Kul­tur­kampf um den Ganz­tag

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON FRANK VOLLMER

DÜSSELDORF In der Schul­po­li­tik wird gern und viel über­trie­ben. Neu­er­dings hat sie ei­nen Auf­re­ger mehr: den Ganz­tag. Wäh­rend die ei­nen dar­in die gol­de­ne Zu­kunft se­hen, be­fürch­ten die an­de­ren den so­zia­len Zu­sam­men­bruch. Der Ganz­tag hat sich in der Streit-Agen­da nach vorn ge­scho­ben – als dy­na­mischs­ter Teil der Me­ga-De­bat­te um das acht­jäh­ri­ge Gym­na­si­um (G8).

Es ist ein Kul­tur­kampf, auch in NRW. Den El­tern­in­itia­ti­ven, die er­folg­reich den Un­mut ge­gen die Schul­zeit­ver­kür­zung bün­del­ten, wur­de schnell klar, dass ih­re bil­dungs­bür­ger­li­che Kli­en­tel auch tie­fes Un­be­ha­gen ge­gen mehr Ganz­tag hegt. Das macht sich auch in den Eti­ket­ten be­merk­bar: So be­zeich­net Mar­cus Ho­hen­stein das Ziel sei­ner Initia­ti­ve „G 9 jetzt“in­zwi­schen als „Volks­be­geh­ren ge­gen Tur­bo-Abitur und Lang­tag“– frü­her war nur vom Kampf ge­gen G8 die Re­de.

Auch beim Ganz­tag hat die Um­fra­ge der Lan­des­el­tern­schaft der Gym­na­si­en (nur am Gym­na­si­um tobt die Schlacht – Ganz­tag an der Ge­samt­schu­le ist längst selbst­ver­ständ­lich) im Früh­jahr die De­bat­te grund­le­gend ver­än­dert. In der Er­he­bung nann­ten nur 14 Pro­zent ei­ne Ganz­tags­schu­le als Wun­sch­mo­dell. 58 Pro­zent hin­ge­gen woll­ten „ein G9Gym­na­si­um wie frü­her“. Al­le ver­pflich­ten­den Ganz­tags­mo­del­le wer­den von den El­tern ab­ge­lehnt; al­len­falls frei­wil­li­ge Lö­sun­gen gel­ten als ak­zep­ta­bel.

Die Ganz­tags­geg­ner scheu­en sich nicht, ih­re Kin­der als Gei­seln der Schu­le zu be­zeich­nen; weil ne­ben der Schu­le für nichts mehr Zeit blei­be, be­kla­gen sie wahl­wei­se den Zu­sam­men­bruch der Mu­sik­kul­tur, der Ver­eins­struk­tu­ren oder des Brei­ten­sports – vom Fa­mi­li­en­le­ben ganz zu schwei­gen. Ge­samt­schu­lEl­tern hal­ten da­ge­gen. So ätz­te neu­lich Ralf Rad­ke, Chef der Lan­des­el­tern­schaft der in­te­grier­ten Schu­len: „Das Ge­sell­schafts­bild, das im­pli­zit da­von aus­geht, dass die Müt­ter von Gym­na­si- as­ten nicht oder höchs­tens halb­tags be­rufs­tä­tig sind, da­mit sie ih­re Söh­ne und Töch­ter mit­tags da­heim wie­der mit war­mem Es­sen in Emp­fang neh­men kön­nen, ent­setzt uns zu­tiefst.“Da wün­sche sich wohl man­cher die 50er Jah­re zu­rück, läs­tert auch ein pro­mi­nen­ter Schul­po­li­ti­ker im Land­tag.

Aber auch wenn mit G8 der Nach­mit­tags­un­ter­richt aus­ge­baut wur­de: Wer das Pro­blem auf das „Tur­bo-Abi“re­du­ziert, greift zu kurz. Im Streit um den Ganz­tag ma­ni­fes­tiert sich viel­mehr ei­ne klas­si­sche Bruch­li­nie zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Lin­ken: Macht ein Schul­mi­nis­ter in ers­ter Li­nie Ge­sell­schafts­o­der Bil­dungs­po­li­tik? An­ders ge­sagt: Sol­len die Schu­len vor al­lem dem so­zia­len Aus­gleich und der Ge­rech­tig­keit die­nen – oder sol­len sie Wis­sen ver­mit­teln und Leis­tung ein­for­dern? Die Wirk­lich­keit geht frei­lich in die­ser Zwei­tei­lung nicht auf. Ein Be­fund ist al­ler­dings klar: Die Halb­tags­schu­le ist auf dem Rück­zug, und zwar zur Freu­de der Lan­des­re­gie­rung. Der Ganz­tag, vor al­lem an der Ge­samt­schu­le, ist er­klär­tes Lieb­lings­kind von Rot-Grün. So wird auch Mi­nis­te­rin Syl­via Löhr­mann nicht mü­de, den Aus­bau zu prei­sen. „Der Ganz­tag ist ein Bei­trag zur Bil­dungs­ge­rech­tig­keit“, sagt sie: „Wir er­öff­nen Kin­dern und Ju­gend­li­chen Bil­dungs­an­ge­bo­te, für die vi­el­leicht zu Hau­se der Zu­gang, die Zeit oder das Geld feh­len.“

Aber auch die Zahl der Gym­na­si­as­ten im Ganz­tag hat sich seit Löhr­manns Amts­an­tritt 2010 fast ver­drei­facht. Mehr als 90 Pro­zent al­ler Grund­schu­len im Land ha­ben in­zwi­schen Ganz­tags­an­ge­bo­te und 68 Pro­zent al­ler Schu­len. Ganz­tags- wer­den zu­dem ge­gen­über Halb­tags­schu­len be­vor­zugt – sie er­hal­ten in der Se­kun­dar­stu­fe I ei­nen 20-po­zen­ti­gen Stel­len­zu­schlag.

Zur Wahr­heit ge­hört al­ler­dings auch: Fast al­le An­ge­bo­te der Grund­schu­len sind frei­wil­lig; nur gut 42 Pro­zent der Grund­schü­ler sind laut Mi­nis­te­ri­um Ganz­tags­kin­der, nur 39 Pro­zent an wei­ter­füh­ren­den Schu­len. Al­ler­dings ist der Stu­die zur Ent­wick­lung von Ganz­tags­schu­len (2015) Ganz­tag hier, so­fern es ihn gibt, meist ver­pflich­tend. Prak­tisch al­le Ge­samt­schu­len ar­bei­ten im Ganz­tag, aber nur ein Vier­tel der Gym­na­si­en und 15 Pro­zent der Gym­na­si­as­ten. Zu­dem stell­te die Ber­tels­mann-Stif­tung 2016 fest, NRW er­fül­le bei der Ganz­tags­be­treu­ung nur Min­dest­stan­dards – hier ste­hen nur zwei Drit­tel der 13,7 zu­sätz­li­chen St­un­den zur Ver­fü­gung, auf die Ganz­tags­schü­ler im Bun­des­schnitt kom­men. Von Spren­gung der Fa­mi­li­en­struk­tu­ren kann al­so kaum die Re­de sein.

An­de­rer­seits er­schöpft sich Schul­po­li­tik nicht in der Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf. Auch die Ganz­tags­be­für­wor­ter müs­sen sich fra­gen las­sen, ob und wie ihr Mo­dell die Schü­ler vor­an­bringt. Über ei­ne „Da­ten­wüs­te“, was Di­men­si­on und Fol­gen des Ganz­tags be­trifft, schimpf­te kürz­lich Tho­mas Rau­schen­bach, der Lei­ter des Deut­schen Ju­gend­in­sti­tuts (DJI). Die Er­kennt­nis­se sind, vor­sich­tig ge­sagt, dif­fe­ren­ziert: So tref­fen sich jün­ge­re Ganz­tags­schü­ler sel­te­ner mit Freun­den, äl­te­re et­was öf­ter. Beim Sport ist es ähn­lich. Ganz­tags­schü­ler mu­si­zie­ren sel­te­ner, be­tä­ti­gen sich da­für häu­fi­ger krea­tiv – all das er­gab 2014 ei­ne DJI-Er­he­bung.

Die „Stu­die zur Ent­wick­lung von Ganz­tags­schu­len“fand eben­falls 2015 her­aus, „dass al­lein die Teil­nah­me an Ganz­tags­an­ge­bo­ten noch nicht aus­reicht, um ko­gni­ti­ve Kom­pe­ten­zen zu ver­bes­sern“. Ganz­tag macht per se kei­nen Schü­ler bes­ser – da­zu braucht es schon lang­jäh­ri­ge Ganz­tags­an­ge­bo­te mit Fach­be­treu­ung. Gu­te Ganz­tags­schu­len för­der­ten da­ge­gen, so die For­scher, So­zi­al­ver­hal­ten und Mo­ti­va­ti­on, und zwar be­son­ders ef­fek­tiv bei Grund­schul­kin­dern aus Mi­gran­ten­fa­mi­li­en.

Ge­sell­schafts­po­li­tisch und in Sa­chen In­te­gra­ti­on dürf­te der Ganz­tag al­so ins­ge­samt mehr Se­gen als Fluch sein. Was den Rest an­geht, bleibt er der gro­ße Un­be­kann­te. An Ganz­tags­schu­len kön­ne sich am ehes­ten ein neu­es Bil­dungs­ver­ständ­nis her­aus­bil­den, sagt In­sti­tuts­lei­ter Rau­schen­bach – mit neu­en For­men des Ler­nens, aber auch mit kla­rer Fo­kus­sie­rung auf Leis­tung. Dann mal los – die Mas­se ist beim Ganz­tag vor­han­den. Die Klas­se noch längst nicht.

„Al­lein die Teil­nah­me reicht nicht, um ko­gni­ti­ve Kom­pe­ten­zen zu ver­bes­sern“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.