven­ti­on er­for­dern“, heißt es in der Ak­te. Ver­ant­wort­lich da­für sei­en in den so­ge­nann­ten Hots­pots süd­ost­eu­ro­päi­sche Zu­wan­de­rer (vor al­lem aus Ru­mä­ni­en), kri­mi­nel­le Ro­cker und ein­zel­ne Be­völ­ke­rungs­grup­pen (un­ter an­de­rem die Schein-Li­ba­ne­sen), die auf öf­fent­li­chen We­gen und Plät­zen Straf­ta­ten be­gin­gen. „Die Struk­tu­ren der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät sind sehr stark. In Duis­burg gibt es die gan­ze Pa­let­te“, so ein Er­mitt­ler. Es ge­be Stra­ßen, die selbst Ein­hei­mi­sche mei­den. Sie näh­men in den Abend­und Nacht­stun­den auch ein­zel­ne Stra­ßen­bahn­li­ni­en, die durch die Brenn­punk­te im Nor­den fah­ren, als Angs­träu­me wahr. Po­li­zis­ten, Mit­ar­bei­tern des Ord­nungs­amts und der Ver­kehrs­ge­sell­schaft so­wie Ret­tungs­kräf­ten und Feu­er­wehr­leu­ten „schla­gen ei­ne ho­he Ag­gres­si­vi­tät und Ge­walt ent­ge­gen“, schreibt die Po­li­zei. „Der Rechts­an­spruch des Staa­tes auf Ge­währ­leis­tung der öf­fent­li­chen Si­cher­heit und Ord­nung wird in den Brenn­punkt­vier­teln als ge­fähr­det an­ge­se­hen.“

Für Gre­gor Gol­land, In­nen­ex­per­te der CDU-Land­tags­frak­ti­on, ist das ein nicht hin­nehm­ba­rer Zu­stand und ein Zei­chen für den Ver­fall der Rechts­staat­lich­keit. „Das sind NoGo-Are­as für an­stän­di­ge Bür­ger. Es kann nicht sein, dass es so et­was in deut­schen Städ­ten gibt.“

Mit welch bru­ta­len Me­tho­den und wel­chem Ver­ständ­nis die Clans vor­ge­hen, be­schreibt ein Fall aus dem April 2015. In ei­ner Shisha-Bar in Ruhr­ort war es zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung ge­kom­men, an der vie­le Per­so­nen be­tei­ligt wa­ren, dar­un­ter ei­ne Grup­pe von Män­nern li­ba­ne­si­scher Ab­stam­mung. Die zu­nächst un­be­tei­lig­ten Be­trei­ber der Bar alar­mier­ten die Po­li­zei, die dar­auf­hin die Per­so­na­li­en ei­ni­ger Be­tei­lig­ter fest­stel­len konn­te. Die­se for­der­ten des­halb von den Bar­be­trei­bern ei­ne „Ent­schä­di­gung“von 20.000 Eu­ro, weil sie die Po­li­zei ge­ru­fen hat­ten. Nach Ver­hand­lun­gen zwi­schen bei­den Par­tei­en wur­de die Sum­me auf 5000 Eu­ro ge­senkt. Für den Fall der Nicht­zah­lung, so steht es in dem Po­li­zei­be­richt, „droh­ten die teil­wei­se be­waff­ne­ten Tä­ter, dass sie den La­den ab­fa­ckeln und die Ge­schä­dig- ten und die an­we­sen­den Kun­den um­brin­gen“wer­den. Doch die Gas­tro­no­men lie­ßen sich da­durch nicht ein­schüch­tern, schal­te­ten die Po­li­zei ein, die den Er­pres­sern am ver­ein­bar­ten Zahl­tag ei­ne Fal­le stell­ten. Sol­che Er­mitt­lungs­er­fol­ge sind sel­ten. In den meis­ten Fäl­len schwei­gen die Op­fer, wen­den sich nicht an die Po­li­zei. „Es ist für uns be­son­ders schwie­rig, in dem Mi­lieu Ta­ten und Ver­wick­lun­gen zu be­wei­sen. Sehr viel läuft da hin­ter den Ku­lis­sen ab, von dem wir nichts mit­be­kom­men“, be­tont ein Er­mitt­ler.

Viel Grund zur Hoff­nung, dass sich mit­tel­fris­tig deut­lich et­was an der Si­tua­ti­on in Marxloh ver­bes­sern könn­te, gibt der Po­li­zei­be­richt nicht. Zwar gibt es ei­ne Rei­he viel­ver­spre­chen­der In­te­gra­ti­ons­pro­jek­te von Kir­chen, der Stadt und an­de­ren pri­va­ten Ein­rich­tun­gen. Vie­le An­woh­ner pa­cken mit an, da­mit es auf­wärts geht. Auch die Stra­ßen­und Ge­walt­kri­mi­na­li­tät konn­te in­ner­halb des ver­gan­ge­nen Jah­res ein­ge­dämmt wer­den. Da­für ver­ant­wort­lich ist aber vor al­lem die Prä­senz der Hun­dert­schaft, über de­ren schritt­wei­sen Ab­zug be­reits in­tern dis­ku­tiert wird.

Po­si­ti­ve Ve­rän­de­run­gen sei­en trotz die­ser Er­fol­ge al­lein durch die An­zahl und Grö­ße der Brenn­punk­te in ab­seh­ba­rer Zeit kaum zu er­war­ten, ur­tei­len die Er­mitt­ler, was vor al­lem mit dem ho­hen Mi­gra­ti­ons­an­teil zu tun ha­be – der Pro­gno­sen zu­fol­ge eher noch zu­neh­men als ab­neh­men wer­de. So hät­ten be­reits 80 bis 95 Pro­zent der Kin­der und Ju­gend­li­chen an den Schu­len in den Pro­blem­vier­teln ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund.

„Wir fa­ckeln eu­ren La­den ab und brin­gen al­le an­we­sen­den Kun­den um“

FO­TO: DPA

Ei­ne Haupt­stra­ße in Duis­burg-Marxloh. Kri­mi­nel­le Clans re­kla­mie­ren das Vier­tel für sich.

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