Von we­gen „Vi­ze­ku­sen“

Bei der Wahl zu den NRW-Sport­lern des Jah­res sie­gen zwei Le­ver­ku­se­ner Ath­le­tin­nen. Der Fe­lix Award fei­ert zehn­jäh­ri­ges Be­ste­hen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON PATRICK SCHERER

DORT­MUND Bei ro­sa ge­bra­te­nem Rin­der­fi­let mit Süß­kar­tof­fel-Bir­nen-Gra­tin und fran­zö­si­schem Rot­wein wird ge­plau­dert. Über Sport im All­ge­mei­nen, über Fern­seh­rech­te, Do­ping und Bay­er Le­ver­ku­sen im Spe­zi­el­len. Bay­er Le­ver­ku­sen, das Team, das im Fuß­ball un­wil­lent­lich den Ruf als ewi­ger Zwei­ter, als Vi­ze­ku­sen in­ne hat. An die­sem Abend geht es aber nicht um die oft­mals be­lä­chel­te Fuß­ball­ab­tei­lung. Es geht um die Leicht­ath­le­ten vom TSV Bay­er 04. Und da gibt es kei­ne Kon­tro­ver­se am Tisch. Da gibt es aus­schließ­lich Hoch­ach­tung. 1100 Gäs­te wa­ren in die Dort­mun­der West­fa­len­hal­le ge­kom­men. Zum zehn­ten Mal hat­ten der Lan­des­sport­bund und das Land NRW ge­la­den, um die NRW-Sport­ler des Jah­res mit dem Fe­lix Award aus­zu­zeich­nen.

Der ers­te Ap­plaus des Abends rich­tet sich an Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen, die als New­co­me­rin 2016 aus­ge­zeich­net wird. Da­nach er­hält Va­nes­sa Low die Glastro­phäe als Be­hin­der­ten­spor­le­rin des Jah­res. Bei­de tra­gen das Tri­kot mit dem Bay­erK­reuz auf der Brust – Bay­er Sie­ger­ku­sen.

Klos­ter­hal­fen, 19 Jah­re jung, gilt als größ­te deut­sche Hoff­nung im Mit­tel­stre­cken­lauf. Et­was schüch­tern nimmt sie den Preis ent­ge­gen, lä­chelt und wirkt froh, als sie die Büh­ne wie­der ver­las­sen darf. Um­so woh­ler fühlt sich Klos­ter­hal­fen auf der Tart­an­bahn. Sie war die zweit­jüngs­te Läu­fe­rin bei den Olym­pi­schen Spie­len in Rio de Janei­ro, er­reich­te das Halb­fi­na­le über 1500 Me­ter und wur­de Deut­sche Meis­te­rin über die­se Dis­tanz.

Low (26), Welt­re­kord­hal­te­rin und Gold­me­dail­len­ge­win­ne­rin im Weit­sprung bei den Pa­ralym­pics, sen­det ei­ne Gruß­bot­schaft auf die Vi­deo­lein­wand. Sie ist zu ih­rem Freund ins aus­tra­li­sche Can­ber­ra ge­zo­gen. Jörg Frisch­mann, Ge­schäfts­füh­rer der Le­ver­ku­se­ner Be­hin­der­ten­sport­ab­tei­lung, nimmt den Preis stell­ver­tre­tend ent­ge­gen und äu­ßert leich­te Sor­ge, dass der Um­zug ans an­de­re En­de der Welt gleich­be­deu­tend mit dem En­de der Li­ai­son Lo­wBay­er sein könn­te.

Gro­ße Sor­ge, dass der TSV in Zu­kunft we­ni­ger Er­fol­ge fei­ern wird, muss Frisch­mann aber nicht ha­ben. In Da­vid Beh­re, Hein­rich Po­pow und Fran­zis­ka Lieb­hardt stan­den mit Low vier Le­ver­ku­se­ner Ath­le­ten un­ter den fünf no­mi­nier­ten Be­hin­der­ten­sport­lern. „Man muss auch mal fest­hal­ten, was Bay­er Le­ver­ku­sen für den Be­hin­der­ten­sport in Deutsch­land tut“, sagt Mo­de­ra­tor Claus Lu­fen und er­reicht laut­star­ke Zu­stim­mung in der Hal­le.

Es ist al­ler­dings ei­ner der we­ni­gen Mo­men­te, in de­nen die Zu­schau­er emo­tio­nal re­agie­ren. Zu tro­cken, zu staats­tra­gend kommt die Ver­an­stal­tung über wei­te Stre­cken da­her. Für die amü­san­ten Hö­he­punk­te sor­gen vor al­lem zwei Sie­ger: Max Rend­schmidt, Dop­pel-Olym­pia­sie­ger im Ka­nu, wird als Sport­ler des Jah­res aus­ge­zeich­net und über­zeugt als Spaß­vo­gel – pa­ra­do­xer­wei­se in sei­ner Ar­beits­klei­dung als Bun­des­po­li­zist.

Sein weib­li­ches Pen­dant: Gi­na Lü­ckenk­em­per. Die Sprin­te­rin bringt Schlag­fer­tig­keit und Spon­ta­ni­tät in die durch­cho­reo­gra­phier­te Ver­lei­hung. Die 20-Jäh­ri­ge nimmt den Award für die Mann­schaft des Jah­res, die mit Bron­ze in Rio de Janei­ro de­ko­rier­te 4x100-Me­terStaf­fel, ent­ge­gen.

Als Sport­ler der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re wird Ti­mo Boll aus­ge­zeich­net. Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) streicht in ih­rer Lau­da­tio vor al­lem die Bo­den­stän­dig­keit des Welt­klas­se-Tisch­ten­nis­spie­lers her­aus. Oh­ne zu ver­heh­len, dass Boll auch als wirt­schaft­li­cher Fak­tor für NRW In­ves­to­ren aus Chi­na an­lockt. Auch Boll ist nicht in der Hal­le, um den Preis zu emp­fan­gen. Sei­ne Ent­schul­di­gung passt aber per­fekt zur Be­schrei­bung des Men­schen Boll. Sein ers­ter Trai­ner er­hält zeit­gleich das Bun­des­ver­dienst­kreuz – und der Coach hat­te Boll nun mal zu­erst ge­fragt. Ver­spro­chen ist ver­spro­chen.

Na­tür­lich bleibt auch das The­ma Do­ping nicht au­ßen vor. Am Mor­gen war schließ­lich der zwei­te Teil des McLa­ren-Re­ports ver­öf­fent­licht wor­den, in dem mehr als 1000 rus­si­schen Ath­le­ten sys­te­ma­ti­sches Do­ping vor­ge­wor­fen wird. Kri­tik rich­tet sich in Dort­mund vor al­lem an das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee und des­sen Prä­si­den­ten Tho­mas Bach.

Pas­send da­zu er­hält Ham­mer­wer­fer Mar­kus Es­ser ei­nen Son­der­preis. Durch Do­ping­über­füh­rung sei­ner Kon­kur­ren­ten rück­te Es­ser bei der EM 2005 und der WM 2006 nach­träg­lich auf den Bron­zerang, die Me­dail­len da­für will er aber nicht zu­ge­schickt be­kom­men. „Die spä­te An­er­ken­nung ist schön, aber sie kann mir den Mo­ment auf dem Po­dest nicht wie­der­ge­ben“, sagt Es­ser, der jah­re­lang den Ruf als ewi­ger Vier­ter mit sich her­um­schlepp­te. Es­ser trat für den TSV Bay­er an.

FO­TO: IM­A­GO

Mai 2016: Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen siegt in Ostra­va über 1500 Me­ter.

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