Fran­tisˇek fliegt

14 Mi­nu­ten brauch­te Fran­tisˇek Ha­dra­va mit dem Au­to zur Ar­beit. Zu lan­ge, fand er – und bau­te sich kur­zer­hand ein Flug­zeug. Die Ge­schich­te ei­nes Man­nes, der fragt: „War­um denn nicht?“

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON TO­BI­AS JOCH­HEIM

PRAG Man könn­te sa­gen, Fran­tisˇek Ha­dra­va ha­be sich ein Flug­zeug ge­baut, um beim Pen­deln ein paar Mi­nu­ten zu spa­ren. Ganz falsch wä­re das nicht; im Ver­gleich zum Au­to­fah­ren spart er beim Flie­gen na­tür­lich Zeit, und Sprit noch da­zu: Die „Vam­pi­ra“ver­braucht nur sechs Li­ter pro St­un­de, da kann sein tan­nen­grü­ner Sko­da nicht mit­hal­ten. Aber Ha­dra­va hat sich ein Flug­zeug ge­baut, weil er Lust da­zu hat­te. Weil er den Kopf ei­nes In­ge­nieurs hat, die Hän­de ei­nes Tisch­lers, ei­nen Pi­lo­ten­schein und das Herz ei­nes Ro­man­ti­kers. Weil er ein Träu­mer ist; ei­ner, dem sei­ne Träu­me so wich­tig sind, dass er sie ver­wirk­licht.

Ei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie, die über sein zeit­auf­wän­di­ges Hob­by klagt, hat er nicht. Sei­ne Schwes­ter ha­be es für Spin­ne­rei ge­hal­ten, er­in­nert er sich, „aber in­zwi­schen hat sie ih­re Mei­nung ge­än­dert, wie fast al­le Leu­te hier“. Der 45-Jäh­ri­ge lebt im Dörf­chen Zdi­kov, im Süd­os­ten Tsche­chi­ens, na­he dem Drei­län­der­eck mit Ös­ter­reich und Deutsch­land. Die Re­gi­on ist dünn be­sie­delt und dicht be­wal­det „Na­tür­lich ist es schwer, hier gu­tes Geld zu ver­die­nen“, sagt Ha­dra­va. „Aber hier ist mei­ne Hei­mat.“Die Flie­ge­rei fas­zi­niert ihn seit sei­ner Kind­heit, und er bau­te im­mer aus­ge­feil­te­re Flug­zeug­mo­del­le. Ei­ge­ne Flug­er­fah­run­gen sam­mel­te er mit Gleit­schir­men und Mo­tor­dra­chen, bald folg­te der „gro­ße“Pi­lo­ten­schein. 2002 wag­te er sich an ech­te Flug­zeu­ge, im Maß­stab 1:1 und voll funk­ti­ons­fä­hig.

Ob­wohl es nie­mals Stau gibt auf den knapp 15 Ki­lo­me­tern zu sei­ner Ar­beits­stel­le, nerv­te den Schlos­ser die Pen­de­lei. 14 Mi­nu­ten brauch­te er frü­her für ei­nen Weg, höchs­tens. Heu­te be­nö­tigt er knapp die Hälf­te, wenn er die land­schaft­lich reiz­volls­te Rou­te über die be­wal­de­ten Hü­gel des Böh­mer­walds nimmt. Mit der „Vam­pi­ra“, ei­nem Flug­zeug, das er selbst ent­wi­ckelt und ge­baut hat. Sie ba­siert auf den Ent­wür­fen des ame­ri­ka­ni­schen Ul­tra­leicht­flug­zeu­gHer­stel­lers „Mi­ni-Max“, der seit 30 Jah­ren ver­sucht, Kos­ten, Bau­zeit und Ge­wicht von Ei­gen­bau-Flug­zeu­gen zu sen­ken. Die­sen Bau­plan hat Ha­dra­va ver­än­dert, den Rumpf ver­län­gert, Cock­pit und Pi­lo­ten­sitz um­ge­stal­tet so­wie fast al­le Ober­flä­chen ab­ge­run­det. „Ich woll­te, dass es his­to­risch wirkt“, sagt er.

Das Flug­zeug ist aus hand­ver­le­se­nem Fich­ten- und Bir­ken­sperr­holz Fran­tisˇek Ha­dra­va Flug­zeug­bau­er ge­säg, be­spannt mit Lei­nen und Fo­lie, aus­ge­stat­tet nur mit den nö­tigs­ten In­stru­men­ten wie Kom­pass, Fahrt-, Hö­hen- und Stei­gungs­mes­ser. Die Ru­der, mit de­nen er steu­ert, be­wegt er über Draht­sei­le. „Tu, wor­in du gut bist und was dir Spaß macht“, sagt er. „Und lass die Leu­te ein­fach re­den.“

Ha­dra­vas „Vam­pi­ra“ist ein Leicht­ge­wicht von 175 Ki­lo, trägt das Kenn­zei­chen OK-IUX-02, er­reicht bis zu 146 St­un­den­ki­lo­me­ter. Bei al­ler All­tags­taug­lich­keit ist es ei­ne Schön­heit. Der Pro­pel­ler aus ge­ma­ser­tem Eschen­holz. Die drei Zy­lin­der des klas­si­schen, sil­bern glän­zen­den Stern­mo­tors – es ist der drit­te, den er ein­ge­baut hat, und der ers­te, mit des­sen Leis­tung und Sound er zu­frie­den ist. Das Le­der, mit dem der Sitz und der Rand der Wind­schutz­schei­be be­zo­gen sind. Und die In­stru­men­te, mit Zif­fern und Zei­gern statt Di­gi­tal­dis­plays.

Nur 3700 Eu­ro ha­be er in die „Vam­pi­ra“in­ves­tie­ren müs­sen, be­teu­ert er. Zu ver­dan­ken ist das dem tsche­chi­schen Mo­to­ren­her­stel­ler Ver­ner, der ihm den Mo­tor über­ließ, so­wie sei­nem Ar­beit­ge­ber, der ihn beim Bau­holz un­ter­stütz­te. In Deutsch­land kos­tet al­lein die Zu­las­sung ei­nes Ei­gen­baus min­des­tens 2000 Eu­ro, die Ge­neh­mi­gun­gen beim Luft­fahrt­bun­des­amt er­for­dern Dut­zen­de For­mu­la­re und viel Ge­duld. In Tsche­chi­en ist es we­ni­ger auf­wän­dig, aber auch Ha­dra­vas Bau­fort­schrit­te wur­den re­gel­mä­ßig über­prüft, End­ab­nah­me und Test­flug über­nahm ein Test­pi­lot. Seit­dem ist Ha­dra­vas Frei­heit fast gren­zen­los, auf Start- und Lan­de­er­laub- nis­se ist er nicht an­ge­wie­sen. Grund: Er be­wegt sich stets in ge­rin­ger Hö­he (ma­xi­mal 1000 Fuß, cir­ca 300 Me­ter) über länd­li­chem Ge­biet, im wei­test­ge­hend un­re­gu­lier­ten so­ge­nann­ten „Luf­t­raum Golf“. Da­mit hat Ha­dra­va ei­ne all­ge­mei­ne Er­laub­nis zum Flie­gen, wann und wo­hin er will, so­lan­ge die Be­din­gun­gen für Sicht­flug er­füllt sind, er den Bo­den so­wie den Luf­t­raum um sich her­um sieht und sich von Wol­ken fern­hält. An­sons­ten ist er auf ei­ge­nes Ri­si­ko un­ter­wegs – wie je­der an­de­re Pend­ler auch. „Zur Fa­b­rik zu flie­gen, macht ei­nen Ar­beits­tag zu et­was ganz Be­son­de­rem.“

Öf­ter als zehn Mal sei er bis­lang nicht zur Ar­beit ge­flo­gen. Zwei­ein­halb Jah­re Ar­beit al­so, um zehn mal zwei mal sie­ben Mi­nu­ten zu spa­ren – die zu al­lem Über­fluss auch noch von den Flug­vor­be­rei­tun­gen wie­der auf­ge­fres­sen wer­den. Das vi­el­leicht kras­ses­te Miss­ver­hält­nis von Auf­wand und Er­trag al­ler Zei­ten? Auf die Fra­ge, was er de­nen ent­geg­net, die das so se­hen, sagt Fran­tisˇek Ha­dra­va nach­sich­tig: „Ich wür­de ih­nen vor­schla­gen, mehr zu träu­men.“

„Tu, wor­in du gut bist und was dir Spaß macht. Und lass die Leu­te ein­fach re­den“

FO­TO: GETTYIMAGES

Fran­tisˇek Ha­dra­va hat sich ein ei­ge­nes Flug­zeug ge­baut. Da­mit fliegt der Tsche­che nun zur Ar­beit.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.