Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Hast du schon frü­her Bei­trä­ge von Mo­vie­fonds be­kom­men?“„Zwei­mal.“„Und wie vie­le da­von wa­ren Wie­der­er­wä­gun­gen?“„Kei­ne. Aber sie dür­fen wie­der­er­wä­gen. Steht in den Sta­tu­ten. Wenn sich neue Ge­sichts­punk­te er­ge­ben.“

„Und wel­ches wa­ren die neu­en Ge­sichts­punk­te bei Mon­te­cris­to?“

„Vi­el­leicht, dass ich dran­ge­blie­ben bin. Ich bin stän­dig in Kon­takt mit Ser­ge Cress, dem Ge­schäfts­füh­rer. Sag mal, denkst du ei­gent­lich da­ran, den Bet­tel hin­zu­schmei­ßen?“

„Falls es stimmt, was ich ver­mu­te – wie kann ich da wei­ter­ma­chen?“

Jeff Rebstyn griff kopf­schüt­telnd zum Te­le­fon. „Gib mir Cress“, sag­te er. Und zu Jo­nas: „Jetzt wer­den wir ja se­hen.“

Das Te­le­fon klin­gel­te, Jeff hob ab, nick­te, warf Jo­nas ei­nen ver­schwö­re­ri­schen Blick zu und sag­te laut und auf­ge­räumt: „Ser­ge! Er­wisch ich dich? Wie geht’s? – Mir auch, dan­ke. – Duuu, ich ha­be hier Brand im Bü­ro, den Mann, der Mon­te­cris­to macht, du weißt schon. Er ist grad von Bang­kok zu­rück und kurz im Land . . .“Er zwin­ker­te Jo­nas zu . . . „und möch­te dich ken­nen­ler­nen. Fra­ge: Wie fle­xi­bel bist du?“

Jeff hielt die Hand über die Sprech­mu­schel und zisch­te Jo­nas zu: „Be­am­ter. Sehr fle­xi­bel.“Dann wie­der in die Mu­schel: „Ka­len­der? Nein, nein, ich mei­ne, sehr fle­xi­bel. To­tal. Kann ich im Sil­ber­nen Frosch re­ser­vie­ren? Zum Mit­tag­es­sen? Heu­te?“

Wie­der mit der Hand über der Mu­schel zu Jo­nas: „Muss sei­nen Ka­len­der kon­sul­tie­ren. Wet­ten, der kann?“

„Geht? Su­per! Halb eins? In knapp zwei St­un­den! Ich freu mich!“

„So. Den kannst du fra­gen, wie das zu­stan­de ge­kom­men ist. Und du wirst se­hen: al­les im grü­nen Be­reich. Tref­fen wir uns dort? Ich muss noch ein paar Sa­chen er­le­di­gen.“

Jo­nas stand auf und ging zur Tür. Be­vor er sie öff­ne­te, sag­te Rebstyn: „Jo­nas, du willst ein­fach den ken­nen­ler­nen, der dir die­sen Traum er­füllt, und wis­sen, was die zur Wie­der­er­wä­gung be­wo­gen hat. Dei­ne Räu­ber­ge­schich­te be­hältst du für dich.“

Cress war ihm auf An­hieb sym­pa­thisch. Über­haupt nicht der ty­pi­sche Be­am­te, wie er ihn sich nach Rebstyns An­deu­tun­gen vor­ge­stellt hat­te, son­dern ein le­ger ge­klei­de­ter End­drei­ßi­ger mit halb­lan­gen Haa­ren und ei­ner Bril­le, de­ren mil­chig trans­pa­ren­tes Ge­stell ihm et­was von ei­nem In­tel­lek­tu­el­len der ame­ri­ka­ni­schen Ost­küs­te ver­lieh.

Er saß schon an Jeffs Lieb­lings­tisch, als Jo­nas den Sil­ber­nen Frosch be­trat. Der Gast­ge­ber war noch nicht da, vi­el­leicht aus Ab­sicht.

„Sie müs­sen Herr Cress sein“, sag­te Jo­nas, „ich er­ken­ne Sie am Tisch.“Er setz­te sich und be­stell­te ein Mi­ne­ral­was­ser, wie Ser­ge Cress.

„Ich freue mich, Sie per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen“, sag­te Cress. „Ich bin ein gro­ßer Fan von Mon­te­cris­to.“

Jo­nas muss­te sich an sol­chen Bei­fall für sein Dreh­buch erst ge­wöh­nen. In den letz­ten sechs Jah­ren hat­te er nicht viel da­von er­hal­ten. Des­halb re­agier­te er mit ei­nem miss­traui­schen „War­um?“.

Er brach­te Cress da­mit nicht in Ver­le­gen­heit. „Der Graf von Mon­te Chris­to war mein Lieb­lings­buch als Jun­ge. Und Ra­che für ei­ne Un­ge­rech­tig­keit ist ei­nes der un­fehl­bars­ten dra­ma­tur­gi­schen Prin­zi­pi­en, die es gibt. Kommt die Mi­schung aus Archa­isch und High­tech da­zu plus das Al­ter der Prot­ago­nis­ten: al­le in der Ge­ne­ra­ti­on der Ki­no­haupt­ziel­grup­pe. Doch, doch. Ich glau­be, die Vor­la­ge hat das Zeug zum Block­bus­ter. Jetzt muss nur noch die Be­set­zung stim­men. Und na­tür­lich die Re­gie.“

„Das macht mir auch am meis­ten Sor­gen.“

Cress lach­te. „Das soll­ten Sie ei­nem Geld­ge­ber nicht sa­gen.“

„Auch dar­in ha­be ich kei­ne Er­fah­rung.“Bei­de lach­ten. „Wir ver­trau­en Ih­nen“, sag­te Cress.

„Das ist der Grund, wes­halb ich Sie un­be­dingt ken­nen­ler­nen woll­te. Ich ken­ne nicht vie­le Leu­te, die mir ver­trau­en. Je­den­falls auf die­sem Ge­biet.“„Hier sitzt ei­ner vor ih­nen.“Jo­nas mus­ter­te ihn nach­denk­lich. „Darf ich fra­gen, war­um?“

Cress über­leg­te nur kurz. „Ei­ner, der so lan­ge so hart­nä­ckig ei­ne Idee ver­folgt, wird sie nicht in den Sand set­zen, wenn er sie end­lich ver­wirk­li­chen kann.“

Die Be­grün­dung amü­sier­te Jo­nas. Aber er gab zu be­den­ken: „Für gro­ße Fil­me braucht es Ge­nie, nicht Hart­nä­ckig­keit.“„Vi­el­leicht ha­ben Sie bei­des?“„Stö­re ich?“Jeff Rebstyn warf sei­nen lan­gen Schat­ten auf den Tisch. Ser­ge Cress stand auf zur Be­grü­ßung, Jo­nas blieb erst sit­zen, weil er ihn ja vor­hin schon be­grüßt hat­te, kam sich dann aber selt­sam vor, er­hob sich halb und war­te­te zwi­schen Sit­zen und Ste­hen, bis der Pro­du­zent sich nie­der­ließ.

„Schon al­les be­spro­chen?“, er­kun­dig­te sich Rebstyn, als er end­lich saß.

Cress lä­chel­te. „Ich weiß es nicht. Ha­ben wir das, Herr Brand?“

„Fast ei­ne Vier­tel­stun­de al­lein und noch im­mer per Sie?“Er sah die bei­den Was­ser­glä­ser. „Al­les klar, fal­sches Ge­tränk.“Er mach­te dem Kell­ner ein Zei­chen, und der brach­te oh­ne Rück­fra­ge ei­ne Fla­sche Cham­pa­gner von Rebstyns Mar­ke. Jeff kos­te­te, ließ ein­schen­ken und stieß an.

Jetzt, wo Jo­nas Brand mit dem Chef von Mo­vie­fonds per du war, fiel es ihm leich­ter, bei ei­ner Cô­te de Bo­euf mit Risot­to und Man­gold die Fra­gen zu stel­len, die ihn be­schäf­tig­ten.

„Ich ha­be ge­hört, die GCBS sei der Haupt­geld­ge­ber der Mo­vie­fonds“, be­gann er bei­läu­fig.

„Künst­ler!“, lach­te Jeff, zu Ser­ge ge­wandt. „Sie lie­ben es, ge­schenk­ten Gäu­len in die Mäu­ler zu schau­en.“

„Das kann ich gut ver­ste­hen. Wür­de ich an ih­rer Stel­le auch. Nur ist Mo­vie­fonds ein Gaul mit sta­tu­ta­risch fest zu­sam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen. Ich darf die Fra­ge nicht be­ant­wor­ten.“

„Aber we­nigs­tens die­se: Laut Sta­tu­ten ha­ben die Geld­ge­ber theo­re­tisch kein Mit­spra­che­recht bei der Ver­ga­be von För­der­gel­dern. Und prak­tisch?“

„So­lan­ge ich da­bei bin, las­se ich nicht zu, dass zwi­schen Theo­rie und Pra­xis un­ter­schie­den wird.“

Rebstyn spül­te ei­nen Bis­sen Fleisch mit ei­nem Schluck Bor­deaux run­ter, hob das Glas und sag­te: „Ein gro­ßes Wort.“

Jo­nas nahm auch ei­nen Bis­sen und be­rei­te­te sich auf den ent­schei­den­den Teil des Ge­sprächs vor. Das Es­sen war her­vor­ra­gend, und Cham­pa­gner und Wein hat­ten ihn in ei­ne woh­li­ge Stim­mung ge­bracht, wie sie sich manch­mal in an­ge­neh­mer Ge­sell­schaft ein­stell­te, wenn er wuss­te: Al­les wird gut.

(Fort­set­zung folgt)

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