So­zi­al­dienst lotst durch Hil­fe-Dschun­gel

Die So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen der Kran­ken­häu­ser ste­hen vor im­mer mehr Auf­ga­ben. Das liegt an der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung, aber auch an der Ge­sund­heits­po­li­tik und der kür­ze­ren Ver­weil­dau­er von Pa­ti­en­ten in Kran­ken­häu­sern.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON AN­GE­LA RIET­DORF

Bis­her hat die 80-jäh­ri­ge Pa­ti­en­tin al­lein im drit­ten Stock ei­nes Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses ge­lebt. Jetzt soll sie nach ei­nem Ober­schen­kel­bruch mit an­schlie­ßen­der Ope­ra­ti­on aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen wer­den. Aber das Bein ist erst nach sechs Wo­chen voll be­last­bar. Was nun? Nach Hau­se kann sie erst mal nicht zu­rück. „Da wä­re die Pfle­ge nicht ge­währ­leis­tet“, sagt Ma­ria Marx, Team­lei­te­rin des So­zi­al­diens­tes der Kli­ni­ken Ma­ria Hilf. „In ei­nem sol­chen Fall küm­mern wir uns um die Un­ter­brin­gung in ei­ner Kurz­zeit­pfle­ge.“Nach vier Wo­chen in der Kurz­zeit­pfle­ge ist dann er­kenn­bar, ob die Pa­ti­en­tin wie­der al­lein zu Hau­se le­ben kann oder bes­ser in ein Al­ten­heim wech­selt. Ein Bri­git­te Zer­res Be­thes­da-So­zi­al­dienst ty­pi­scher Fall für die Ar­beit der So­zi­al­diens­te, die es in al­len Glad­ba­cher Kran­ken­häu­sern gibt.

Die So­zi­al­diens­te un­ter­stüt­zen bei al­len Be­lan­gen rund um die Ent­las­sung ei­nes Pa­ti­en­ten. Sie be­an­tra­gen eben­so das Pfle­ge­bett oder neh­men Kon­takt zu Pfle­ge­diens­ten auf wie sie nach ei­nem He­im­platz su­chen oder beim Aus­fül­len von An­trä­gen hel­fen.

Weil die Pa­ti­en­ten im­mer äl­ter wer­den, nimmt die Ar­beit der So­zi­al­diens­te zu. Auch weil die An­ge­hö­ri­gen aus un­ter­schied­lichs­ten Grün­den die an­ste­hen­den Auf­ga­ben nicht mehr be­wäl­ti­gen. „Al­te Men­schen le­ben oft al­lein oder mit ei­nem eben­falls schon be­tag­ten Part­ner zu­sam­men“, sagt Bri­git­te Zer­res vom Be­thes­da-So­zi­al­dienst. „Die Kin­der sind voll be­rufs­tä­tig und kön­nen die Pfle­ge nicht über­neh­men. Oder sie sind selbst schon alt.“Wie im Fall ei­ner 94-jäh­ri­gen Pa­ti­en­tin, de­ren 72-jäh­ri­ge Toch­ter sich jah­re­lang um die Mut­ter ge­küm­mert hat, jetzt aber kör­per­lich am En­de ist. Wie kann es wei­ter­ge­hen? Der So­zi­al­dienst hilft bei der Su­che nach ei­nem He­im­platz, so dass si­cher­ge­stellt ist, dass die Mut­ter nach ih­rer Ent­las­sung aus dem Kran­ken­haus gut ver­sorgt ist. Mit ei­nem Platz al­lein aber ist es aber im All­ge­mei­nen nicht ge­tan, das Gan­ze will auch fi­nan­ziert sein. Die So­zi­al­diens­te be­ra­ten und hel­fen auch bei der Be­an­tra­gung von Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung, ver­mit­teln an den Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger wei­ter oder er­klä­ren, wann es sinn­voll ist, das Kran­ken­geld noch wei­ter zu be­zie­hen. Oder sie or­ga­ni­sie­ren die ambulante Pfle­ge zu Hau­se und die Be­reit­stel­lung der Hilfs­mit- tel wie Rol­la­to­ren. Nicht nur die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung trägt da­zu bei, dass die So­zi­al­diens­te vor wach­sen­den Auf­ga­ben ste­hen, auch die Ge­sund­heits­po­li­tik der ver­gan­ge­nen Jah­re führt zu ei­nem spür­bar zu­neh­men­den Druck, denn die Ver­weil­dau­er der Pa­ti­en­ten in den Kli­ni­ken ist deut­lich kür­zer ge­wor­den. „Wir be­gin­nen ei­gent­lich schon bei der Auf­nah­me der Pa­ti­en­ten da­mit, die Ent­las­sung vor­zu­be­rei­ten“, er­klärt As­trid Hen­sel vom Eli­sa­be­thKran­ken­haus in Rhe­ydt. Schließ­lich blei­ben vie­le Pa­ti­en­ten höchs­tens ei­ne Wo­che in der Kli­nik. Nicht viel Zeit, um die nö­ti­gen Vor­be­rei­tun­gen zu tref­fen. „Wir sind auf ein gu­tes Netz­werk an­ge­wie­sen“, er­klärt Bri­git­te Zer­res.

Auch un­ter­ein­an­der tau­schen sich die So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen der Glad­ba­cher Kran­ken­häu­ser aus. Ein­mal im Mo­nat tagt der Ar­beits­kreis, in sich die So­zi­al­diens­te zu­sam­men­ge­schlos­sen ha­ben. Dann geht es um In­for­ma­ti­ons­aus­tausch oder die Be­su­che neu­er Ein­rich­tung. Und um Fort­bil­dung, denn im Be­reich des So­zi­al­rechts ist nichts so ver­läss­lich wie der Wan­del. Zum 1. Ja­nu­ar 2017 zum Bei­spiel tritt das neue Pfle­ge­stär­kungs­ge­setz in Kraft, das die bis­he­ri­gen drei Pfle­ge­stu­fen durch fünf Pfle­ge­gra­de er­setzt. Mit die­sen Ve­rän­de­run­gen müs­sen sich die Mit­ar­bei­te­rin­nen der So­zi­al­diens­te aus­ein­an­der­set­zen, um ih­rer Auf­ga­be ge­recht zu wer­den. „Wir se­hen uns auch als Lot­sen“, sagt Ga­b­rie­le Scholz vom So­zi­al­dienst des Kran­ken­hau­ses Neu­werk. Als Lot­sen durch die viel­fäl­ti­gen und teils un­über­sicht­li­chen Hilfs­an­ge­bo­te.

Die Pa­ti­en­ten und ih­re An­ge­hö­ri­gen, die sich im All­ge­mei­nen in ei­ner Aus­nah­me- und Kri­sen­si­tua­ti­on be­fin­den, sind je­den­falls froh, dass ih­nen der So­zi­al­dienst mit Rat und Tat zur Sei­te steht. „Vie­le ha­ben gar nicht ge­ahnt, dass es uns gibt“, sagt Marx.

„Be­rufs­tä­ti­ge Kin­der kön­nen die Pfle­ge nicht übeneh­men“

FO­TOS: DPA/KN

Die Mit­ar­bei­ter vom So­zi­al­dienst be­an­tra­gen Pfle­ge­bet­ten, neh­men Kon­tak­te zu Pfle­ge­diens­ten auf und hel­fen bei der Su­che nach ei­nem He­im­platz.

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