Ken­ne­dy warnt vor Kul­tur­ver­lust

Die Bri­tin Al­ison Loui­se Ken­ne­dy ist mit dem Hei­ne-Preis ge­ehrt wor­den.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

DÜSSELDORF Das hat sich ge­wa­schen, was die 51-jäh­ri­ge En­g­län­de­rin ges­tern bei der Ver­lei­hung des Hei­ne-Prei­ses ih­ren Lands­leu­ten um die Oh­ren hau­te. Man muss es so hart sa­gen, weil auch A. L. Ken­ne­dy mit der Kri­tik am Bil­dungs­sys­tem ih­rer Hei­mat kom­pro­miss­los zu Ge­richt ging – mit har­schen Wor­ten, die wie heil­sa­me Na­del­sti­che den Fest­akt im Rat­haus zu Düsseldorf be­leb­ten. Wäh­rend Deutsch­land sich im­mer noch an Lek­tio­nen der Ge­schich­te klam­mer­te, wür­de im Groß­bri­tan­ni­en der Ge­gen­wart durch „epi­de­mi­sche Bi­b­lio­theks­schlie­ßun­gen und ei­ne mas­siv ein­ge­dampf­te li­te­ra­ri­sche Kul­tur“ver­hin­dert wer­den, „dass Bü­cher ge­le­sen wer­den oder über­haupt ent­ste­hen“kön­nen. Und zu die­ser Li­te­ra­tur­ver­nich­tung ge­hö­re nach ih­ren Wor­ten eben auch, dass ihr Land lie­ber „trau­ma­ti­sier­te und schutz­lo­se Kin­der im Schlamm von Ca­lais oder wer weiß wo lie­gen­las­sen wür­de, als sie will­kom­men zu hei­ßen“.

Zwei Fra­gen stell­ten sich da et­li­chen Zu­hö­rern bei der Ver­lei­hung des mit 50.000 Eu­ro do­tier­ten Per­sön­lich­keits­prei­ses: ob dies ei­ner­seits zu­sam­men­pas­se und an­de­rer­seits über­haupt zu ei­nem Fest­akt ge­hö­re. Auf bei­des gab die 51-jäh­ri- ge Ken­ne­dy ih­re Ant­wort. So be­ste­he ei­ne kla­re Ver­bin­dung zwi­schen dem Man­gel an Kul­tur und dem Man­gel an Men­sch­lich­keit. Un­se­re Kul­tur schafft die Rea­li­tät, in der wir le­ben, sag­te sie. Und: „Zu­erst wird die Kunst er­mor­det, dann der Mensch. Im­mer. Im­mer.“Na­tür­lich durf­ten dann auch Hei­nes be­ängs­ti­gend pro­phe­ti­schen Wor­te nicht feh­len, dass dort, wo man Bü­cher ver­brennt, man am En­de auch Men­schen ver­brennt. Ein Schre­ckens­sze­na­rio, ge­wiss; aber eins, das Ken­ne­dy in der De­bat­ten­kul­tur ih­res Lan­des er­spürt. So wer­de mitt­ler­wei­le je­der Ver­such, sich über das Ni­veau der Gos­se zu er­he­ben, als „Bes­ser­wis­se­rei“oder auch „welt­frem­der Wahn­sinn“ge­brand­markt.

Es gab vie­le an­de­re und wohl­über­leg­te Wor­te in die­ser Fei­er­stun­de: rich­ti­ge von Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Gei­sel, der Viel­falt, To­le­ranz und Re­spekt als Ei­gen­schaf­ten ei­ner mün­di­gen Bür­ger­ge­sell­schaft de­kla­rier­te; und in­tel­lek­tu­ell wür­di­gen­de von Lau­da­to­rin Ju­li­ka Griem, die in Ver­tre­tung ih­res er­krank­ten Gat­ten Hu­bert Spie­gel nach Düsseldorf ge­kom­men war. Am En­de aber klan­gen nur die Wor­te A. L. Ken­ne­dys nach und blie­ben im Ge­dächt­nis wie Wi­der­ha­ken.

Schon des­halb, weil sie sich selbst in die Pflicht nahm und be­kann­te, bei al­lem En­ga­ge­ment of­fen­bar nicht ge­nug ge­tan zu ha­ben. Wäh­rend Au­to­ren hier­zu­lan­de sich zu­neh­mend aus dem so­ge­nann­ten Mei­nungs­dienst ver­ab­schie­den, scheut Ken­ne­dy kei­ne De­bat­te. Im Ge­gen­teil. Und da­für rei­chen kei­ne „fröh­li­chen Pres­se­er­klä­run­gen“oder an­ge­neh­me Ver­an­stal­tun­gen un­ter Gleich­ge­sinn­ten. Nein, die­se Ken­ne­dy macht al­len klar, dass sie den Hei­ne-Preis nicht für bis­her Ge­leis­te­tes ent­ge­gen­nimmt, son­dern als Er­mu­ti­gung für ihr künf­ti­ges Wir­ken. Mag schon sein, dass Al­ison Loui­se Ken­ne­dy nicht die be­rühm­tes­te Trä­ge­rin des gro­ßen Düs­sel­dor­fer Prei­ses ist. Aber sie ist im un­miss­ver­ständ­li­chen Sin­ne Hein­rich Hei­nes ei­ne der wür­digs­ten.

FO­TO: AN­NE ORTHEN

Hei­ne-Preis­trä­ge­rin Ken­ne­dy wur­de in Düsseldorf ge­ehrt.

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