Foul­spiel beim Dop­pel­pass

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON GRE­GOR MAYNTZ

BER­LIN Der Dop­pel­pass ist im Fuß­ball ein be­währ­tes tak­ti­sches Mit­tel, den Ball ins Tor zu krie­gen. Klappt nicht im­mer, aber oft. Der Er­folg ist je­den­falls mess­bar. Der Dop­pel­pass in Form der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft dient laut Ge­set­zes­be­grün­dung in der Po­li­tik da­zu, die In­te­gra­ti­on von Men­schen mit aus­län­di­schen Wur­zeln in Deutsch­land zu er­leich­tern. Ob das klappt, lässt sich schwer mes­sen. Und des­halb war es für ei­ne 319-zu-300-Stim­men-Mehr­heit beim CDU-Bun­des­par­tei­tag ver­gan­ge­ne Wo­che in Es­sen das idea­le Mit­tel, um das Pro­fil der Par­tei zu schär­fen.

Denn der Dop­pel­pass ge­hör­te nie zum Mar­ken­kern der CDU, ganz im Ge­gen­teil: Der hes­si­sche CDU-Po­li­ti­ker Ro­land Koch konn­te An­fang 1999 mit Hil­fe ei­ner Kam­pa­gne ge­gen die von der neu­en rot-grü­nen Bun­des­re­gie­rung ge­plan­te Dop­pel­staats­bür­ger­schaft so vie­le An­hän­ger mo­bi­li­sie­ren, dass ihm über­ra­schend der CDU-Wahl­sieg im ro­ten Hes­sen ge­lang. Uni­ons­po­li­ti­ker ha­ben den Dop­pel­pass seit­dem als Mög­lich­keit ab­ge­spei­chert, Stim­mung für die ei­ge­ne Sa­che zu ma­chen. Um­ge­kehrt steht seit­dem im rot-grü­nen La­ger je­de Po­li­tik ge­gen den Dop­pel­pass un­ter dem Ver­dacht, Aus­län­der­hass zu schü­ren. Stets wird dar­an er­in­nert, dass Bür­ger an die hes­si­schen CDU-Stän­de mit der Fra­ge her­an­ge­tre­ten sei­en: „Kann ich hier ge­gen Aus­län­der un­ter­schrei­ben?“

Der Um­gang mit der Na­tio­na­li­tät ei­nes Men­schen ist vie­len his­to­ri­schen Wand­lun­gen und re­gio­na­len Be­son­der­hei­ten un­ter­wor­fen. Bringt ei­ne Schwan­ge­re wäh­rend ei­nes Flu­ges von Ham­burg nach San Fran­cis­co über den USA ihr Kind zu Welt, so ist es Ame­ri­ka­ner. Da­hin­ter steht die Auf­fas­sung, dass der Ge­burts­ort al­lein maß­geb­lich für die Staats­an­ge­hö­rig­keit ist. Die­ses Prin­zip galt bis ins 19. Jahr­hun­dert auch in Deutsch­land, wur­de 1913 je­doch ab­ge­schafft. Fort­an gab es nur noch das Ab- stam­mungs­recht. Ius san­gui­nis statt ius so­li – Blut statt Bo­den.

Mit der zu­neh­men­den Zahl von Aus­län­dern, die Deutsch­land als dau­er­haf­te neue Hei­mat wähl­ten, kam das Bluts­recht un­ter Druck, wuchs die Nei­gung, den in zwei­ter Ge­ne­ra­ti­on auf­wach­sen­den Kin­dern zur fak­ti­schen Zu­ge­hö­rig­keit zu Deutsch­land auch die recht­li­che zu ge­ben. Die heu­ti­ge Form der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft kam in zwei Schrit­ten. Zu­nächst er­mög­lich­te Rot­Grün den hier ge­bo­re­nen Kin­dern aus­län­di­scher El­tern ab dem Jahr 2000 au­to­ma­tisch die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit. Aber wenn sie über ih­re El­tern auch noch ei­nen an­de­ren Pass be­sa­ßen, hat­ten sie sich zwi­schen ih­rem 18. und 23. Le­bens­jahr zu ent­schei­den: be­hal­ten sie die deut­sche oder die an­de­re? Sie muss-

Uni­ons­po­li­ti­ker ha­ben den Dop­pel­pass als Mög­lich­keit ab­ge­spei­chert, Stim­mung zu ma­chen

ten op­tie­ren.

Die­ser Op­ti­ons­zwang hat­te sich nach Auf­fas­sung der SPD nicht be­währt. Im Um­gang mit EU-Aus­län­dern ver­zich­te­te Deutsch­land oh­ne­hin dar­auf. Al­so war es vor al­lem auf Kin­der tür­ki­scher Ein­wan­de­rer an­zu­wen­den, und von de­nen woll­ten vie­le so­wohl die Rech­te in ih­rem Hei­mat­land Deutsch­land wahr­neh­men als auch ih­re Bin­dun­gen und Fa­mi­li­en­tra­di­tio­nen zum Her­kunfts­land Tür­kei nicht kap­pen. Für die SPD wur­de das En­de der Op­ti­ons­pflicht zur Be­din­gung für ei­ne Ko­ali­ti­on mit der Uni­on. Nach­dem CSU-Chef Horst See­ho­fer den Dop­pel­pass be­reits bei den Son­die­run­gen mit den Grü­nen auf dem Sil­ber­ta­blett an­ge­bo­ten hat­te, wur­de die­ser Punkt in den Ver­hand­lun­gen mit der SPD 2013 nicht mehr zum Streit­punkt. Die Pflicht, sich zu ent­schei­den, fiel En­de 2014.

Er­hal­ten blieb ei­ne Rei­he von Vor­aus­set­zun­gen: Ih­ren deut­schen und ei­nen an­de­ren Pass be­hal­ten darf nun ei­ne Per­son, de­ren El­tern Aus­län­der sind, die selbst hier ge­bo­ren wur­de, die an ih­rem 21. Ge­burts­tag min­des­tens acht Jah­re in Deutsch­land ge­lebt und sechs Jah­re ei­ne Schu­le nebst deut­schem Ab­schluss be­sucht hat.

FO­TOS: IMA­GO; GET­TY

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.