Rot-rot-grü­ne „Sondierungen“im Bund

Nach ers­ten Lo­cke­rungs­übun­gen im Ok­to­ber ha­ben er­neut mehr als 70 Ab­ge­ord­ne­te der drei Frak­tio­nen über ein mög­li­ches Links­bünd­nis ab 2017 ge­re­det. Er­mun­te­run­gen kom­men un­ter­des­sen auch von den Pio­nie­ren aus Thü­rin­gen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON JAN DREBES

BER­LIN Wenn Fo­to­gra­fen von Nach­rich­ten­agen­tu­ren nach ei­nem Ter­min die Na­men der Red­ner nach­schla­gen müs­sen, ge­hö­ren die­se meist nicht zur ers­ten Rei­he der Bun­des­par­tei­en. Der frü­he­re NRWLan­des­grup­pen­chef der SPD, Axel Schä­fer, Lin­ken-Schatz­meis­ter Tho­mas Nord und der Grü­nen-Eu­ro­pa­ex­per­te Frit­h­jof Schmidt ste­hen im Ka­me­ra­licht. Drau­ßen tropft Nie­sel­re­gen auf die Fens­ter des Reichs­ta­ges, es däm­mert schon an die­sem Ad­vents­nach­mit­tag, Ber­lin zeigt sich von ei­ner un­ge­müt­li­chen Sei­te.

Die drei Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten wol­len je­doch Zu­ver­sicht ver­brei­ten für das Pro­jekt, das sie maß­geb­lich vor­an­trei­ben: ei­ne rot-rot­grü­ne Bun­des­re­gie­rung nach der Wahl 2017. „Wir wol­len wirk­lich son­die­ren und klä­ren, wie trag­fä­hig Ge­mein­sam­kei­ten und wo die Dif­fe­ren­zen sind“, sag­te Schmidt vor dem Tref­fen. 75 Ab­ge­ord­ne­te ka­men die­ses Mal zu­sam­men, dar­un­ter SPD-Par­tei­vi­ze Ralf Steg­ner, Jür­gen Trit­tin von den Grü­nen und Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­den­tin Pe­tra Pau (Lin­ke). Als Gast­red­ner ka­men DGB-Chef Reiner Hoff­mann und sei­ne Stell­ver­tre­te­rin An­ne­lie Bun­ten­bach. Haupt­the­men: Ar­beit und so­zia­le Ge­rech­tig­keit.

Die­ses Mal al­so kei­ne Spur von SPD-Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el, der beim ers­ten rot-rot-grü­nen Stra­te­gie­tref­fen im Ok­to­ber noch über­ra­schend da­zu­stieß und sei­ne Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley be­glei­te­te. Die Me­di­en­re­so­nanz war enorm, Ga­b­ri­el ha­be das Tref­fen auf­ge­wer­tet, hieß es im Nach­hin­ein. Be­tont wur­de auch, dass selbst kon­ser­va­ti­ve Ab­ge­ord­ne­te aus der SPD dem Tref­fen bei­wohn­ten. Ges­tern stan­den kei­ne Füh­rungs­mit­glie­der des rech­ten „See­hei­mer Krei­ses“auf der Teil­neh­mer­lis­te der SPD.

Doch die Bot­schaft war im Ok­to­ber wie jetzt ein­deu­tig: Rot-Ro­tG­rün soll aus der Schmud­del­ecke her­aus­ge­holt wer­den, Ta­bus ge­hö­ren ab­ge­baut, ei­ne rea­le Macht­op­ti­on jen­seits der Uni­ons­kanz­le­rin muss her.

Tat­säch­lich nimmt das Pro­jekt der­zeit mit zu­neh­mend Rü­cken­wind an Fahrt auf. Nicht nur, dass auch auf Spit­zen­ebe­ne Ge­sprä­che ge­führt wer­den, et­wa zwi­schen Ga­b­ri­el und der Lin­ken-Frak­ti­ons­che­fin und Spit­zen­kan­di­da­tin Sah­ra Wa­genk­necht. Hin­zu kommt, dass die CDU bei ih­rem Par­tei­tag in der Wahr­neh­mung vie­ler Wäh­ler wei­ter nach rechts rück­te und so auf der lin­ken Sei­te da­für sor­gen könn­te, dass die dort an­ge­sie­del­ten Par­tei­en künf­tig en­ger zu­sam­men­rü­cken. Au­ßer­dem wird nun nach der ers­ten rot-rot-grü­nen Lan­des­re­gie­rung in Thü­rin­gen auch Ber­lin von ei­nem sol­chen Bünd­nis an­ge­führt – wenn auch mit ei­nem So­zi­al­de­mo­kra­ten und nicht mit ei­nem Lin­ken an der Spit­ze. Die Par­tei­en wer­den sich al­so in ei­ner zwei­ten Schick­sals­ge­mein­schaft be­wei­sen kön­nen und dar­in üben, Vor­ur­tei­le ge­gen Ro­tRot-Grün ab­zu­bau­en, das ge­mein­hin mit „R2G“ab­ge­kürzt wird.

Un­ter­stütz­tung kommt da­bei zu­sätz­lich von pro­mi­nen­ten Köp­fen. Thü­rin­gens Mi­nis­ter­prä­si­dent Bo­do Ra­me­low (Lin­ke) ist Deutsch­lands rot-rot-grü­ner Pio­nier. Er hält ein sol­ches Bünd­nis auch im Bund für ei­ne Op­ti­on. „Rot-Rot-Grün in Thü­rin­gen zeigt, dass ein sol­chen Bünd­nis funk­tio­niert“, sag­te Ra­me­low un­se­rer Re­dak­ti­on. Er be­grüß­te, dass sich die drei in Fra­ge kom­men­den Part­ner nun früh­zei­tig zu­sam­men­set­zen, „um oh­ne Vor­be­din­gun­gen das Ge­mein­sa­me, aber auch das Tren­nen­de klar zu be­nen­nen und so die Vor­aus­set­zun­gen für ein sol­ches Bünd­nis im Bund dis­ku­tie­ren und de­fi­nie­ren.“Ei­ne Fort­set­zung der gro­ßen Ko­ali­ti­on im Bund tä­te je­den­falls we­der dem Land noch der De­mo­kra­tie gut, ist Ra­me­low über­zeugt. „Ei­ne Mit­te-LinksRe­gie­rung für so­zia­le Ge­rech­tig­keit wä­re die ein­deu­ti­ge bes­se­re Lö- sung“, sag­te rungs­chef.

Und in der SPD spie­len rang­ho­he An­hän­ger des lin­ken Flü­gels zu­neh­mend ih­re Sym­pa­thi­en für Rot-Ro­tG­rün nach vor­ne. Par­tei­vi­ze Thors­ten Schä­fer-Güm­bel sag­te, sei­ne Par­tei ar­bei­te für ei­ne Mehr­heit jen- Thü­rin­gens Re­gie- seits der Uni­on. Und auch Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les be­ton­te die Schwä­chen des der­zei­ti­gen Ko­ali­ti­ons­part­ners beim Lan­des­par­tei­tag der Bay­ern-SPD. Der Es­se­ner Par­tei­tag ha­be ge­zeigt, dass die CDU, so­bald Mer­kel den Raum ver­las­se, tief ge­spal­ten sei, sag­te Nah­les. „Dann lässt sie die Sau raus, dann zeigt sie ihr wah­res Ge­sicht beim Dop­pel­pass, beim Bur­ka-Ver­bot, dann tritt sie ih­rer Kanz­le­rin in den Hin­tern“, so die SPD-Lin­ke. Mer­kel sei an­ge­zählt, „ich rie­che ih­re Schwä­che“, sag­te Nah­les.

Dass Rot-Rot-Grün aber nicht nur we­gen an­hal­tend gro­ßer Dif­fe­ren­zen et­wa in der Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik der­zeit noch kei­ne rea­lis­ti­sche Macht­per­spek­ti­ve für das Jahr 2017 hat, zei­gen jüngs­te Um­fra­gen. Im ak­tu­el­len Em­nid-Sonn­tags­trend für die „Bild am Sonn­tag“kom­men SPD, Grü­ne und Lin­ke zu­sam­men auf le­dig­lich 42 Pro­zent, die Uni­on auf ins­ge­samt 36, die AfD auf 13 und die FDP auf fünf Pro­zent.

FO­TO: BERLINPRESSPHOTO/HEN­NING SCHACHT

Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD), An­ton Ho­frei­ter (Grü­ne) und die Lin­ken-Po­li­ti­ker Sah­ra Wa­genk­necht und Diet­mar Bartsch (v.l.) im Bun­des­tag.

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