Rück­blick auf ein häss­li­ches Jahr

Im In­ter­net herrscht kein Plu­ra­lis­mus, son­dern es gilt das Ge­setz des Lau­te­ren. Ge­füh­le re­gie­ren, die Wahr­heit ist un­in­ter­es­sant. Die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on wur­de von den Eli­ten viel zu lan­ge un­ter­schätzt. Be­son­ne­ne sind da­her um­so wich­ti­ger ge­wor­den – doch

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Was für ein häss­li­ches Jahr! Br­ex­it, Ter­ror, Trump. Ein Jahr, in dem sich ein gif­ti­ges Ge­bräu aus Angst, Frem­den­hass und Na­tio­na­lis­mus bis in die letz­ten Rit­zen un­se­rer Ge­sell­schaft er­gos­sen hat. Ein Jahr, in dem un­se­re Kin­der ler­nen konn­ten, dass man im Le­ben al­les wer­den kann, so­gar Prä­si­dent, wenn man nur dreist ge­nug lügt, aus­grenzt und be­trügt. Was das mit dem In­ter­net zu tun hat? Ich fürch­te: al­les.

84 Pro­zent der Deut­schen sind on­li­ne – so vie­le sind in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten bei kei­ner Bun­des­tags­wahl an die Ur­nen ge­strömt. Zei­tun­gen ver­lie­ren Le­ser, das Fern­se­hen er­lebt ei­nen kras­sen Be­deu­tungs­ver­lust. Das Netz ist zur ent­schei­den­den Are­na ge­wor­den, in der die ge­sell­schaft­li­chen Spiel­re­geln neu aus­ge­foch­ten wer­den. Dif­fe­renz­zier­te Be­trach­tungs­wei­sen ge­hen un­ter im flüch­ti­gen Netz­rau­schen. Statt Plu­ra­lis­mus herrscht in den so­zia­len Netz­wer­ken ein dar­wi­nis­ti­scher Auf­merk­sam­keits-Ka­pi­ta­lis­mus: Wer zu lei­se ist oder auch nur zö­gert, ver­liert.

Kei­ner hat das so gut ver­stan­den wie Trump. Des­sen un­ge­fil­ter­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwingt sei­ne Geg­ner in die De­fen­si­ve. In ei­ner post­fak­ti­schen Ge­sell­schaft – in der nicht die Wahr­heit, son­dern Ge­füh­le re­gie­ren – lau­fen Ar­gu­men­te ins Lee­re. Seit Ta­gen wird im Netz dar­über spe­ku­liert, ob Trump die Wahl auf­grund von Da­ten ei­ner omi­nö­sen Be­ra­tungs­fir­ma na­mens Cam­bridge Ana­ly­ti­ca ge­won­nen ha­be. Ei­ne ge­heim­nis­vol­le Wun­der­waf­fe?

Ein Pla­ce­bo, das bes­ten­falls trös­tet, nicht aber über die tat­säch­li­chen Ur­sa­chen für den Bruch in der Ge­sell­schaft hin­weg­täu­schen kann: Was wir ak­tu­ell er­le­ben, ist re­al. Ei­ne tie­fe Er­schüt­te­rung des Sys­tems, die ih­ren Ur­sprung in der wach­sen­den Kluft zwi­schen Arm und Su­per­reich hat. Ein Pro­zess, der sich durch die vor­an­schrei­ten­de Di­gi­ta­li­sie­rung un­se­rer Ar­beits­welt noch dras­tisch ver­schär­fen wird. Die Eli­te des Lan­des hat die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on viel zu lan­ge igno­riert und da­mit all je­nen das Feld über­las­sen, die nicht an Lö­sun­gen in­ter­es­siert sind, son­dern aus ganz ei­ge­nen Mo­ti­ven Hass und Gift ver­sprü­hen. Ihr Nähr­bo­den: jahr­zehn­te­lang auf­ge­stau­ter Frust der Ab­ge­häng­ten, der im Netz ein Ve­hi­kel ge­fun­den hat, sich Ge­hör zu ver­schaf­fen.

Wo sind die Be­son­ne­nen, die Dif­fe­ren­zier­ten, die das er­ken­nen? Die auch wis­sen, wie die Er­re­gungs­me­cha­nis­men im Netz funk­tio­nie­ren? Ich fürch­te, sie ha­ben sich zu­rück­ge­zo­gen – weil sie ver­stan­den ha­ben, dass ih­re Zeit noch nicht ge­kom­men ist. Di­gi­ta­le Dis­si­den­ten, die Pos­tMer­kel-Ge­ne­ra­ti­on – wir bräuch­ten sie so drin­gend in die­sen Ta­gen.

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