Die Stadt braucht Füh­rung statt Mo­de­ra­ti­on

Ni­co­le Fin­ger (FDP) und Bar­ba­ra Gers­mann (SPD) re­den über ihr Po­li­tik-Ver­ständ­nis, das Be­glü­cken­de und Frus­trie­ren­de an Po­li­tik, das Kleid der Kar­ne­vals­prin­zes­sin Nier­sia und die An­for­de­run­gen an den nächs­ten Ober­bür­ger­meis­ter.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - RALF JÜN­GER­MANN FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

Frau Gers­mann, Sie wä­ren fast mal Ju­so-Bun­des­vor­sit­zen­de ge­wor­den, sind bei der SPD und Rhe­ydte­rin. Frau Fin­ger, Sie sind Un­ter­neh­me­rin, bei der FDP und le­ben in Glad­bach. War­um mö­gen Sie sich trotz­dem? BAR­BA­RA GERS­MANN Die Zei­ten so­zi­al­li­be­ra­ler Ko­ali­tio­nen wa­ren nicht die schlech­tes­ten für un­ser Land. NI­CO­LE FIN­GER Das stimmt. Ich glau­be, wir ha­ben trotz in­halt­li­cher Dif­fe­ren­zen ei­ne ähn­li­che Art, Po­li­tik zu ma­chen. Und die wä­re? FIN­GER Wir in­ter­es­sie­ren uns für die In­hal­te... GERS­MANN Wo­mit man schnell auf­fällt. FIN­GER Wir hö­ren ger­ne zu... GERS­MANN Dar­um fal­len wir uns auch schon mal ins Wort. FIN­GER Wir su­chen nach Kom­pro­mis­sen. GERS­MANN Und ganz wich­tig: Wir ha­ben ei­ne ähn­li­che Art von Hu­mor. Bei man­chen po­li­ti­schen De­bat­ten hilft das sehr. Frau Fin­ger, wie viel FDP steckt in Bar­ba­ra Gers­mann? FIN­GER Sie hat die Über­zeu­gung, dass Ei­gen­ver­ant­wor­tung wich­tig ist, dass Staat nicht al­les von au­ßen re­geln kann. Das ist ei­ne zu­tiefst li­be­ra­le Über­zeu­gung. Frau Gers­mann, wie viel SPD steckt in Ni­co­le Fin­ger? GERS­MANN Das Wis­sen dar­um, wie wich­tig gu­te Bil­dung ist, da­mit der Ein­zel­ne et­was aus sich ma­chen kann, ist so­zi­al­de­mo­kra­tisch. Das ver­tritt Ni­co­le sehr über­zeu­gend. Was macht Spaß an Po­li­tik? FIN­GER Ge­stal­ten zu kön­nen. Dar­um ist Op­po­si­ti­on wirk­lich Mist, weil selbst die bes­te Idee nur sel­ten ei­ne Chan­ce hat. GERS­MANN Ich kom­me ja aus Ha­gen, wo die So­zi­al­de­mo­kra­ten ei­ne an­de­re Rol­le spie­len als hier. Bei mei­nem ers­ten Par­tei­tag in Mön­chen­glad­bach ha­be ich mich sehr ge­wun­dert, als das Ziel be­nannt wur­de, bei der nächs­ten Wahl bes­ser ab­zu­schnei­den als bei der letz­ten. Bes­ser? Ich will ge­win­nen! Ist doch klar. Spaß macht üb­ri­gens auch Schlag­ab­tausch mit in­tel­li­gen­ten Kol­le­gen. Was ist frus­trie­rend an Po­li­tik? FIN­GER Fest­ge­fah­re­ne Vor­ur­tei­le. Wenn je­mand was von so­zia­ler Käl­te fa­selt, weil ich in der FDP bin, nervt das. Da­für ste­he ich nun wirk­lich nicht. GERS­MANN Bei man­chen Sit­zun­gen hat man das Ge­fühl, man könn­te das Skript schrei­ben. Man ahnt, wer was sa­gen wird und wie der an­de­re dar­auf re­agie­ren wird. Po­li­ti­ker soll­ten doch so fle­xi­bel im Kopf sein, auch mal an­ders ab­bie­gen zu kön­nen. Wenn sie das nicht sind, kann das sehr frus­trie­rend sein. Rhe­ydt und Glad­bach – ist das heu­te ernst­lich noch ein The­ma? FIN­GER Na ja, ich ha­be manch­mal den Ein­druck, dass das in­zwi­schen mehr von Men­schen, die nach 1975 ge­bo­ren wur­den, ge­lebt wird. Ich weiß noch, als ich zum ers­ten Mal bei der Kar­ne­vals­sit­zung der CDU Stadtmitte (MG) war. Da mach­te je­mand ei­nen Witz, bei dem es um die Fra­ge ging, war­um es in Rhe­ydt denn schon Strom gibt. Der Saal tob­te. Und ich ha­be nicht ver­stan­den war­um. In­zwi­schen weiß ich, wann ich la­chen soll. Bit­ter fin­de ich, wenn die­se Fra­ge zum Ent­schei­dungs­kri­te­ri­um wird. Al­so, dass das ei­ne Zen­trum Geld be­kom­men muss, weil das an­de­re wel­ches be­kom­men hat. GERS­MANN Als Süd.. . FIN­GER . . .bist du in der Fra­ge be­fan­gen. GERS­MANN .. .sa­ge ich, dass ich schon Sor­ge ha­be, dass nach der So­zia­len Stadt Rhe­ydt nun die So­zia­le Stadt Alt-Glad­bach kommt und man in Rhe­ydt das Mes­ser im Schwein ste­cken lässt. Be­zirks­vor­ste­he­rin Ich ver­su­che gar nicht erst ei­ne ele­gan­te Über­lei­tung hin­zu­be­kom­men, son­dern fra­ge mit Mut zum Bruch: Wie ist es, Bar­ba­ra Gers­mann im blau­en Prin­zes­si­nen-Kleid zu se­hen? FIN­GER Ich hat­te ja et­was län­ger Zeit, mich an den Ge­dan­ken zu ge­wöh­nen. Ich ge­be zu, die­ses Kleid hat bei un­se­ren letz­ten Tref­fen schon ei­ne ge­wis­se Rol­le ge­spielt. Und ich fin­de es wirk­lich su­per. Wär das was für Sie? FIN­GER Nein, ist mir zu klein. Das Amt? FIN­GER 350 Ter­mi­ne in ein paar Wo­chen? Das ist mit mei­ner fa­mi­liä­ren Si­tua­ti­on nicht zu ver­ein­ba­ren. Und mein Mann wür­de das auch nicht mit­ma­chen. Das scheint mir mehr was für Rent­ner zu sein. GERS­MANN Pen­sio­när, bit­te. Wo­bei ich Rent­ner we­ni­ger de­spek­tier­lich fin­de als Alt-Ober­bür­ger­meis­ter. GERS­MANN Das ha­be ich nur ein­mal ge­sagt. Üb­ri­gens könn­test du Ni­co­le ja MKV-Vor­sit­zen­de wer­den. Das sind nicht so vie­le Ter­mi­ne. Was wür­den Sie als Ober­bür­ger­meis­te­rin an­ders ma­chen, als Hans Wil­helm Rei­ners es tut? FIN­GER Ich wür­de mehr füh­ren und we­ni­ger mo­de­rie­ren. Ich ha­be das Ge­fühl, dass er Tei­le sei­ner Rol­le gar nicht erst an­nimmt. Mei­ne Hoff­nung war, er hät­te ein paar The­men im Ge­päck, die er in be­son­de­rem Ma­ße nach vor­ne brin­gen wür­de. Die kann ich bis­her nicht er­ken­nen. GERS­MANN Kann man bei Fra­gen auch „wei­ter“sa­gen? Nein. GERS­MANN Ich bin da nicht ganz neu­tral und ver­su­che es mal di­plo­ma­tisch. FIN­GER Da bin ich aber ge­spannt. GERS­MANN Ich hat­te frü­her mit Nor­bert Bu­de, als er Ober­bür­ger­meis­ter war, Dis­kus­sio­nen dar­um, wie schnell und wie tief man Din­ge in der Ver­wal­tung an­sto­ßen und ver­än­dern muss. Mir ging man­ches viel zu lang­sam. Das emp­fin­de ich jetzt noch stär­ker. Frau Fin­ger, die Be­deu­tung wel­ches The­mas un­ter­schätzt die Gro­ße Ko­ali­ti­on aus CDU und SPD in Mön­chen­glad­bach? FIN­GER Ganz klar: den schlech­ten Zu­stand un­se­rer Schu­len. Das ist noch nicht an­ge­kom­men. Bei vie­len Pro­jek­ten gilt ge­ra­de die Maß­ga­be: Geht nicht, gibt’s nicht. Rat­haus für 40 Mil­lio­nen? Gro­ße Was­ser­flä­che am Ge­ro­wei­her mit Tief­ga­ra­ge drun­ter? Glad­bach-See in Ci­ty Ost? Schaf­fen wir schon! 9 Mil­lio­nen für Schu­len drauf­sat­teln? Uh, das ist schwie­rig. Das passt für mich nicht zu­sam­men. Frau Gers­mann, was müss­te die Op­po­si­ti­on bes­ser ma­chen? GERS­MANN Den Fin­ger noch mehr in die Wun­den le­gen – und zwar fach­lich fun­diert. Ich bin die letz­te, die was ge­gen Zu­spit­zung hät­te. Aber man­ches wird eher we­gen des gu­ten Spruchs raus­ge­hau­en als aus ech­ter Sach­kennt­nis. Und das bringt nie­man­den wei­ter. Frau Fin­ger, theo­re­tisch wä­re im Rat auch ei­ne Mehr­heit aus CDU und FDP mög­lich. Hät­ten Sie da Lust drauf? FIN­GER Ich ha­be im­mer Lust aufs Ge­stal­ten. Aber ich glau­be, die CDU hat Sor­ge vor der Wi­der­spens­ti­gen Zäh­mung. GERS­MANN Das hast du aber schön ge­sagt! FIN­GER Und sie hat ei­nen so hand­zah­men Ju­ni­or-Part­ner, dass sie kei­ne Lust ver­spü­ren wird, da­ran et­was zu än­dern. Wird Fe­lix Hein­richs der nächs­te Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Mön­chen­glad­bach? GERS­MANN Das kann ich mir vor­stel­len. FIN­GER Vor­stel­len kann ich mir das auch. Er bringt sich ja schon ganz gut in Po­si­ti­on als ei­ne Art Pres­se­spre­cher der GroKo. Von der CDU scheint ja oft nie­mand Re­le­van­tes er­reich­bar zu sein. Da ge­hört das Feld al­lein ihm. Aber ob ich mir das wün­schen soll, weiß ich nicht. Was ich ge­ra­de über Rei­ners ge­sagt ha­be, gilt für ihn auch. Wo­für steht er? Was ist sein An­trieb? Ich fin­de, ein Ober­bür­ger­meis­ter muss mehr sein als ein pro­fes­sio­nel­ler Po­li­tik-Mo­de­ra­tor. GERS­MANN Ich bin schon dank­bar, wenn an den Po­si­tio­nen über­haupt Pro­fis sit­zen.

FO­TO: ISA­BEL­LA RAUPOLD

Die Rhe­ydter SPD-Po­li­ti­ke­rin Bar­ba­ra Gers­mann und die Glad­ba­cher FDP-Frak­ti­ons­che­fin Ni­co­le Fin­ger (v.l.) schät­zen sich.

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